China nutzt Trumps Wissenslücke

China wird die USA bei den Forschungsausgaben überflügeln. Mitschuldig ist das Desinteresse der Regierung Trump an den Wissenschaften.

Washingtons schrille Töne zur Einwanderung sowie neue Visa-Restriktionen schrecken Forscher aus anderen Nationen ab: US-Präsident Donald Trump vor dem Weissen Haus.

Washingtons schrille Töne zur Einwanderung sowie neue Visa-Restriktionen schrecken Forscher aus anderen Nationen ab: US-Präsident Donald Trump vor dem Weissen Haus. Bild: Saul Loeb/AFP

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«Wenn es so weitergeht, wird China bald an uns vorbeiziehen», warnte der demokratische Senator Bill Nelson (Florida) bei einer Kongressanhörung im Januar. Seine Sorge galt nicht dem Militär oder der Wirtschaft, sondern der Forschung. Nelson erwies sich als Hellseher: Laut dem «National Science Board», einem koordinierenden Gremium der US-Forschung, wird China die USA am Ende des Jahres bei den Ausgaben für Forschung überholen.

Dafür verantwortlich ist nicht nur Pekings aggressive Wissenschaftspolitik, die das Land an die Weltspitze führen will. Die Zeitenwende verdankt sich gleichermassen dem profunden Desinteresse von Donald Trumps Regierung an der Wissenschaftsförderung sowie ihren Scheuklappen beim Klimaschutz. Und zogen die USA bislang wissenschaftliche Talente aus aller Welt an, so schrecken Washingtons schrille Töne zur Einwanderung sowie neue Visa-Restriktionen Forscher aus anderen Nationen ab.

Symbolisiert wird das fehlende Interesse des Weissen Hauses an den Wissenschaften durch die verwaiste Stelle des präsidialen Wissenschaftsberaters. Fungierte unter Barack Obama der Physiker John Holdren als Berater des Präsidenten und dirigierte 135 Mitarbeiter im «Office of Science and Technology Policy» im Weissen Haus, so ist 500 Tage nach Trumps Amtsantritt noch immer kein Nachfolger Holdrens ernannt worden.

Seltsame Figuren statt Bill Gates

An Stelle eines Wissenschaftlers leitet der 31-jährige Michael Kratsios, ein Politologe und Spezialist für hellenische Studien, als Assistent des Präsidenten interimistisch das auf 55 Mitarbeiter geschrumpfte Wissenschaftsbüro. Im März holte sich Trump eine Abfuhr, als er den Posten allen Ernstes Microsoft-Gründer Bill Gates anbot. «Das ist keine gute Nutzung meiner Zeit», zog sich Gates aus der Affäre.

Statt grosser Namen zieht die Regierung Trump im Gefolge ihrer Attacken auf den Klimaschutz eher seltsame Figuren an. Als Vorsitzende des «Council for Environmental Quality», dem unter anderem die Entwicklung von Umweltinitiativen zufällt, nominierte Trump die Texanerin Kathleen White. Sie hatte Kohlendioxid als «Gas des Lebens» gepriesen und menschliche Einflüsse auf den Klimawandel bezweifelt. Nachdem sich 300 Wissenschaftler im November 2017 gegen White ausgesprochen und auch republikanische Senatoren Zweifel an ihrer Qualifikation angemeldet hatten, zog Trump die Nominierung im Februar zurück.

«Signifikante Bedrohung akademischer Freiheit»

Nicht nur setzte das Weisse Haus im Etat 2018 bei der Förderung von Klimawissenschaften den Rotstift an. In einem Brief an die Rektorin der kalifornischen Staatsuniversitäten im Mai befürchteten die Fakultäten der Unis, dass Forschungszuschüsse aus Washington künftig nach ideologischen Gesichtspunkten vergeben würden. Die Überprüfung von Bewerbungen für Zuschüsse durch die Regierung Trump stelle eine «signifikante Bedrohung akademischer Freiheit» dar, heisst es in dem Schreiben.

Dass das traditionelle Forschungsparadies USA tatsächlich von China bedroht wird, zeigt die Abwanderung talentierter Wissenschaftler nach Fernost. «Im Moment ist China der beste Ort, um ein eigenes Labor zu starten», zitierte die «Washington Post» den spanischen Genetiker Jose Pastor-Pareja, der von der Yale-Universität nach Peking wechselte. Als die Sowjets 1957 überraschend ihren Sputnik-Satelliten in eine Erdumlaufbahn schossen, reagierte Washington schnell und nachhaltig: Die staatliche Wissenschaftsförderung wurde verstärkt und die Ausbildung von Wissenschaftlern forciert. Davon kann jetzt keine Rede sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2018, 18:51 Uhr

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