«Wir werden widerlegen, dass wir ein fröhliches Volk sind»

Brasilien scheint sich nicht so richtig auf die Fussballweltmeisterschaft freuen zu können. Dazu ist der Anlass zu teuer und die Infrastruktur zu schlecht. Ein Augenschein in São Paulo.

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Danilo Cajazeira verkörpert das Klischee des brasilianischen Anti-WM-Demonstranten: Er ist jung (31), hat an einer öffentlichen Universität von São Paulo Geografie studiert, arbeitet heute als Volksschullehrer, engagiert sich seit Jahren in sozialen Bewegungen zugunsten von Obdachlosen, Strassenhändlern, Studenten aus der Unterschicht. Er trägt verblichene Jeans, einen Dreitagebart, seine Unterarme sind tätowiert. Er ist Gründungsmitglied des Comitê Popular da Copa: der Anti-WM-Organisation, die in sämtlichen brasilianischen Städten aktiv ist, in denen ab Mitte Juni der grösste Sportanlass der Welt stattfindet.

Vergangenes Jahr ging Cajazeira auf die Strasse, zusammen mit Hunderttausenden. Er protestierte dagegen, dass Brasilien die teuerste Fussball-WM aller Zeiten organisiert, während sich die Fahrgäste in überfüllten Metrowagen und Bussen auf die Füsse treten, Kranke monatelang auf eine Operation warten müssen und brasilianische Schüler bei den ­Pisa-Tests dastehen wie Halbanalphabeten. Zwei Monate vor dem Anpfiff ist die Protestwelle abgeflaut, doch Cajazeira ist überzeugt: Hat das Turnier erst einmal begonnen, wird sie wieder über das Land hereinbrechen, vor den Augen der ganzen Welt. «Wir werden den unsäglichen Gemeinplatz widerlegen, dass wir ein fröhliches, tanzendes, sorgloses Volk sind. Im Gegenteil: Wir sorgen uns um die triste Gegenwart und um die ungewisse Zukunft, und wir verlangen von der Regierung endlich Lösungen.»

Eigentlich sei er fussballbegeistert, sagt Cajazeira, um dann Punkt für Punkt aufzuzählen, was ihn an der Fussball-WM stört: dass die grossen Bauunternehmer, die Hotels, die Sponsoren profitieren würden, aber nicht die Bevölkerung. Die Arroganz der Fifa, die bestimme, wie die Stadien umzubauen seien und wie sich die Fans zu verhalten haben. Dass ambulante Strassenhändler in der Nähe der Stadien und in Public-Viewing-Zelten nichts verkaufen dürfen. Die teuren ­Tickets, unbezahlbar für das einfache Volk. Die 150'000 Personen, zumeist Bewohner von Armutsvierteln, die wegen der Errichtung neuer Stadien, Zufahrtsstrassen, Einkaufszentren zwangsweise umgesiedelt werden.

Gigantismus und Stümperei

Cajazeira bezeichnet sich als Anarchisten. Er strahlt die Entschlossenheit des Rebellen aus, dem sich eine unverhoffte Chance bietet und der weiss, dass er sie nutzen muss. Diese Haltung ist bezeichnend für die ganze Anti-WM-Bewegung. Brasiliens linke Präsidentin Dilma Rousseff wollte den Anlass nutzen, um ihr Land auf der Weltbühne als modern, optimistisch, dynamisch zu präsentieren. Und um ihre Popularität im Hinblick auf die Wahlen vom Oktober 2014 zu steigern. Stattdessen zittert sie nun vor Massenkundgebungen, wie sie vergangenes Jahr den Confederations-Cup überschatteten, die Hauptprobe zur WM. Sie fürchtet, die Protestierenden könnten versuchen, ihren liebsten Slogan zu verwirklichen: «Não vai ter copa.» Es wird keine WM geben.

Cajazeira sagt, er lehne Gewalt ab, doch seien die zerstörerischen Aktionen des Schwarzen Blocks eine verständliche Antwort auf die «strukturelle Gewalt des Systems». Auf der Praça da República in São Paulo beteuert ein Anti-WM-Aktivist während einer Demonstration: «Ich gehöre einer Gruppierung an, die gewalttätige Aktionen plant. Einen Angriff auf den Bus eines WM-Teams mit Molotowcocktails. Einen Brandanschlag auf ein Hotel, in dem eine Mannschaft übernachtet.»

Einwände gegen internationale sportliche Grossanlässe in einem sogenannten Schwellenland wurden bereits vor der letzten WM in Südafrika erhoben, und schon damals ging die Befürchtung um, das Turnier werde wegen schlampiger Vorbereitung im Chaos versinken. Es ist durchaus denkbar, dass ab dem Eröffnungsspiel am 12. Juni auch in Brasilien alles problemlos verläuft und dass die Skepsis nach dem ersten Sieg der heimischen Seleçao in Enthusiasmus umschlägt. Was jedoch den Argwohn fundierter erscheinen lässt als in der Vergangenheit, ist die Mischung aus Gigantismus und Stümperei. Obwohl nie ein Land mehr Zeit für die WM-Vorbereitung hatte, sind noch immer nicht alle Stadien fertiggestellt. Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke sieht sich gezwungen, Zweckoptimismus zu verbreiten: «Am Ende zählt einzig, dass alles für den Anpfiff bereit ist.» Zuvor hatte er die schleppenden, von mehreren tödlichen Unfällen überschatteten Bauarbeiten mit einer «schwierigen Schwangerschaft» verglichen, und im Frühling 2012 sagte er zur Empörung der brasilianischen Öffentlichkeit, das Land brauche «einen Tritt in den Hintern».

