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Biedermänner und Filmemacher

Ein Amateurfilm liefert den Vorwand für blutige Krawalle im Nahen Osten. Das ist kein Zufall. Die US-Rechte fertigt die Provokationen – und schlägt danach Kapital aus den Folgen.

Amerikanische Extremisten haben es wieder einmal geschafft, gewaltsame Unruhen im Nahen Osten zu provozieren: Demonstranten vor dem US-Konsulat in Casablanca. (12. September 2012)
Amerikanische Extremisten haben es wieder einmal geschafft, gewaltsame Unruhen im Nahen Osten zu provozieren: Demonstranten vor dem US-Konsulat in Casablanca. (12. September 2012)
Reuters
Mit seinem Interesse verhalf er dem Film von Nakoula Basseley Nakoula zu zusätzlicher Popularität: Pastor Terry Jones, der im April 2012 mit einer öffentlichen Koran-Verbrennung grosses Aufsehen erregt hatte. (8. September 2010)
Mit seinem Interesse verhalf er dem Film von Nakoula Basseley Nakoula zu zusätzlicher Popularität: Pastor Terry Jones, der im April 2012 mit einer öffentlichen Koran-Verbrennung grosses Aufsehen erregt hatte. (8. September 2010)
Reuters
Er amtiert derzeit als eine Art Sprecher für den untergetauchten Regisseur Nakoula: Ex-Vietnam-Veteran Steve Klein. Seine Organisation heisst Courageous Christians United und ist spezialisiert darauf, Abtreibungskliniken zu sabotieren. Zudem ist Klein aktiv in der rechtsextremen Militia-Szene. (12. September 12)
Er amtiert derzeit als eine Art Sprecher für den untergetauchten Regisseur Nakoula: Ex-Vietnam-Veteran Steve Klein. Seine Organisation heisst Courageous Christians United und ist spezialisiert darauf, Abtreibungskliniken zu sabotieren. Zudem ist Klein aktiv in der rechtsextremen Militia-Szene. (12. September 12)
Reuters
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Das grösste Festival der Arabischamerikaner findet jedes Jahr in Dearborn, Michigan, statt, der US-Stadt mit dem höchsten Anteil arabischstämmiger Einwohner (42 Prozent). Das Festival ist im Grunde ein Jahrmarkt mit Konzerten, Achterbahnen und «Miss Arab USA»-Wahlen. Seit Jahren zieht das Festival zudem immer mehr selbst ernannte christliche «Missionare» aus dem ganzen Land an.

So standen auch im Juni 2012 wieder Dutzende dieser Bible Believers, wie sie sich nennen, vor den Festivaltoren. Drei Tage lang präsentierten sie den Arabischamerikanern einen abgeschnittenen Schweinekopf und riefen ihnen zu: «Ihr werdet in der Hölle brennen! Der Islam ist eine Religion von Blut und Mord! Mohammed ist ein Lügner, ein falscher Prophet, Mörder und Kinderschänder

Am dritten Festivaltag begannen Besucher, die Missionare mit Cola-Büchsen zu bewerfen. Es kam zu Handgreiflichkeiten. Auch ein paar der christlichen Schweinekopfträger kamen in Polizeigewahrsam, worauf sie drohten, nächstes Jahr in Hundertschaften wiederzukommen.

Die Lunte wurde in Kalifornien gezündet

Willkommen in der amerikanischen Anti-Muslim-Szene, dem Humus, auf dem «Innocence of Muslims» (Unschuld der Muslime) gediehen ist: jener angeblich zwei Stunden lange Amateurfilm, der nun als Vorwand herhalten darf für den Lynchmord an vier US-Diplomaten im libyschen Benghazi und für die andauernden Krawalle in der arabischen Welt. Der Film ist nicht die spontane Eingebung eines eifrigen Möchtegern-Satirikers. Seine Handlung illustriert vielmehr genau das, was die bigotten Demonstranten am Arabien-Festival von Dearborn herumbrüllten – und was seit Jahren auf den Internetseiten von US-Evangelikalen kompostiert wird.

Noch selten hat ein Fall derart offen illustriert, wie einträglich die Internationale der religiösen Intoleranz zusammenarbeitet. Getötet wurden die Diplomaten von einem libyschen Mob. Angezündet wurde die Lunte aber in Kalifornien von Extremisten, die sich in den USA auf ein Meinungsäusserungsrecht berufen können, das Machwerke schützt, die in der Schweiz wegen Störung des Religionsfriedens (Art. 261, Strafgesetzbuch) ziemlich sicher angezeigt würden.

Der Filmemacher wusste genau, was er anrichten würde

Nakoula Basseley Nakoula, der koptisch-christliche Kalifornier mit dem Übernamen Sam Bacile, wusste genau, was er mit seinem Film anrichten würde. Der verurteilte Kreditkartenbetrüger liess zunächst einige Laien- und Billigschauspieler einen angeblichen Abenteuerfilm spielen. Danach synchronisierte er das Ergebnis um und schnitt das Ganze zusammen unter dem Titel «Innocence of Bin Laden».

Die erste Aufführung des Streifens am 23. Juni in einem gemieteten Kino in Hollywood war ein Flop. Nicht einmal zehn Leute seien gekommen, berichtet einer der damaligen Zuschauer. In den folgenden Wochen zerstückelte Nakoula alias Bacile den Film in einige Trailer und in eine 14-Minuten-Zusammenfassung, die er im Juli auf Youtube stellte. Aber noch immer erregte er nur in der US-Szene Aufmerksamkeit.

