Als ob Trump Chef einer Putzkolonne wäre

Er feuert und heuert, demütigt und droht: Machen Trumps Opfer der Öffentlichkeit klar, wie es wirklich zugeht im Tollhaus?

Das jüngste Opfer: Ex-FBI-Vize-Chef McCabe wurde kurz vor der Pensionierung fristlos entlassen. (Video: Reuters)

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Mit jeder Woche, ja mit jedem Tag wird die Präsidentschaft Donald Trumps zu etwas nie zuvor Gesehenem und Erlebtem. Sie präsentiert sich als bizarres Schauspiel jenseits aller tradierten Normen, eine Horrorshow mit offenem Ende und bangen Zuschauern.

Trumps privater Krieg mit dem Porno-Star Stormy Daniels hätte jedem anderen Präsidenten schweren Schaden zugefügt. Oder ihn sogar erledigt. Nicht aber Trump, dessen Anwalt Michael Cohen der ehemaligen Sexpartnerin des Präsidenten am Freitagabend eine neue juristische Drohung zukommen liess: Sie schulde schon jetzt 20 Millionen Dollar an Strafzahlungen, eine Million für jede rechtswidrige Äusserung über ihre Beziehung zu Trump.

Schliesslich habe Daniels im Oktober 2016 gegen Zahlung von 130’000 Dollar juristisch bindend versprochen, den Mund zu halten. Trump und seine Anwälte «möchten die Wahrheit verstecken», reagierte Daniels’ Anwalt Mike Avenatti jetzt auf die neue Klage. Lockerlassen werden er und seine Mandantin vermutlich nicht.

Der FBI-Vize als Mitwisser

Die Eskalation der Sex-Story - wovor fürchtet sich Trump eigentlich? - wurde freilich überschattet von der hastigen Entlassung des stellvertretenden FBI-Direktors Andrew McCabe, rund 30 Stunden vor dessen Pensionierung. Der Rausschmiss nach zwei Jahrzehnten Dienst wird den FBI-Vize wahrscheinlich seine Pension kosten.

Geschasst wurde er wegen angeblich nicht autorisierter Kontakte zu Medien und nachfolgender Unwahrheiten, seit Monaten aber hatte McCabe den Zorn Trumps erregt. Der Präsident verlangte seinen Kopf. Denn McCabe ist Mitwisser. Ihm ist nicht nur bekannt, wie Trump mit dem im Mai 2017 gefeuerten FBI-Direktor James Comey umging. Auch gegenüber dem Vize verhielt sich Trump in höchstem Masse fragwürdig. Legt Sonderermittler Robert Mueller dem Präsidenten Justizbehinderung zur Last, ist McCabe ein Zeuge.

«Andrew McCabe gefeuert, grosser Tag für die hart arbeitenden Männer und Frauen des FBI. Grosser Tag für die Demokratie», twitterte Trump am Samstag. Prompt verlangte Trumps Anwalt John Dowd, nach der Entlassung McCabes müsse nun auch Mueller entlassen und die Russland-Untersuchung eingestellt werden. Dann machte Dowd einen seltsamen Rückzieher: Er spreche nicht im Auftrag des Präsidenten.

«Ich dachte, das ist der schwarze Freitag»

Die gehässige Attacke auf McCabe und Dowds verbaler Ausrutscher bezeugen nicht nur die wachsende Besorgnis Trumps vor dem ihm näher rückenden Sonderermittler. Sie offenbart überdies einen Präsidenten, der zusehends manisch agiert und Leute feuert und einstellt, als ob er Chef einer Putzkolonne wäre. Trump, konstatierte intern sein Stabschef John Kelly, sei die Hauptursache der Unruhe und des Chaos im Weissen Haus. Er telefoniere rund um die Uhr mit Vertrauten und Freunden und hole ihren Rat über Mitarbeiter und personelle Veränderungen ein. So krass geht es zu in Trumps Revier, dass Kelly am Freitag eine Sitzung aller Top-Mitarbeiter einberief und sie beruhigte: Niemand werde vorerst entlassen. «Ich dachte das ist der Schwarze Freitag – alle werden entlassen», scherzte Melania Trumps Stabschefin Lindsey Reynolds bei der Schmusestunde. «Ich kann nicht gefeuert werden, ich bin bereits zurückgetreten», warf Wirtschaftsberater Gary Cohn in die Runde.

