Alle gegen Biden

Im dritten TV-Duell der demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten musste einer besonders viel Kritik einstecken.

In der Defensive: Der Ex-Vizepräsident Joe Biden muss sich in Houston immer wieder verteidigen. Video: AP
Martin Kilian@tagesanzeiger

Miami, Detroit und jetzt Houston: Am Donnerstagabend versammelten sich zehn demokratische Präsidentschaftskandidaten in der texanischen Metropole zu ihrer dritten TV-Debatte. Das ursprünglich noch grössere Feld hat sich ein wenig gelichtet, auch haben sich im Verlauf der vergangenen Wochen drei Spitzenreiter herauskristallisiert – Ex-Vizepräsident Joe Biden sowie die Senatoren Elizabeth Warren und Bernie Sanders.

Ein Gewinner der gestrigen Debatte schälte sich schon früh heraus: Barack Obama, den mehrere Kandidaten beim Showdown in Detroit im Juli kritisiert hatten – und wofür sie später selbst kritisiert wurden –, blieb in Houston ohne Tadel. Denn niemand versuchte, Joe Biden indirekt durch Kritik an seinem einstigen Boss im Weissen Haus anzugreifen.

Was die Schar in Houston einte, war ihre Verachtung Donald Trumps. «Wir müssen ihn besiegen, er ist der gefährlichste Präsident dieses Landes», erklärte Bernie Sanders.

Auf Wählbarkeit setzen?

Aber wie Trump im November 2020 besiegt werden soll: Daran scheiden sich die demokratischen Geister. Reicht es, auf die Wählbarkeit eines Kandidaten zu setzen, wie Joe Biden dies will? Oder ist Trumps Präsidentschaft die Folge einer schweren Systemkrise, die tiefgreifende Reformen zu ihrer Behebung erfordert?

Hierin besteht die grundsätzliche Differenz zwischen den Kandidaten. Auch in Houston äusserte sie sich in gelegentlich hitzigen Diskussionen über das amerikanische Gesundheitswesen, über Schusswaffengewalt und Rassenresentiments, über Zuwanderung und Klimaschutz oder auch das Verhältnis zu China und den endlosen Krieg in Afghanistan.


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Elizabeth Warren und Bernie Sanders wollen das Land umkrempeln, von einem weit stärkeren Staat bis hin zu einer robusten Re-Regulierung von Wirtschaft und Banken. «Ich weiss, was nicht mehr funktioniert, ich weiss, wie man es wieder repariert», behauptete Warren in Houston.

Biden in der Defensive

Biden hingegen bewegt sich vorsichtiger, er beschuldigte seine Kontrahenten vom links-progressiven Flügel der Partei einmal mehr, ihre weitreichenden Pläne für die Reform des Gesundheitswesens seien unbezahlbar ohne Steuererhöhungen.

Der ehemalige Vizepräsident schlug sich wacker in Houston, doch wie bereits bei den beiden früheren TV-Debatten wurde er erneut mehrmals in die Defensive gedrängt. Und auch am gestrigen Abend konnte Joe Biden Bedenken gegen seine Kandidatur nicht ganz ausräumen: Er widerspreche sich und habe wohl vergessen, was er «vor zwei Minuten» gesagt habe, teilte Ex-Wohnungsbauminister Julian Castro gegen den Spitzenreiter aus.

Das mag unfair sein, aber ein Wahlkampf gegen Donald Trump würde Bidens ganze Aufmerksamkeit erfordern – und ein gewaltiges Stehvermögen. Bislang trauen ihm die demokratischen Vorwähler beides zu. Aber ernst wird es erst in viereinhalb Monaten, wenn die Parteiversammlungen in Iowa und kurz danach die ersten Vorwahlen in New Hampshire stattfinden.

Sie können noch hoffen

Und darin liegt ein Trost auch für jene Kandidaten, die derzeit bei Umfragen hinten liegen und bei jeder TV-Debatte auf eine Initialzündung warten. Zum vergleichbaren Zeitpunkt 1991 war Bill Clinton Ex-Gouverneur eines eher unbedeutenden Südstaates, auf den niemand eine grosse Summe Geld verwettet hätte. Und 2003 hatte der spätere demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry nicht wirklich von sich reden gemacht.

So können sie denn noch immer hoffen, die Senatoren Kamala Harris aus Kalifornien und Cory Booker aus New Jersey oder der Bürgermeister Pete Buttigieg aus Indiana. Oder die Senatorin Amy Klobuchar aus Minnesota und der ehemalige Kongressabgeordnete und Senatskandidat Beto O’Rourke aus Texas, der in Houston viel Applaus erntete, als er sagte, er werde im Falle seiner Wahl ins Weisse Haus Sturmgewehre wie die AK-47 konfiszieren.

Dass sich die Zehn in Houston zuweilen mächtig stritten, ist nicht wirklich bedenklich: Der Zustand der Vereinigten Staaten erfordert eine grundsätzliche Debatte, wohin sich das Land und die Partei Franklin Roosevelts und John F. Kennedys bewegen sollen und müssen. Oder wie Julian Castro in Houston sagte: «Es wird ein Leben nach Donald Trump geben».

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