Stockholmer Normalität, mit aller Kraft

Am Tag nach dem Anschlag sind die Menschen in der schwedischen Hauptstadt sichtbar berührt. Doch die vorherrschende Stimmung ist: weitermachen.

Trauern – und dann versuchen, zum Alltag zurückzukehren: Ein Junge legt Blumen nahe des Tatortes in Stockholm nieder. (8. April 2017)

Trauern – und dann versuchen, zum Alltag zurückzukehren: Ein Junge legt Blumen nahe des Tatortes in Stockholm nieder. (8. April 2017) Bild: Jonathan Nackstrand/AFP

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«Rör inte mitt Stockholm» – «Fass mein Stockholm nicht an» hat jemand auf den Zettel geschrieben, den der kleine Teddy in seinen Tatzen hält. Das Stofftier thront auf einer dicken Betonabsperrung vor der Drottninggatan im Zentrum Stockholms. Er wirkt an diesem Samstagsmorgen ein wenig verloren. Hinter ihm hat sich bereits am frühen Morgen eine Phalanx aus Kamerateams aufgebaut, direkt unter der Backsteinfassade des Kaufhauses Åhléns, die an diesem Morgen als Symbol herhalten muss für den Schrecken des Vortages.

Die Kameraperspektive ist gut. Die ganze Strasse lässt sich von hier aus einfangen, ebenso die Stelle, an der sich gestern der Getränkelaster tief in die Kaufhausfassade gerammt hat. Der Laster ist inzwischen weg, aber ein dicker schwarzer Fleck am Ort des Aufpralls und mehrere umgeknickte Ampeln weiter hinten in der Drottninggatan lassen noch die Spur der Verwüstung erahnen, die der Attentäter hier hinterliess, als er durch die Fussgängerzone raste.

Der Wunsch des Teddys wirkt an dieser Stelle vergebens – Stockholm wurde angefasst. Berührt. Erschüttert. Aber es würde reichen, die Kameras um 180 Grad zu drehen, um zu erkennen, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Auf der anderen Seite setzt sich die Fussgängerzone fort. Dort gibt es keine Absperrungen, nur ein paar Polizisten patroullieren zwischen den Passanten, die schon wieder in die Einkaufsmeile bummeln, flanieren oder hasten. Die Cafés haben die Stühle rausgestellt, und dass sie leer sind, liegt wohl nur am Wetter. Auch das ist Stockholm am Samstag nach dem Anschlag: Eine Stadt, die sich nicht einschüchtern lässt und ohne grosses Aufheben zurückfällt in ihren Puls.

Alle mussten sich auf den Boden legen

Direkt an diesem Scheitelpunkt, der Horror von Alltag trennt, stehen Margarita, Inge-Marie, Ingrid und Yvonne. Die vier sind Touristinnen aus der nordwestlich gelegenen Provinz Värmland. Sie waren gestern ganz in der Nähe der Drottninggatan und haben ein paar schreckliche Stunden Angst durchlitten. Wie sich die Stadt jetzt anfühlt? Yvonne muss kurz überlegen. «Ich fühle mich jetzt sicher», sagt sie, «das schon. Aber irgendwie ist es auch seltsam.»

Die vier wollten mit ihrer Reisegruppe am Freitagabend ein Abba-Musical besuchen. Daraus wurde nichts. Alle Kinos und Theater haben nach dem Anschlag ihre Vorstellungen abgesagt. Margarita, Inge-Marie, Ingrid und Yvonne hätten ohnehin nicht hingehen können. Denn sie wurden am Freitagnachmittag erst einmal eingesperrt.

Es kostet die Bürger einige Kraft, die Normalität wieder herzustellen.

Zum Zeitpunkt des Anschlags, kurz vor drei, sind die vier am Hötorget, dem Platz gleich neben der Drottninggatan, in der schicken Markthalle beim Essen. «Plötzlich stürmten Polizisten zur Tür herein», erzählt Inge-Marie. «Die sagten, dass wir nicht raus dürften.» Die vier und alle anderen Gäste sitzen fest. «Und dann hat plötzlich jemand geschrien, dass am Hötorget geschossen wird.» Dieses Gerücht geht am Freitag auch schnell durch die Medien – die Polizei hat es bislang nicht bestätigt, vermutlich Fehlalarm. Aber Inge-Marie und ihre Freundinnen wissen das natürlich nicht, als sie dort in der Markhalle sitzen. «Wir mussten uns dann alle auf den Boden legen. Wir hatten schreckliche Angst.» Sie sagt das mit fester, ruhiger Stimme. Nur ihre leicht geröteten Augen verraten, wie sehr das Erlebte sie mitgenommen hat.

