Am dritten Tag ist Schluss mit Küsschen

Macron rechnete vor dem Kongress mit Trumps Aussenpolitik ab. Ist die Romanze zwischen den beiden vorbei?

Jeder Satz wirkt wie ein Hieb gegen Trumps America-First-Doktrin. Emmanuel Macron spricht vor dem US-Kongress. Video: Tamedia

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Die Umarmung ist innig. Und es scheint, der französische Präsident will den Amerikaner nicht mehr loslassen. Dann lösen sie sich für einen Moment, schauen sich in die Augen. Und umarmen sich erneut. Sie wirkt echt, diese Geste. Von beiden Seiten. Der Mann, den Emmanuel Macron da am Mittwochnachmittag am Ehrenmal von Martin Luther King in Washington festhält, ist eine Ikone der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. John Lewis. Er hat noch an der Seite von King für die Rechte der Schwarzen in den USA gekämpft. Und ist jetzt Kongressabgeordneter für die Demokraten.

Trump mag Lewis nicht besonders. Und umgekehrt ist es nicht anders. Lewis würde Trump am liebsten seines Amtes entheben. Er ist auch nicht zur Trumps Amtseinführung gekommen. Ein Affront für Trump. Diese Umarmung jetzt zwischen Macron und Lewis ist also auch ein Zeichen an Donald Trump: Der wahre Freund Frankreichs ist nicht Trump. Es sind Menschen wie Lewis.

Wie eine Befreiung für Macron

Macron trifft Lewis kurz nach dem Ende seiner Rede vor dem Kongress. Eine Rede, die wie eine Abrechnung mit Trumps Amerika wirkt. Und wie eine Befreiung für Macron selbst, der in den beiden Tagen davor nichts unversucht gelassen hat, dem US-Präsidenten zu schmeicheln und seine Gier nach Bestätigung und Anerkennung zu befriedigen.

Im Vorfeld des Besuches hat er noch auf Trumps Lieblingssender Fox News Gemeinsamkeiten herausgestellt. Dass sie beide keine Politiker seien. Dass sie beide auf Anhieb Präsidentschaftswahlen gewonnen hätten. Dass sie beide als Geschäftsleute erfolgreich gewesen seien und ähnliche Werte teilen würden.

Es gab dann während des Besuches öffentliche Umarmungen, Küsse, Getätschel zu jeder sich bietenden Gelegenheit. Macron lächelte Trump an, wenn der sprach. Nahm ihn an die Hand, zeigte sich sogar an dem Telefon interessiert, das auf Trumps Schreibtisch im Oval Office steht und vom US-Präsidenten als das beste und neueste Modell gepriesen wurde.

Video: Küsschen hier, Umarmung da

Immer aber war Macrons Kalkül spürbar: Trump sollte das Gefühl bekommen, in Macron einen echten Verbündeten, gar einen Gefährten zu haben. Einen, der ihn versteht, vielleicht sogar unterstützt. So wollte er ihn für die politischen Ziele gewinnen, mit denen er nach Washington gekommen war: das Atom-Abkommen mit Iran retten, Trump von einer Ausweitung seines Handelskrieges mit China auf die Europäische Union abhalten. Und über Klimaschutz reden.

Die ganze Schmuserei aber scheint nicht viel gebracht zu haben. Trump hat an keinem Punkt erkennen lassen, dass er zu Zugeständnissen bereit wäre. Schon gar nicht, was den Iran-Deal angeht, dessen Rettung Macron besonders wichtig war. Macrons Vorschlag, neben dem Atom-Abkommen eine weitere Übereinkunft mit Iran auszuhandeln, hat Trump gerade mal interessant gefunden.

Kurz vor seinem Abflug aus Washington sagte Macron am Mittwochabend vor Journalisten, er gehe davon aus, dass Trump den Deal Mitte Mai platzen lassen werde. Vor allem «aus innenpolitischen Gründen». Der Satz ist ein herber Schlag gegen Trump. Macht er doch klar, dass Trump aus Sicht von Macron offenbar kein anderes Argument hat, als mit der Aufkündigung des Deals seine eigene Wählerbasis befriedigen zu wollen.

Video: Trump dürfte sich gegen Iran-Atomabkommen entscheiden

Und so ist alles anders an diesem dritten Tag des Staatsbesuches. Macron versucht im Kongress nicht mal mehr, Verständnis für Trump aufzubringen. Jeder Satz wirkt wie ein Hieb gegen Trumps America-First-Doktrin. «Wir können uns für Isolationismus, Rückzug und Nationalismus entscheiden», sagt Macron. «Aber die Tür zur Welt zuzuschlagen, wird die Entwicklung der Welt nicht aufhalten.»

Er wirbt dafür, den Klimawandel ernst zu nehmen. «Wir haben keinen Planeten B!» Trumps Rückzug aus dem Klimaabkommen von Paris? Nur eine Episode. «Eines Tages werden die USA dem Abkommen wieder beitreten», sagt Macron. Und der Handelskrieg? Das sei keine angemessene Antwort. Am Ende des Tages werde er Jobs vernichten, die Preise erhöhen und die Mittelklasse werde den Preis dafür zahlen. Wenn es Probleme gebe, sollten die innerhalb der Welthandelsorganisation (WTO) besprochen und gelöst werden. Trump hält die ganze WTO für ein Desaster.

Aus Trumps «Make America great again» macht Macron: «Make our planet great again» – macht den Planeten wieder grossartig. Von den USA fordert er, die Prinzipien der internationalen Zusammenarbeit zu bewahren und zu erneuern, welche die USA einst eingeführt hätten. Nur mit einem «starken Multilateralismus» könnten die Gefahren eingedämmt werden, die die Welt bedrohten.

Mehr Applaus für Macron als für Trump

Es sind die Demokraten im Rund, die immer wieder klatschen und johlen und sich von ihren Sitzen erheben. Als würde gerade ihr nächster Präsidentschaftskandidat vor ihnen stehen. So haben sie ihn schon begrüsst, als er an das Rednerpult trat. Als Trump kürzlich seine erste Rede zur Lage an die Nation hielt, da sind die Demokraten fast durchgängig sitzen geblieben, die Hände im Schoss.

Interessant ist, wie Trump auf die Rede reagiert hat. Nämlich gar nicht. Auf Twitter, wo er sich am liebsten verbreitet, hat er über die Tage die schönsten Bilder und Videos von dem Besuch gepostet. Zuletzt schrieb er kurz vor Macrons Rede etwas zu seinem französischen Staatsgast. Dass er sich sehr auf die Rede freue. Und dass Macron «grossartig» sein werde – «GREAT». Nach der Rede kein Wort mehr über Macron. Wenn die viel beschriebene Romanze zwischen Trump und Macron noch Bestand hat, sie dürfte die ersten Risse bekommen haben.

Trump hat immerhin noch Kanye West als Freund

Es wird nicht besser für Trump in den kommenden Tagen. Am Freitag ist er mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Weissen Haus verabredet. Die Themen dürften die gleichen sein, die Macron schon erfolglos angesprochen hat. Mit dem Unterschied, dass Merkel bisher nicht viel unternommen hat, Trumps Sympathien zu gewinnen.

Wie gut, dass Trump noch andere Freunde hat. Den Rapper Kanye West etwa. Der hat auf Twitter geschrieben, Trump sei wie ein «Bruder» für ihn. Und dass der Mob da draussen ihn nicht davon abhalten könne, Trump zu lieben. Trump fand das «very cool». Solche Sätze hätte er sicher gerne auch von Emmanuel Macron gehört. Von Merkel kann er so etwas nicht einmal erwarten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2018, 09:29 Uhr

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