Das Stadion in ein Gefängnis verwandeln

Obwohl die Fifa lediglich acht Stadien verlangte, entschieden sich die brasilianischen Gastgeber für zwölf Spielstätten. Einige bauten sie um, andere errichteten sie neu. Die Arena Amazônia in der Kautschukmetropole Manaus ist zum Emblem für Brasiliens Masslosigkeit bei der WM-Vorbereitung geworden: Ein Bau für 270 Millionen Franken, errichtet von einem deutschen Architekten, der «die einzigartige Flora und Fauna des Regenwaldes in der filigranen Dachkonstruktion» widerspiegeln will. Doch zu den Spielen des in der dritten brasilianischen Liga kickenden lokalen Fussballclubs kommen meist nur ein paar Hundert Zuschauer, während das neue Stadion Platz für 43'500 bietet. Niemand weiss, was man mit dem Bauwerk anfangen und wie man seinen Unterhalt finanzieren soll, wenn die vier in Manaus angesetzten WM-Spiele vorbei sind. Ein Richter hat vorgeschlagen, das Stadion in ein Gefängnis umzuwandeln.

Jahrelang konnte Gloria Oliveira da Silva von ihrem Arbeitsplatz als ambulante Strassenhändlerin in der Metrostation Itaquera im Osten São Paulos zusehen, wie auf einer Anhöhe die Arena Corinthians errichtet wird, in der unter anderem das Eröffnungsspiel und ein Halbfinal stattfinden werden. Seit einigen Wochen traut sich die Verkäuferin von Getränken, Kaugummis, Süssgebäck, ­Zigaretten und Feuerzeugen kaum mehr hierher, weil die Polizei Strassenhändler in der Umgebung des Stadions nicht mehr duldet und einmal ihre Ware beschlagnahmt hat. «Mein Umsatz ist auf die Hälfte gesunken. Diese WM ist für mich eine wirtschaftliche Katastrophe.» In die aus 47 weissen Wohnblocks bestehende Sozialsiedlung Cara Quatatuba hätten eigentlich Personen einziehen sollen, deren Baracken einem in der Nähe der Arena Corinthians geplanten Park weichen mussten. Stattdessen besetzten rund 10'000 Obdachlose die 940 Zweizimmer-Sozialwohnungen. In jeder Einheit leben mehr als zehn Menschen. In der Wohnung von Fabiana Moreira liegen sechs Matratzen, dazwischen stehen ein quadratischer Tisch und eine Kommode mit einem Fernseher. Die 36-jährige sagt, sie sei mit ihren drei Kindern und ihrer Mutter hierhergezogen. Die Immobilienpreise in der Umgebung des neuen Stadions seien explodiert, ihr Vermieter habe das Haus, in dem sie ­früher wohnte, verkaufen wollen.

Nur noch 48 Prozent für die WM

Vor zwei Tagen haben die Besetzer der Siedlung Cara Quatatuba einen Räumungsbefehl erhalten, weil jetzt endlich jene einziehen sollen, die ihre Bleibe ­wegen der WM verloren haben. «Der Staat spielt Arme gegen Arme aus», sagt Moreira. Gegenüber dem TA betont die Fifa: «Gemäss den Informationen der brasilianischen Regierung und der Austragungsorte gab es keine einzige Umsiedlung aufgrund von Stadionbauten oder Renovierungen. Räumungen sind eine Folge der Stadtentwicklung und keine Forderung der Fifa.»

Rund 3,2 Milliarden Franken investiert Brasilien allein in die Stadien, mehr als die letzten beiden Gastgeber Südafrika und Deutschland zusammen. Insgesamt werden die Kosten für die WM auf rund 12 Milliarden geschätzt. Hatte die Regierung versprochen, die Ausgaben würden überwiegend durch Private finanziert, musste sie in Wirklichkeit zu drei Vierteln der Staat übernehmen. Hinzu kommt, dass die Behörden fast alle versprochenen Infrastrukturprojekte zur Modernisierung der Städte, zur Potenzierung des öffentlichen Verkehrs, zur Bändigung des Verkehrschaos verschleppten oder begruben. Das Prestigeträchtigste, ein Hochgeschwindigkeitszug zwischen Rio de Janeiro und São Paulo, wird wohl nie verwirklicht. Laut einem von der Nachrichtenagentur Reuters verbreiteten Dokument befürchtet die Regierung, die Flughafenkapazität könnte sich während des Turniers an ­jedem zweiten Austragungsort als ungenügend erweisen.

«Ist Ihr Kind krank? Bringen Sie es in ein Fussballstadion!» Der Slogan der Anti-WM-Bewegung bringt Brasiliens Unbehagen auf den Punkt: Angesichts der schlechten Infrastruktur sind die Ausgaben für den Grossanlass schlicht zu hoch. Dass die noch vor wenigen Jahren herrschende Wachstumsdynamik der weltweit siebtgrössten Volkswirtschaft erlahmt ist, steigert die Skepsis. Brasilien scheint sich nicht so richtig auf die Fussball-WM freuen zu können. Eine Umfrage des angesehenen Instituts Datafolha hat diese Woche ergeben, dass nur noch 48 Prozent der Bevölkerung den sportlichen Grossanlass im eigenen Land befürworten, während ihn 41 Prozent ablehnen. Als die Fifa Brasilien 2007 als Austragungsort wählte, lag der Anteil der Begeisterten noch bei 80 Prozent. Eine knappe Mehrheit ist überdies der Ansicht, die WM werde Brasilien mehr schaden als nützen; nur jeder Dritte glaubt das Gegenteil. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2014, 02:15 Uhr

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