Auf dem Marktplatz vor der Halle, in der die vier Frauen festsitzen, bricht zu dieser Zeit Chaos aus. «Wir haben einen lauten Knall gehört», berichtet ein Obsthändler. Er und seine Angestellten sind dann in Richtung Drottninggatan gelaufen – sie glaubten an einen Verkehrsunfall, wollten helfen. «Dann haben wir gesehen, dass dort Tote liegen. Da sind wir nicht weiter.» Die Markthändler drehen um, sperren ihren Stand zu und versuchen, den fliehenden Menschen zu helfen, so gut es geht. «Sie sind in alle Richtungen gelaufen, die Polizei hat sie mal hierhin, mal dorthin geschickt», sagt er.

«Wir müssen weitermachen»

Am Samstagmorgen ist von diesem Chaos kaum etwas zu merken. Nur ein blau-weisses Absperrband und ein kleiner Polizeitrupp vor der Strasse zur Drottninggatan verraten, dass etwas nicht stimmt. Der Obsthändler hat schon wieder geöffnet – so wie alle anderen Marktstände – und sortiert frische Erdbeeren in Plastikschalen. Die Spargel hat er auch schon ausgelegt, typisches Frühlingsessen. Die Stadt freut sich auf den herannahenden Sommer. «Pass mal auf, die City, das sind wir», sagt der Händler stolz auf die Frage, ob er sich überlegt habe, heute vielleicht den Stand geschlossen zu lassen. «Und wenn wir nicht öffnen, was sendet das dann für ein Signal? Nein, wir müssen weitermachen.»

Auch Ministerpräsident Stefan Löfven versucht, die Normalität zu leben. Am Samstag kommt auch er an die Absperrung vor dem Kaufhaus. Er legt Blumen nieder, richtet ein paar Worte an die Journalisten. «Wir wollen in einem offenen Land leben, in einer Demokratie.» Der Terror werde diesen Willen niemals bezwingen. Es sind Worte, wie sie bei solchen Gelegenheiten oft gesagt werden.

Und vermutlich auch deshalb unterstreicht Löfven das Gesagte gleich mit Taten: Die Hände in den Manteltaschen schlendert er demonstrativ durch die Innenstadt zurück zu seinem Büro, das etwa 500 Meter entfernt liegt. Umschwärmt von Kameras und Leibwächtern schiebt er sich durch die Passanten. Bleibt immer wieder stehen, schüttelt Hände, streichelt Kinderköpfe, trascht ein wenig mit den Menschen, die vor den Cafés an ihren Tischen sitzen. Seht her! Schweden ist sicher, will er damit wohl sagen. Sogar der Regierungschef kann einfach so durch die Stadt laufen.

Dieser Wille, zur Normalität zurückzukehren, stellt sich bereits am Freitag sehr schnell in der Stadt ein. Obwohl es die Bürger einige Kraft kostet, diese Normalität wieder herzustellen. Da die Polizei den Täter zunächst nicht fassen kann, versucht sie die Stadt so gut wie möglich zu sichern. Einkaufszentren werden geräumt, ebenso der Hauptbahnhof, Parlament und Regierungsgebäude abgeriegelt. Tausende Menschen können nicht nach Hause und irren zu Fuss durch die Stadt, Pendler marschieren heim in ihre Vororte. Die Verwaltung öffnet mehrere Notunterkünfte, wo Gestrandete die Nacht verbringen können. Auch die Bürger reagieren schnell. Unter dem Hashtag #openstockholm bieten viele von ihnen über Twitter Übernachtungsmöglichkeiten an – ähnlich wie damals in München, als der Amokläufer im Olympia-Einkaufszentrum einen grossen Terroreinsatz auslöste.