Trump verbringt unterdessen noch mehr Zeit als sonst vor dem TV. Und unweigerlich klickt er «Fox News» an, wo ihn Sykophanten und Fans erbauen. Ihre medialen Huldigungen sind einträglich: Larry Kudlow, Cohns Nachfolger als Wirtschaftsberater, erfreute Trump als TV-Kommentator. Nun darf Kudlow ran, obschon er mit seinen Wirtschaftsprognosen meistens meilenweit danebenlag. Nachfolger von David Shulkin, dem angeschlagenen Minister für Veteranenangelegenheiten, könnte der 37-jährige Pete Hegseth werden. Er diente in Kuba und im Irak. Vor allem aber kommentiert er auf «Fox News». Und Trump hört ihm gern zu.

Superfalke im Anflug?

Aussenminister Rex Tillerson ist bereits gefeuert worden, er erhielt eine telefonische Vorwarnung von Stabschef Kelly, als er in Afrika wegen einer Darmerkrankung auf der Toilette sass. Als Steve Goldstein, im Aussenamt als Staatssekretär für Public Relations zuständig, der unwahren Darstellung des Weissen Hauses über den Hergang der Entlassung Tillersons in einem offiziellen Statement widersprach, geschah dreierlei. 1) US-Botschaften weltweit wurden angewiesen, Goldsteins Erklärung zu ignorieren. 2) Goldstein wurde gefeuert. 3) Aussenamts-Sprecherin Heather Nauert, vormals Moderatorin bei «Fox News», wurde zu Goldsteins Nachfolgerin ernannt. So funktioniert Trumps Administration.

Sicherheitsberater H.R. McMaster fliegt wahrscheinlich als nächster raus, womöglich ersetzt vom Superfalken John Bolton, der den Irakkrieg mitankurbeln half und jetzt auf Iran und Nordkorea losgehen möchte. Bolton ist Dauergast bei «Fox News» und sonderte kürzlich im «Wall Street Journal» ein erstaunliches Meinungsstück ab: «Warum ein Erstschlag gegen Nordkorea rechtlich zulässig ist», lautete die Überschrift.

Trump liebt Bolton auch deshalb, weil er ihm wie der neue Aussenminister Mike Pompeo nach dem Mund redet. Was seine Lakaien anstellen werden, wenn Trump in die Vollen geht und etwas völlig Idiotisches anordnet, steht in den Sternen. Werden sie ihm widersprechen und das Schlimmste verhindern? Oder katzbuckeln sie bis zum bitteren Ende?

Immerhin wächst die Hoffnung, dass sich unter Trumps vielen Opfern, den Gedemütigten und den Gefeuerten, tapfere Seelen finden, die den Amerikanern reinen Wein einschenken. Und vielleicht in Büchern und Artikeln auspacken, wie es wirklich zugeht im Tollhaus Trumps.

Trump als Bully

Wenn Leute «die Regierung verlassen und ein Buch schreiben und darin Vertrauliches offenbaren, das mag ich nicht», sagte Trump 2016 zur «Washington Post». Mit Drohungen und Klagen, mit Mobbing und Schikanen hat er stets zu verhindern versucht, dass seine dunklen Seiten ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt wurden. Als seine zweite Ehefrau Marla Maples 1999 drohte, Trump zu schildern, «wie er wirklich ist», hielt er 1,5 Millionen Dollar Alimente zurück - Trump als Bully.

Ex-Mitarbeiter wie Rex Tillerson oder Reince Priebus – «nehmen Sie alles, was sie gehört haben und multiplizieren Sie es mit 50», sagte er der Zeitschrift «Vanity Fair» über seine Arbeit als Trumps Stabschef - schulden es den Amerikanern und der Welt, nichts zu beschönigen. Heraus mit der Wahrheit, wie schlimm sie auch sein mag!

Bis dahin gilt, was der ehemalige CIA-Direktor John Brennan am Samstag an Donald Trumps Adresse twitterte: «Wenn das volle Ausmass Ihrer Käuflichkeit, Ihrer moralischen Verwerflichkeit und Ihrer politischen Korruption bekannt wird, werden Sie Ihren rechtmässigen Platz auf dem Müllhaufen der Geschichte einnehmen….Amerika wird über Sie triumphieren». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.03.2018, 16:40 Uhr

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