Was auch immer Trump jetzt sagt – es ist zu spät

Charlottesville rappelt sich wieder auf. Donald Trump schlittert weiter – und jetzt wackeln einige Stühle seines Kabinetts.

«Keine Nazis, kein Ku-Klux-Klan, keine faschistischen USA»: Demonstrierende in Charlottesville.

«Keine Nazis, kein Ku-Klux-Klan, keine faschistischen USA»: Demonstrierende in Charlottesville. Bild: Stephen Swofford/Keystone

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Die Neonazis und Neo-Konföderierten, die Antisemiten und Rassisten und weissen Nationalisten sind über alle Berge. Und um die überlebensgrosse Statue des konföderierten Generals Robert E. Lee im gleichnamigen Park in Charlottesville ist wieder Ruhe eingekehrt. Nur die Präsenz von Lastwagen mit TV-Satellitenantennen erinnert noch an die Ausschreitungen vom Samstag.

Wenige Gehminuten vom Park entfernt befindet sich die blumenübersäte Stelle, wo Heather Heyer von einem jungen Mann, der Hitler und die Nazis schon in der High School verehrte, zu Tode gefahren wurde. «Tausche Flüchtlinge gegen Rassisten» steht auf einem kleinen Plakat inmitten brennender Kerzen und Blumensträusse.

Zweieinhalb Autostunden entfernt von Charlottesville liegt Washington und regiert Donald Trump. Die Stadt wollte nichts von ihm wissen. Sie ist bis in die Knochen liberal und demokratisch. Hillary Clinton erhielt 80 Prozent der Stimmen bei der Wahl 2016.

Bannons Stuhl wackelt

Während die Stadt sich jetzt aufrappelt, um Heather Heyer trauert und sich überlegt, ob man der jungen Frau ein Denkmal setzen soll, läuft in Washington wieder der übliche Zoff: Trumps Nationalisten, vorneweg Ex-Breitbart-Chef Steve Bannon sowie die Präsidentenberater Sebastian Gorkia und Stephen Miller, schiessen sich auf Sicherheitsberater H.R. McMaster ein. Sie wollen den General loswerden. Er ist ihnen nicht aggressiv genug. McMaster ist kein Nationalist. Eine Flüsterkampagne hat begonnen: McMaster sei Alkoholiker.

Eine Flüsterkampagne hat begonnen: McMaster sei Alkoholiker

Dabei sollten nach den Ereignissen in Charlottesville keine Stühle im Weissen Haus heftiger wackeln als die von Bannon, Miller und Gorka. Sie sind die Vertreter eines anrüchigen weissen Nationalismus in Trumps politischer Jauchegrube. Nach dem kürzlichen Anschlag auf eine Moschee im Staat Minnesota sprach Gorka von einem «möglichen fake Hassverbrechen.»

Gorka, Bannon und der Präsident: Sie tanzen am Rande einer Party weisser Nationalisten, niemals wirklich auf der Tanzfläche, aber stets in Sichtweite der Rassisten und Ewiggestrigen. Trumps ambivalente Reaktion auf den Terror in Charlottesville ist deshalb verständlich. Zumal es in der Familie liegt: Vor 90 Jahren wurde Trumps Vater Fred bei einer Ku-Klux-Klan-Randale im New Yorker Stadtteil Queens festgenommen.

Hauptstadt des Widerstands

Nur Tage nach Trumps Amtsantritt erklärte Charlottesvilles Bürgermeister Mike Signer die Stadt zur «Hauptstadt des Widerstands». Man belächelte ihn ein wenig. Es klang pompös: Hauptstadt des Widerstands. Wäre ein anderer Republikaner – etwa Jeb Bush oder Marco Rubio – Präsident geworden, hätte Signer nichts gesagt. Aber Trump kokettierte den gesamten Wahlkampf über mit weissen Nationalisten.

«Schauen Sie sich doch nur seinen Wahlkampf an», sagte Signer im TV am Tag nach den schrecklichen Ereignissen in seiner Stadt über Trump. Im Wahlkampf habe er «an die Vorurteile der Menschen appelliert». Signer ist längst zur Zielscheibe der Rassisten geworden. Er wolle «die weisse ethnische Gruppe» in Charlottesville eliminieren, schrieb ein rechtes Hassblatt über den Bürgermeister.

