«Meine Hoffnung ist, die Mentalität zu ändern»

Ein Jahr nach dem Erdbeben in Haiti spricht die deutsche Ärztin Barbara Höfler im Samstagsinterview des «Bund» von einem «schrecklichen Land» – und bleibt trotzdem.

Barbara Höfler bei der Arbeit als Ärztin in ihrer fahrbaren Ambulanz. (Keystone)

Barbara Höfler bei der Arbeit als Ärztin in ihrer fahrbaren Ambulanz. (Keystone)

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Frau Höfler, wie haben Sie den 12. Januar 2010 erlebt?

Ich habe bis etwa halb fünf im Cité Soleil gearbeitet, war sehr müde und lag in meinem Bett. Ich habe gedacht, ich träume, es kam ein ganz lautes Geräusch wie von einer Monsterlokomotive. Dann fing mein Bett an zu zittern. Erst dachte ich, es fahre ein ganz schwerer Transport auf der Strasse, aber dann wurde das Zittern immer stärker, und ich hörte in der Küche die ersten Flaschen zerschellen. Da wurde mir klar, dass es ein Erdbeben war. Ich rannte aus dem Haus. Mein Dienstmädchen rannte wie eine Verrückte im Garten umher und schrie immer: Senor Jesus, Senor Jesus, sie hob die Hände zum Himmel und war ausser sich. Ich wohne etwas erhöht, und weit unten sah ich eine weisse Wolke, der Staub von eingestürzten Häusern...

...aber Ihr Haus blieb stehen?

Es hat überhaupt keinen Schaden davongetragen. Das Beben hat fünf Minuten gedauert, und dann war es plötzlich ganz ruhig. Man hörte Schreie auf der Strasse, und ich war voller Sorge um all die Leute, mit denen ich zusammenarbeite. Ich habe zu telefonieren versucht und tatsächlich mit dem Mobiltelefon auch Verbindung bekommen. Und da hiess es nur: Komm runter. Als ich statt wie üblich in 20 Minuten nach zwei Stunden endlich ankam, war die Wohnung der Salesianer, mit denen ich zusammenarbeite, völlig zusammengefallen, es sah aus wie ein Sandwich.

Als Ärztin hatten Sie vermutlich sofort zu tun.

Ja, ich habe dann bis ein Uhr nachts auf dem Gelände Verletzte behandelt, beim Licht meiner Autoscheinwerfer, Strom gab es ja nicht. Am nächsten Morgen habe ich versucht, meine Patienten zur Klinik zu bringen, mit der ich zusammenarbeite, aber die Klinik war nur noch ein Schutthaufen. Auch die nächste Klinik war nur noch ein Schutthaufen, vor der Klinik lagen 20 Leichen, mit Leintüchern zugedeckt. Es war eine unglaubliche Situation. Der Kindergarten, für 750 Kinder, den wir in zwei Wochen hätten einweihen wollen, war auch zusammengestürzt.

Sie hatten also Glück, dass er noch nicht in Betrieb war.

Riesiges Glück.

Ist dieser Kindergarten jetzt, ein Jahr später, wieder aufgebaut?

Nein. Es sind noch nicht einmal alle Trümmer weggeräumt. Enorm viel von den Projekten, mit denen ich arbeite, sind kaputt. Vier grosse Schulen sind völlig zerstört. Für die Trümmerräumung eines Kindergartens mussten wir pro Woche 65 000 US-Dollar nur für den Räumbagger bezahlen. Es wird noch lange gehen, bis alles weggeräumt ist.

Ist in diesem einen Jahr seither zu wenig geschehen?

Es ist nicht so viel geschehen, wie hätte geschehen müssen. Aber es gibt in ganz Haiti auch nur 150 Bagger, aber Zehntausende von Häusern sind zerstört worden. Die Privatleute können die Räumung zum Teil auch gar nicht bezahlen.

Haben denn die internationalen Organisationen keine Räumungsmaschinen mitgebracht?

Nein. Die ersten Helfer, die gekommen sind, haben mit blossen Händen versucht, Verschüttete zu befreien. Es hat vier Tage gedauert, bis die Verschütteten aus dem grössten Hotel in Haiti befreit werden konnten. Wir haben um die Besitzerin, die wir kennen, getrauert, sie ist aber nach vier Tagen lebend geborgen worden. Das war ein Wunder.

