Von wegen Vereinigte Staaten

Reaktionen aus beiden politischen Lagern auf die Tragödie von Orlando zeigen, wie tief das Land inzwischen gespalten ist.

Liebe ist grösser als Hass: Einleuchtende Anteilnahme in San Diego, Kalifornien. Foto: Mike Blake (Reuters)

Liebe ist grösser als Hass: Einleuchtende Anteilnahme in San Diego, Kalifornien. Foto: Mike Blake (Reuters)

Sandro Benini@BeniniSandro

Die «Washington Post» kommentiert das Massaker im Homosexuellenlokal Pulse in Orlando mit den Worten: «Das ist die neue Regel: Wenn sich eine Tragödie ereignet, zeigen sich die Amerikaner zerstritten.» Während der Terrorangriff auf das World Trade Center in New York 2001 das Land zumindest für einen kurzen Moment geeint habe, werde nun erneut deutlich, wie tief der Graben zwischen Konservativen und Linken sei, und wie stark das Vertrauen in die staatlichen Institutionen gelitten habe.

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Laut der Zeitung kollidierten in Orlando «auf schreckliche Weise» drei der umstrittensten Fragen in der amerikanischen Kultur und Politik: Homosexuellenrechte, Waffengesetze und Terrorismus. «Es scheint nicht länger möglich, über die parteipolitischen und ideologischen Abgründe hinweg Motive und Lösungen zu erforschen, geschweige denn, sich darauf zu einigen», schreibt die Zeitung.

Das macht Trump daraus

Die Front zwischen Demokraten und Republikanern und deren jeweiligen wahrscheinlichen Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump sowie zwischen linksliberalen und konservativen Medien verläuft so: Die Rechte sieht den Massenmord in Orlando als einen Akt islamistischen Terrorismus, während die Linke einmal mehr auf die laschen Waffengesetze hinweist und dazu aufruft, so lange keine Schlüsse auf religiöse oder ideologische Motive des Täters zu ziehen, bis dieser Aspekt restlos aufgeklärt ist. Und auf keinen Fall sei es zulässig, die muslimische Gemeinschaft als Ganzes für die Tat eines Einzelnen verantwortlich zu machen.

Mit Empörung nahmen Kommentatoren etwa folgenden Tweet Donald Trumps zur Kenntnis: «Ich schätze die Gratulationen, die ich bekomme, weil ich bezüglich radikalem islamischem Terrorismus recht hatte. Aber ich will keine Gratulationen, ich will Härte und Wachsamkeit. Wir müssen klug sein.»

Dazu schrieb E. J. Dionne Jr. in der «Washington Post»: «Wie konnte Trump überhaupt auf die Idee kommen, in einem Moment, in dem die Nation traumatisiert ist und trauert, sich als Genie anzupreisen oder voreilige Schlüsse zu ziehen?» Dennoch gehen mehrere Kommentatoren davon aus, dass das Massaker in Florida dem Republikaner Stimmen eintragen wird. Sie weisen darauf hin, dass dies bereits nach der Schiesserei am 2. Dezember 2015 im kalifornischen San Bernardino der Fall gewesen sei, als zwei muslimische Attentäter 14 Personen erschossen. Danach hatte Trump eine generelle Einreisesperre für Muslime gefordert.

Der Täter soll dem IS die Treue geschworen haben. Video: Reuters

Geradezu exemplarisch zeigt sich der Graben zwischen konservativen und linksliberalen Medien, wenn man die Homepage der rechten Zeitschrift «National Review» mit jener der «New York Times» vergleicht. Erstere titelt: «Es ist Zeit für eine langfristige Strategie, um den islamischen Terrorismus endgültig zu vernichten.» Ausserdem kritisiert die Publikation den amerikanischen Präsidenten, weil Obama in seiner ersten Stellungnahme zwar von einem Angriff auf die Homosexuellen und schärferen Waffengesetzen gesprochen habe, den Begriff «islamischer Terrorismus» aber unerwähnt liess.

«Homosexuelle zu töten, ist muslimisches Gesetz.»Andrew C. McCarthy, «National Review»

Ausserdem schreibt der frühere Staatsanwalt und heutige «National Review»-Mitarbeiter Andrew C. McCarthy: «Homosexuelle zu töten, ist nicht das Gesetz des IS, es ist muslimisches Gesetz.» Und weiter: «Wenn ein von einem Muslim verübter Angriff so offensichtlich terroristisch motiviert ist, dass man es nicht bestreiten kann, nennt man als Inspiration die Verbindung des Täters zum IS, zu al-Qaida oder zum politischen Widerstand der Hamas – aber unter keinen, wirklich unter keinen Umständen zum Islam. Das ist idiotisch. Wird das Ereignis in Orlando, die schlimmste Massenerschiessung in der amerikanischen Geschichte, dazu beitragen, dass wir das endlich erkennen?»

Schusswaffen überholen Verkehrsunfälle

In der «New York Times» hingegen unterstreicht Mike Weisser, dass 2016 in den USA bereits 6000 Menschen erschossen wurden. «Wenn das so weitergeht, wird das Jahr mit der schlimmsten Bilanz enden, seit Barack Obama 2009 die Amtsgeschäfte übernommen hat.» Zähle man die Personen hinzu, die von der Polizei erschossen wurden, sowie jene, die mit einer Feuerwaffe Selbstmord begehen, dürfte die Zahl der Opfer dieses Jahr höher liegen als 35'000. Laut Weisser könnten damit erstmals mehr Menschen an Schusswaffen sterben als bei Verkehrsunfällen. Erstaunlicherweise ist der Autor selber Waffenhändler und Mitglied der National Rifle Association (NRA), die sich üblicherweise gegen striktere Waffengesetze wehrt.

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