Tech-Konzerne auf Schmusekurs nach rechts

Die US-Republikaner beklagen sich immer lauter über Zensur in sozialen Medien. Das zeigt Wirkung.

Unter politischem Druck: Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg. Foto: Bloomberg/Getty Images

Unter politischem Druck: Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg. Foto: Bloomberg/Getty Images

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Max Pappas ist nicht gerade das, was man für einen typischen Google-Angestellten halten würde. Der Ökonom arbeitete jahrelang für eine rechte Lobbyorganisation, die der Tea Party nahesteht. Er war enger Berater von Ted Cruz, dem erzkonservativen Senator aus Texas. Vergangenes Jahr heuerte er bei Google an. Er ist dort als Mitglied des Managements für die Kontakte zu Amerikas konservativen Kreisen zuständig – und hat derzeit einiges zu tun. Pappas hält Vorträge an Konferenzen, er lobbyiert bei Kongressabgeordneten. Denn um den Ruf seines Arbeitgebers steht es in diesen Kreisen zurzeit schlecht. Sie schreien Zensur.

Man sah das vergangene Woche, als Donald Trump mehrere Tage lang darüber schimpfte, dass Google und die anderen grossen US-Technologiekonzerne konservative Stimmen zum Schweigen bringen würden. Viele liberale Kommentatoren spotteten da zwar nur: Der Präsident habe sich selbst gegoogelt – und sei mit den Suchresultaten nicht zufrieden gewesen.

Doch Trumps Klage ist nicht neu, sie wird von vielen Republikanern im Kongress geteilt. Morgen Mittwoch haben diese Republikaner die Chance, die Silicon-Valley-Giganten in Washington zur Rede zu stellen, wenn deren Spitzenvertreter vor zwei Ausschüssen des Parlaments erwartet werden.

Alles links im Silicon Valley?

Es wird dabei ein weiteres Mal um russische Einmischungsversuche in die US-Wahlen gehen, um die Frage, was die Konzerne tun, um weitere Aktivitäten vor den Zwischenwahlen im Herbst zu unterbinden – aber eben nicht nur. Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg, Twitter-Gründer Jack Dorsey und womöglich auch Larry Page von der Google-Mutter Alphabet werden sich Vorwürfen stellen müssen, wonach konservative Stimmen in sozialen Netzwerken herausgefiltert oder versteckt würden.

So denken nicht nur die Anhänger des Hetzers Alex Jones, dessen Sendungen kürzlich von allen wichtigen Plattformen gelöscht wurde. So denkt auch der konservative US-Mainstream: In einer Umfrage gaben 85 Prozent der republikanischen Sympathisanten an, dass sie glaubten, dass die Big-Tech-Firmen politisch nicht genehme Inhalte zensurieren würden.

«Welche sanften, unbewussten Tendenzen sind da am Werk?»Erick Erickson, Radiomoderator

Oft stützt sich diese Überzeugung auf den Verdacht, dass die Konzerne aus Kalifornien von Leuten bevölkert seien, die politisch ziemlich einseitig verortet sind – angefangen von den Milliardären an der Spitze, die zu den grössten Spendern der Demokraten gehören, bis hin zu den gewöhnlichen Angestellten.

«Man kann sich berechtigterweise Sorgen darüber machen, dass sich diese Techkonzerne in Blasen befinden», sagte der konservative Kommentator Erick Erickson vor einigen Wochen an einer Konferenz in Austin. «Die meisten Chefs stehen links, das obere Management steht links. Welche sanften, unbewussten Tendenzen sind da am Werk? Wie wird ausgewählt, welche Inhalte herausgestellt werden und welche herabgestuft?»

Angst vor Regulierung

Dass diese Firmen politisch nicht sehr breit aufgestellt sind, geben sie inzwischen selber zu. Die Frage ist allerdings, ob sich all dies auch tatsächlich darin niederschlägt, dass rechte und konservative Inhalte auf den sozialen Netzwerken unterdrückt werden. Die Unternehmen bestreiten dies vehement.

Twitter etwa hat wiederholt erklärt, es sei schlicht falsch, dass man einige republikanische Politiker einfach ausblende, wie dies auch Präsident Trump schon behauptet hat. Hingegen geht der Kurznachrichtendienst durchaus gegen Trolle vor, Nutzer also, die nur darauf aus sind, andere Benutzer zu provozieren. Nach welchen Kriterien der Konzern dabei operiert, wie er etwa definiert, was ein Troll ist, darüber schweigt er sich aus – damit das System nicht manipuliert werden könne.

Die Firmen haben ihre Lobby- und PR-Bemühungen verstärkt.

Die Big-Tech-Firmen wissen, dass Teile der Republikaner immer lauter nach einer staatlichen Regulierung der Konzerne rufen – Trumps Tirade von vergangener Woche hat ihnen nochmals Auftrieb gegeben. Auch vor diesem Hintergrund haben die Firmen ihre Lobby- und PR-Bemühungen verstärkt. Dazu gehört der Schritt von Facebook, den früheren republikanischen Senator Jon Kyl mit einer Überprüfung der internen Abläufe zu beauftragen. Dazu gehört der Versuch von Twitter-Chef Dorsey, republikanische Entscheidungsträger mit Abendessen in teuren Washingtoner Restaurants zu umgarnen. Und dazu gehört Googles Anstellung von Leuten wie Max Pappas, dem ehemaligen Tea-Party-Lobbyisten.

An der gleichen Konferenz in Austin, an der Konservative vor einigen Wochen die linke Schlagseite der Big-Tech-Unternehmen beklagten, zeichnete Pappas ein anderes Bild von deren Einfluss: eines, in dem Konzerne wie Google für Amerikas Konservative nicht Feinde sind, sondern Verbündete. «Das Internet hat Konservativen erst ermöglicht, die traditionellen Medien zu umgehen, zu denen wir nie Zutritt hatten», sagte er.

Nimmt man allerdings Donald Trumps Äusserungen zum Massstab, wird der untypische Googler Pappas noch einige Überzeugungsarbeit leisten müssen.


Machen Sie mit bei «Die Schweiz spricht»: Die Aktion bringt Menschen ins Gespräch, die nahe beieinander wohnen, aber politisch unterschiedlich denken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2018, 10:15 Uhr

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