Trump hat an die Vorurteile der Menschen appelliert.Mike Signer, Bürgermeister von Charlottesville

Ausserdem ist Signer jüdischer Herkunft. Auch deshalb wird er beleidigt. Steve Bannon lehnte es ab, seine Kinder in eine bestimmte Privatschule in Los Angeles zu schicken, weil dort zu viele Judenkinder seien.

«Fassungslos über das, was passiert ist»

Mike Sokolowskis Vater war Jude. Er kämpfte im Warschauer Getto gegen die Nazis. Der Sohn, ein lokaler Jazzpianist, lebt in Charlottesville. «Als ich die Nazis mit ihren Schildern und Helmen und Schusswaffen gesehen habe, spürte ich meinen Vater», sagt Sokolowski. Er sei «fassungslos über das, was passiert ist». Einer der weissen Nationalisten im Park am Samstag trug eine Mütze mit einem Abzeichen der 82. Luftlandedivision. Fallschirmjäger der 82. sprangen 1944 in der Normandie als erste über den Nazi-Stellungen ab.

«Als ich die Nazis mit ihren Schildern und Helmen und Schusswaffen gesehen habe, spürte ich meinen Vater»Mike Sokolowski, Jazzpianist

Charlottesville hat viele Flüchtlinge aufgenommen – Afghanen und Iraker, Syrer und Menschen aus den Kriegsregionen des Balkans. In Washington erfindet der Präsident hingegen immer neue Mechanismen, um Flüchtlingen den Zutritt zu Amerika zu verwehren. Sie brächten «Terrorismus» ins Land, sagt er. Seit 9/11 gab es indes mehr Terroranschläge rechtsradikaler Extremisten als islamistischen Terror in Amerika. Heather Heyer starb als Folge eines rechtsextremen Terroranschlags.

«Ihr Blut ist an deinen Händen»

Heyers Blut klebe an seinen Händen, schrien Demonstranten Jason Kessler, einem der Organisatoren der Randale in Charlottesville, am Sonntag entgegen, als Kessler vor dem Rathaus der Stadt eine Pressekonferenz abhalten wollte. Kessler lebt nahe Charlottesville, er besuchte die hiesige Universität. Man schnitt ihm das Wort ab. «Ihr Blut ist an deinen Händen, und auf deiner Motorhaube», brüllte ihn Tyler Magill an.

Magill arbeitet in der Unibücherei und ist DJ beim örtlichen Radiosender WTJU. Er wurde zum Held am Sonntag: Kessler flüchtete, die Polizei schützte ihn vor aufgebrachten Bürgern. Magill betont, er sei weiterhin «ein stolzer Südstaatler». Rassisten aber seien ihm zuwider.

Erstmals distanziert sich Trumps eigene Partei

In Washington wird Trump unterdessen auch von seiner eigenen Partei wegen seiner Reaktion auf die Vorfälle in Charlottesville kritisiert. 48 Stunden nach dem Terror in Charlottesville verdammte der Präsident unter erheblichem Druck endlich die Rechtsextremen: «Rassismus ist böse, und wer im Namen des Rassismus Gewalt anwendet, ist kriminell und schurkisch, so auch der Ku-Klux-Klan, Neonazis und andere Hassgruppen».

«Rassismus ist böse, und wer im Namen des Rassismus Gewalt anwendet, ist kriminell und schurkisch, so auch der Ku-Klux-Klan, Neonazis und andere Hassgruppen»Donald Trump

Doch was immer Trump am Montag sagte: Es kommt zu spät. Vielleicht werden die Ereignisse in Charlottesville einmal als Wendepunkt in Trumps bröckeliger Präsidentschaft gesehen. Weil sich seine Partei erstmals wirklich von ihm distanzierte. Aber der tägliche Wahnsinn von Trumps Präsidentschaft geht weiter: Gestern Charlottesville, morgen Nordkorea. Trump ist ein Zündler. Und er wird es bleiben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2017, 20:11 Uhr

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