Das Irak-Trauma der Amerikaner

Der Iran-Konflikt weckt bei vielen Amerikanern Erinnerungen an das letzte Mal, als die USA in einen Krieg in Nahost zogen. Zu Recht?

Architekten des Einmarschs im Irak: Präsident George W. Bush, Vizepräsident Dick Cheney, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld.

Architekten des Einmarschs im Irak: Präsident George W. Bush, Vizepräsident Dick Cheney, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld.

(Bild: Keystone)

Alan Cassidy@A_Cassidy

Ist der Iran der neue Irak? Wiederholt sich in diesen Tagen gerade die Geschichte? Nach der Tötung des iranischen Generals Qassim Soleimani befürchten viele in den USA, dass das Land in einen neuen Krieg in Nahost schlittern könnte, oder eher: getrieben werden könnte. «Es sieht aus und hört sich an wie 2003», schreibt die «Washington Post». «Es ist schon wieder 2003», titelt das Magazin «The Atlantic»: Man brauche gar nicht besonders scharf zu gucken, um zu erkennen, wie sehr die gegenwärtige Krise an das Vorspiel zum Einmarsch in Irak erinnere. «Warum nur fühlt sich das alles genauso an wie 2003?», fragt auch der «Guardian».

Zumindest in den Studios der grossen TV-Sender gab es zuletzt tatsächlich einiges, das diesen Eindruck unterstrich. Das gilt besonders für Fox News. Dort trat zum Beispiel Ari Fleischer auf, der frühere Pressesprecher von US-Präsident George W. Bush. Fleischer war ein prominenter Befürworter der Invasion in Irak, und er klang nun ähnlich optimistisch, was die Aussichten der USA im Iran betrifft.

«Ein grosser Sieg»

Soleimanis Tötung, prophezeite er, werde sich als Segen erweisen für all jene Kräfte im Iran, die nun das Ableben des Revolutionsgarden-Generals bejubelten. «Das wird Druck auf die iranische Regierung aufsetzen, mit ihrem Terrorismus aufzuhören.» Neben Fleischer sass Karl Rove, Bushs früherer Chefstratege, und nannte Soleimanis Tod einen «grossen Sieg», der zu «Stabilität und Mässigung in Nahost» führen werde.

Und es blieb nicht bei den altbekannten Falken. Bei NBC verteidigte Jeh Johnson, Minister für Heimatschutz unter Barack Obama, den Drohnenangriff: Trump habe das absolute Recht gehabt, gegen Soleimani vorzugehen, ohne den Kongress zu informieren. Was der Fernsehsender nicht erwähnte: Johnson sitzt auch im Aufsichtsrat der Rüstungsschmiede Lockheed Martin, deren Aktienkurs seit Ausbruch der Krise Anfang Jahr deutlich zugelegt hat.

So wie damals dreht sich auch heute vieles um die Frage, was die Amerikaner ihrer Regierung glauben sollen, wenn diese von Bedrohungen spricht, denen man entgegentreten müsse. 2003 waren das vor allem die angeblichen Massenvernichtungswaffen, die der irakische Diktator Saddam Hussein hergestellt habe, sowie seine Verbindungen zur Terrorgruppe al-Qaida, die für die Anschläge vom 11. September 2001 verantwortlich war. Die Vorwürfe wiesen sich später als falsch heraus.

Die Frage nach den Beweisen

Heute begründet die US-Regierung die Ausschaltung Soleimanis mit der «unmittelbar» bevorstehenden Bedrohung, die von diesem für die USA ausgegangen sei. Worin diese Bedrohung bestand, vermochte Aussenminister Mike Pompeo zum Ärger der Demokraten im Kongress jedoch nicht zu sagen. Es blieb bisher bei eher vagen Andeutungen auf Geheimdienstinformationen. Dafür stellte Vizepräsident Mike Pence eine Verbindung zwischen Soleimani und 9/11 her, die zumindest fragwürdig war.

Und dann ist da auch noch der Umstand, dass sich der aktuelle Präsident in einem wichtigen Punkt nicht unterscheidet von seinem Vorvorgänger: Sowohl Bush wie auch Trump hatten in ihrem Wahlkampf versprochen, keine neuen Kriege zu beginnen. Die Zeit des «Nation-Building» sei vorbei, sagte Bush – und verfolgte dann doch genau dies. Er wolle keine «endlosen Kriege» mehr, sagte Trump – und schickt nun doch Tausende zusätzliche Soldaten in die Region. Für den «Atlantic» gibt es noch mehr Parallelen, eine militärische Führung etwa, die auf einen Konflikt gar nicht vorbereitet sei, und eine Regierung, die ihre Fähigkeiten überschätze.

Eher grösser als die Parallelen sind jedoch die Unterschiede. Die Irak-Politik der Bush-Regierung war, auch wenn sie brutal scheiterte, ideologisch unterfüttert von einer Fraktion um Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, die überzeugt war, dass der Sturz Saddams zu einer Demokratisierung des Nahen Ostens führen werde. Bei Trumps Iran-Politik fällt es dagegen schwer, eine theoretische Fundierung zu erkennen, geschweige denn eine Strategie. Wollen die USA einen Regimewechsel in Teheran herbeiführen, eine Neuverhandlung des Nuklearabkommens erzwingen, die Machtbalance in der Region verändern? Das ist den wenigsten klar.

Kritische Medien, kritische Öffentlichkeit

Ganz anders nimmt sich zudem das politische Umfeld aus. 2003 stützte die Führung der oppositionellen Demokraten den Kurs der Bush-Regierung. Heute haben alle wichtigen Vertreter der Partei die Tötung Soleimanis und die damit verbundene Eskalation des Konflikts verurteilt. Und während damals auch linksliberale Leitmedien wie die «Washington Post» den Einmarsch im Irak befürworteten (die Zeitung publizierte in den Monaten vor der Invasion 27 Leitartikel mit dieser Stossrichtung), überwiegt heute in vielen Redaktionen die Kritik an der Nahostpolitik der Trump-Regierung. Diese Skepsis deckt sich mit jener einer kriegsmüden Öffentlichkeit. Eine Mehrheit der Amerikaner betrachtet den Irakkrieg, der 4400 getötete und 32’000 verwundete US-Soldaten forderte, inzwischen als Fehler – als grosses Trauma. Ein Trauma, das sich nicht wiederholen soll.

DerBund.ch/Newsnet

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