Vor allem bei Pastor Terry Jones aus Florida, der im April 2012 weltweit Berühmtheit erlangte mit einer öffentlichen Koran-Verbrennung. Es ist bittere Ironie, dass damit der erste Fan von Nakoulas Film genauso heisst wie ein Mitglied jener Monty Python, die mit «Life of Brian» eine tatsächlich träfe und einflussreiche Religionssatire schufen.

Amerikanische Extremisten provozieren diese Unruhen ganz gezielt

Doch Nakoula hielt sich kaum mit Satire auf. Bis September wurde sein Film arabisch synchronisiert. Es ist unklar, ob er das selber veranlasste. Sicher ist, dass er und Terry Jones zu diesem Zeitpunkt bereits auf arabischsprachigen Blogs für eine öffentliche Visionierung einer Kurzversion am 11. September in Florida warben. Arabisch synchronisiert konnte das inzwischen in «Innocence of Muslims» umbenannte Werk endlich im Nahen Osten seine giftige Wirkung entfalten. Mit den bekannten Folgen.

Damit haben amerikanische Extremisten es zum zweiten Mal in diesem Jahr geschafft, gewaltsame Unruhen im Nahen Osten zu provozieren. Der erste Brandstifter war Pastor Jones selbst, dessen monatelang angekündigte Verbrennung eines Korans afghanischen Eiferern danach den Vorwand lieferte, ein UNO-Zentrum in Afghanistan anzugreifen und sieben Mitarbeiter zu töten. Kann Jones etwas dafür? Immerhin liess er die Verbrennung filmen und arabisch untertiteln, bevor er sie ins Internet stellte. Wohl um sicherzugehen.

Die Provokateure sind keine einsamen Verirrten

Diese beiden professionellen Provokateure sind keine einsamen Verirrten. Inzwischen ist klar, dass sowohl Nakoula als auch Jones Kontakte zu Figuren wie Pamela Geller und Steve Klein pflegen. Geller, reiche Jetsetterin und Ex-Journalistin aus New York, ist eines der populärsten Aushängeschilder der Anti-Islam-Szene. Über ihre Gruppe Stop Islamization of America verbreitet sie abstruseste Verschwörungstheorien. Vor allem diese: Die USA werden bereits von einem Islamisten aus der Fünften Kolonne regiert – von Barack Obama.

Vietnam-Veteran Klein amtiert derzeit als eine Art Sprecher für den untergetauchten Regisseur Nakoula. Seine Organisation heisst Courageous Christians United und ist spezialisiert darauf, Abtreibungskliniken zu sabotieren. Zudem ist Klein aktiv in der rechtsextremen Militia-Szene. Die Bürgerrechtsorganisation Southern Poverty Law Center, die auch Geller seit Jahren beobachtet, hält Klein für einflussreich und gefährlich.

Fox News mischt ganz vorne mit

Pamela Geller muss ihre Theorien allerdings nicht vom stillen Kämmerlein aus verbreiten. Sie hat Zugang zur mächtigsten Echokammer des Landes, zu Rupert Murdochs konservativem Sender Fox News. Seit letztem Jahr wird sie dort regelmässig als «Expertin» angefragt. Seit nämlich Fox eine Kampagne gegen ein geplantes islamisches Zentrum in Manhattan begann.

Von Fox sind die Verbindungen zur republikanischen Partei schnell hergestellt. Ebenfalls regelmässig zu Gast beim Sender sind nämlich auch Ex-Grössen der letzten Bush-Administration. Wie John Bolton, unter Bush Botschafter bei der UNO und heute aussenpolitischer Berater von Kandidat Mitt Romney. Als einer der wenigen Konservativen nimmt er Romney entschieden in Schutz gegen den Vorwurf, mit der Tragödie von Benghazi billige politische Punkte schinden zu wollen.

«Der Eindruck amerikanischer Schwäche lieferte das Fundament für diese Angriffe», findet Bolton, «und schuld daran sind vor allem die aussenpolitischen Fehler der Obama-Administration und ihr Mangel an Entschlossenheit.» So schliesst sich der Kreis: Der konservative Untergrund fabriziert die Provokationen. Der islamistische Untergrund inszeniert die Krawalle. Und die konservativen Biedermänner machen Obama für die Gewalt verantwortlich, unterstützt von rechten Radiotalkern, Onlinemedien und Fox News.

Das Tauschgeschäft am rechten Rand

Ein besonders unappetitliches Detail illustriert dieses Tauschgeschäft: Der grausame Tod des US-Botschafters Chris Stevens ist dokumentiert. Handyfotos zeigen, wie seine Leiche vom triumphierenden Mob durch Benghazis Strassen geschleppt wird. Gezeigt haben diese Bilder nur US-Onlinemedien des rechten Rands wie Drudgereport.com, Dailycaller.com und Rupert Murdochs «New York Post». Als Fotoquelle stand jeweils: «Amateurbild».

So lassen sich also ausgerechnet jene von den Tätern mit Trophäenfotos bedienen, die danach die Regierung dafür rügen, zu wenig Härte gegenüber besagten Tätern zu beweisen. Für Mitt Romneys Wahlkampf scheint sich dieser degoutante Deal derzeit nicht auszuzahlen. Wehe dem Nahen Osten, wenn sich das noch ändern sollte.

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