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Biden soll McCains Vormarsch stoppen

Senator Biden bringt Erfahrung und Angriffigkeit in eine Wahlkampagne, die ins Stocken geraten ist. Barack Obama hat Mühe, seinen Gegner John McCain auf Distanz zu halten.

Gemeinsam gegen McCain: Joe Biden (r.) und Barack Obama wollen ins Weisse Haus.
Gemeinsam gegen McCain: Joe Biden (r.) und Barack Obama wollen ins Weisse Haus.
Keystone

Leicht machte sich Barack Obama die Wahl des Stellvertreters nicht, ein Test für sein politisches Gespür und Kalkül. Mehr als zwei Monate lang prüften er und ein kleines, verschwiegenes Team von Insidern ein halbes Dutzend Kandidaten. Hillary Clinton wurde indessen nie ernsthaft in Erwägung gezogen, obwohl sie ihr Interesse angemeldet hatte. Die ist eine Wunde, die das neue Team Obama/Biden am Parteitag in Denver noch heilen muss.

Entscheidung in Hawaii

Obama entschied sich in den Ferien in Hawaii vor zehn Tagen für Joe Biden und teilte ihm dies kurz vor dem ersten gemeinsamen Auftritt in Springfield (Illinois) mit, am exakt gleichen Ort, wo Obama vor 19 Monaten seine Kandidatur lanciert hatte. «Joe hat Zähigkeit bewiesen, er ist ein Kämpfer», so Obama vor einer begeisterten Menge. «Er ist ein Staatsmann, der sich nicht aufzuplustern braucht, um die USA stark erscheinen zu lassen.» Mit diesem Seitenhieb auf die Regierung Bush machte Obama klar: Biden ist zwar ein Washington-Insider, noch mehr aber ist er der Anti-Bush und steht damit für jenen Wandel, den er versprochen hat.

Drahtzieher wie Cheney

Warum sich Obama für Biden ? und gegen jüngere Kräfte wie Evan Bayh, Tim Kaine oder Kathleen Sebelius – ausgesprochen hat, ist auch seinem engeren Stab nicht ganz klar. Die Wahl sei eine persönliche Sache gewesen, erklärte der Chefstratege David Axelrod; Obama habe sie sorgfältig und rational vorbereitet. Letztlich dürfte ein klassisches Ausschlussverfahren zum Zug gekommen sein, das Vorteile und Risiken mit Biden als optimal erscheinen liess. Der 65-jährige Senator ist in Washington eine bekannte, respektierte Grösse; er hat in über 30 Jahren im Senat ein dichtes Beziehungsnetz aufgebaut und wäre einem Kabinett Obama in Zukunft allein in dieser Hinsicht eine unschätzbare Hilfe. Ähnlich wie Dick Cheney in der Regierung Bush kann Biden Fäden ziehen und Allianzen schmieden; er kann Mehrheiten beschaffen, ohne die ein Präsident Obama sich nicht durchsetzen kann.

Frechheit Bidens kann von Nutzen sein

Biden hat einige Schwächen, die indessen weitherum bekannt und kaum mehr anstössig sind. Er ist ein Vielredner und Selbstdarsteller; seine lose Zunge bringt ihn oft in Schwierigkeiten. Selbst am Samstag, auf der Bühne mit Obama, konnte er sich eine leicht sexistische Bemerkung nicht verkneifen. Doch im Wahlkampf kann diese Frechheit von Nutzen sein, umso mehr, als Obama offenkundig Mühe hat mit der direkten Konfrontation des Gegners John McCain.

Biden bewies bereits, dass er die Rolle des Wadenbeissers durchaus gerne spielen will. Er kenne John McCain seit über 30 Jahren und wisse in ihm einen guten Freund. «Aber offen gesagt, ich bin von McCain enttäuscht. Er hat dem rechten Flügel seiner Partei nachgegeben und unterstützt nun genau die gleichen perfiden Attacken, die er früher verurteilte.» Obama dagegen «hat ein Rückgrat aus Stahl«, konterte Biden die Anwürfe der Republikaner, die McCain als den einzig Aufrechten zu vermarkten hoffen.

Biden erlebte Familientragödie

Für Biden sprach auch dessen Lebensgeschichte, mit dem tragischen Verlust seiner ersten Frau und zweier Kinder in einem Autounfall. Obama und Biden mussten sich aus einfachen Verhältnissen und gegen widrige Umstände hochkämpfen: Obama als Sohn einer alleinerziehenden Mutter aus dem Mittleren Westen; Biden als Sohn eines stolzen irischen Vaters, der seine Familie teils mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten musste. Auch dies in einem scharfen Kontrast zur Dynastie Bush und dem mit allen Mitteln ins Weisse Haus gestemmten George W. Bush.

Die Herkunft Bidens ist aus einem weiteren Grund ein Trumpf für Obama. Scranton in Pennsylvania bildet dabei den Kreuzungspunkt. Joe Biden wuchs ebenso in dieser alten Industriestadt auf wie der Vater von Hillary Clinton. Die Region ist klassisch demokratisches Terrain und stimmte in den Vorwahlen mit überwältigender Mehrheit für Hillary Clinton. Die Arbeiterklasse ist eine kritische Wählermasse, die Obama noch nicht von sich überzeugt hat und die gemäss Umfragen mit einer Wahl von John McCain liebäugelt oder gar nicht erst abstimmen wird.

Bidens exzellente Beziehungen

Es ist eine der drängenden Aufgaben von Joe Biden, diese wankelmütige, von der Rezession stark betroffene Wählerschaft zu überzeugen; ein Auftrag, den er bereits am Sonntag anzupacken begann. Er reiste an den Parteitag in Denver, um die Anhänger von Hillary Clinton zu treffen und deren Irritation über das als arrogant empfundene Verhalten von Obama auszuräumen. Biden verfügt über exzellente Beziehungen zu den Gewerkschaften und machte sich um mehrere frauenfreundliche Gesetze verdient, darunter wegweisende Erlasse gegen häusliche Gewalt und für die Lohngleichheit. Wer unschlüssig ist, wo Obama politisch steht, kann die Abstimmungen im Senat vergleichen: Obama und Biden stimmten in 91 Prozent aller Fälle gleich ab; was mit aller Klarheit bestätigt, dass Obama ein Mann der gemässigten Mitte ist und keineswegs ein waghalsiger, linker Reformer.

Es ist aufschlussreich, dass Caroline Kennedy, die Tochter von John F. Kennedy, sich im Auswahlkomitee von Obama für Biden stark machte und von ihrem Onkel, dem schwer kranken Senator Ted Kennedy, unterstützt wurde. Caroline Kennedy erklärte gestern, Biden sei mit Abstand der beste Kandidat gewesen und von Anfang auf der Liste des Komitees wie jener von Obama hoch oben gestanden.

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