Kein Anlass für Streit über Zuwanderungspolitik

Auch Margarita, Yvonne, Inge-Marie und Ingrid zählen zu den Gestrandeten. Etwa eine Stunde dauert es, bis die Polizei sie aus der Markthalle lässt – genau wissen sie es nicht mehr. «Es ist schwer, das Zeitgefühl zu behalten in so einer Situation», sagt Ingrid. Die vier wollen zurück zum Hotel. Aber das liegt am Hauptbahnhof. Und der ist weiträumig abgesperrt. «Wir sind dann da runter gelaufen», sagt Inge-Marie und deutet in die Richtung, die dem Hauptbahnhof entgegengesetzt ist. «Wir haben nach einem anderen Weg gesucht». Nach Stunden, in denen sie gemeinsam mit vielen anderen Menschen durch die Stadt geirrt sind, schaffen sie es endlich ins Hotel.

Selbst die Rechtspopulisten verhalten sich auffallend still.

Am nächsten Morgen wachen sie auf und in den Frühnachrichten heisst es, der Täter sei wahrscheinlich gefasst. Vermutlich ein 39-jähriger Usbeke, ihm werden Verbindungen zum radikalen Islam nachgesagt. Sicher ist das noch nicht. Aber natürlich denken nun alle in Stockholm an die Anschläge von Nizza, London, Berlin - und dass es ihre Stadt nun auch getroffen hat. «Es fühlt sich unwirklich an, dass so etwas in Schweden passieren kann», sagt Inge-Marie. «Aber andererseits: Warum sollte es nicht auch in Schweden passieren?» Und die Frage, die bei allen auf dem Platz zwischen Terror und Alltag mitschwingt, ist natürlich: Was bedeutet es für uns?

Die vier Frauen sind an diesem Samstagmorgen nicht zum Gaffen an die Drottninggatan gekommen, das wird in dem Gespräch schnell deutlich. Sie wollten den Ort sehen, an dem es geschehen ist, um zu verarbeiten, was ihnen selbst widerfahren ist. «So schrecklich, das passiert ja überall zur Zeit, auch in anderen Ländern», sagt Margarita. «Ich verstehe nicht, warum die das machen. Denn die Fremdenfeindlichkeit, die wird ja jetzt nur noch schlimmer werden. Die schaden sich damit doch nur selbst.» Mit «die» meint sie offenbar die Einwanderer, die Schweden seit vielen Jahren in grosser Zahl aufgenommen hat. «Die schaden sich nur selbst – und natürlich den anderen, die nicht so sind, wie sie», ergänzt sie.

Wir halten zusammen – das hört man immer wieder

Die drei Freundinnen sagen nichts. Vielleicht, weil sie sich noch nicht entschieden haben, wie sie nun reagieren sollen auf das, was ihnen geschehen ist. Wahrscheinlich ist es am Samstagmorgen auch einfach zu früh für politische Debatten. Selbst die Politiker, die sich jetzt überall im Fernsehen äussern, vermeiden alles, was als parteipolitische Meinung ausgelegt werden könnte. Wir halten zusammen, das ist kein geeigneter Anlass für einen Streit über Zuwanderungspolitik – das sind die Aussagen, die man immer wieder hört. Selbst die Rechtspopulisten, die hier auch im Parlament vertreten sind, verhalten sich auffallend still.

Vielleicht ist es auch nur die Ruhe vor dem Sturm. Der Gemüsehändler vom Hötorget, der so stolz die Stockholmer City verkörpert, ist selber ein Einwanderer. Er will nicht über Politik reden. Und er will auch seinen Namen nicht in einem Artikel lesen. «Ich möchte mich in dieser Sache nicht exponieren», sagt er. Aber eines möchte er dann doch loswerden: «Mit diesen Terroristen darf man keine Nachsicht haben.» Er macht eine ausladende Handbewegung über den Marktplatz und das blaue Konzerthaus, in dem immer die Nobelpreise verliehen werden und das seinen Arbeitsplatz überschattet. «Wir alle müssen dagegen ankämpfen.»

Dann entschuldigt er sich – die Erdbeeren. Er hat noch viel zu tun.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 08.04.2017, 16:25 Uhr

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