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Alles ausser Kontrolle bei Wikileaks

David Leigh soll ein Passwort veröffentlicht haben, das unredigierte US-Depeschen offenlegt. Der «Guardian»-Journalist weist die heftigen Vorwürfe der Wikileaks-Betreiber zurück.

Desaster für Wikileaks: Seite von Enthüllungsplattform.
Desaster für Wikileaks: Seite von Enthüllungsplattform.
Keystone

Es ist ein absolutes Desaster für die Enthüllungsplattform Wikileaks: Das gesamte Archiv geheimer US-Botschaftsdepeschen kursiert völlig unredigiert im Internet. Auch die Namen von Informanten sind dort für jedermann einsehbar. Die Betreiber der Plattform erhoben deshalb heute in einer Stellungnahme schwere Vorwürfe gegen den Reporter David Leigh von der britischen Zeitung «Guardian» und einen namentlich nicht genannten Deutschen. Rechtliche Schritte gegen die beiden würden vorbereitet, hiess es weiter.

Wikileaks wirft dem namentlich nicht genannten Deutschen vor, er habe das «Guardian»-Passwort verbreitet, um sich persönlich zu bereichern. «Revolutionen und Reformen gehen vielleicht verloren, weil die nicht veröffentlichten Depeschen Geheimdienste und Regierungen noch vor der Öffentlichkeit erreichen», erklärte Wikileaks. Die Enthüllung gefährde die Arbeit zur Veröffentlichung der Depeschen, weil auch die Namen von Informanten öffentlich seien.

Die Wikileaks-Betreiber werfen Leigh vor, er habe in seinem Buch über die Organisation «rücksichtslos und ohne Erlaubnis und im vollen Wissen das Entschlüsselungspasswort enthüllt». Das Wissen um das durchgesickerte Passwort habe sich über Monate verbreitet und die Organisation sei heute gezwungen gewesen, eine Stellungnahme abzugeben, nachdem die Nachricht von der Sicherheitsverletzung in der Presse aufgetaucht sei, hiess es.

«Veraltet und harmlos»

Leigh bezeichnete die Vorwürfe als Unsinn und erklärte, ihm sei versichert worden, es habe sich nur um ein temporäres Passwort gehandelt. Der Nachrichtenagentur AP sagte er, Wikileaks-Gründer Julian Assange habe ihm im Juli 2010 ein Passwort gegeben, um auf einem Server Zugang zu den Depeschen-Dateien zu erhalten. Assange habe ihm versichert, dass die Seite innerhalb von Stunden wieder vom Netz genommen werde. «Was wir später in unserem Buch veröffentlicht haben, war veraltet und harmlos», sagte Leigh. «Wir haben die Adresse, wo die Dateien lagen, nicht verraten und auf jeden Fall hat Assange uns gesagt, dass sie nicht länger existieren würde.» Der Wikileaks-Gründer habe die Datei wohl dort liegen lassen und nicht gelöscht.

In seiner Mitteilung erklärt Wikileaks nicht, wie es dazu kam, dass die Datei noch online war. «Jetzt, da die Verbindung von anderen öffentlich gemacht wurde, können wir erklären, was passiert ist und was wir vorhaben», sagte die Gruppe. Man habe zuvor versucht, das US-Aussenministerium zu warnen.

Kontrolle über Daten schon vor längerer Zeit verloren

In der Vergangenheit haben US-Behörden gemahnt, dass die Enthüllung des gesamten unredigierten Archivs möglicherweise ernsthafte Konsequenzen für Informanten, Aktivisten und andere in den Depeschen erwähnte Personen haben könnte.

Allerdings ist bereits länger bekannt, dass Wikileaks die Kontrolle über die Daten verloren hat. So erhielt die Zeitung «The New York Times» bereits im Herbst 2010 Kopien der unbearbeiteten Dokumente. Andere Medienorganisationen, darunter die Nachrichtenagentur AP, erhielten seitdem unabhängig davon ebenfalls die Daten.

Bildhinweis: NY122

dapd/317,rd/gü/ng

dapd/mrs

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