Wie muss man sich erklären, dass keine Räumungsgeräte eingeflogen wurden? Es sind ja Hunderte Hilfsorganisationen gekommen.

Man kann fast sagen Tausende. Es war nichts koordiniert. Es gab und gibt bis heute in Haiti keine Stelle, die Hilfsorganisationen koordiniert. Jede kleine evangelikale Gruppe aus den USA, jede Organisation hat für sich selber gearbeitet, aber das mit grösserem Erfolg, als wenn man auf irgendwelche Direktiven des Staates gewartet hätte.

Der Staat war ja nach dem Beben quasi inexistent.

Richtig. Nach dem Erdbeben ist der Staatspräsident verschwunden und erst nach Tagen wieder aufgetaucht.

Existiert der Staat heute?

In vieler Beziehung ist er existent, etwa wenn es darum geht, hohe Zölle auf einzuführende Ware zu erheben, selbst Hilfsgüter können manchmal im Hafen nicht abgeholt werden, weil viele Hilfsorganisationen nicht über so viel Geld verfügen, dass sie diese Güter entzollen können.

Hat sich seit dem Beben nichts an der Korruption geändert?

Nein. Das hat man auch bei den Wahlen im November gesehen. Das war ein trauriges Theaterspiel. Man konnte wochenlang nicht auf die Strasse, weil es Unruhen gab, es wurde geschossen, Steine wurden geworfen. Die Wahl war katastrophal, Wahllokale wurden statt um 7 um 11 Uhr geöffnet und um 14 Uhr wieder geschlossen, sodass die Leute gar nicht wählen konnten. Es sind Wahlurnen verschwunden. Es hätte eine Stichwahl zwischen den beiden führenden Kandidaten stattfinden sollen, aber es gab wieder Unruhen. Man weiss noch gar nicht, wann die Wahl sein wird.

Haiti ist eben ein «failed state», ein fehlgeschlagener Staat.

Das kann man so nicht sagen, aber seit Jahrhunderten sind die Leute an der Regierung nur darauf bedacht, für ihre Familien und sich selber Geld zu holen. Es gab 18 Präsidentschaftskandidaten, keiner von denen hat ein politisches Programm veröffentlicht. Letzten Endes war es bei den Regierungen, die ich erlebt habe, immer so, dass die Gelder, die nachweislich für bestimmte Sachen gegeben wurden, dafür nie genutzt wurden. Jeder Haitianer will Präsident werden, weil das ein einträglicher Job ist.

Kritik hat es auch an den internationalen Helfern gegeben, zu viele seien sich gegenseitig auf den Füssen herumgestanden.

Das kann man so nicht sagen. Wie gesagt, es gab keine Koordination, aber die Helfer haben auch Unglaubliches geleistet. Zum Beispiel haben kubanische Ärzte in den Gärten von bestehenden Krankenhäusern in Zelten operiert.

Wie ist die medizinische Versorgung heute, ein Jahr danach?

Fast alle Spitäler, die vorher in privatem Besitz waren, sind in den Händen der Médecins Sans Frontières. Die machen gute Arbeit. Nur: Die haitianischen Ärzte, von denen es auch viele gibt, sind zum Teil fast bankrott, weil die Médecins Sans Frontières alle kostenlos behandeln. Wenn die Médecins Sans Frontières abziehen, kommt das grosse Loch. Da warte ich schon drauf.

Behandeln Sie Ihre Patienten auch gratis?

Ich habe seit 13 Jahren ein Strassenkinderprojekt und behandle Strassenkinder gratis. Seit einigen Jahren auch die kleinen Kinder in den Vorschulkindergärten im Slum Cité Soleil.

Erwachsene müssen bei Ihnen bezahlen?

Wenn es kleinere Dinge sind, verlange ich nichts. Die Mütter sind so schrecklich arm, wie man sich das in Europa nicht vorstellen kann. Die schlafen zum Teil auf dem Lehmboden in einer halb zerfallenen Hütte mit 10 Personen. Es gibt ja fast nur Mütterfamilien, weil die Väter seit Jahrhunderten Polygamie betreiben. Wenn ein Kind da ist, suchen sie sich eine neue Frau. Wir haben also Frauen mit 10 Kindern von 10 Vätern, von denen sie aber überhaupt keine Unterstützung bekommen.

Wie halten sich diese Frauen über Wasser?

Sie hatten alle einen Kleinsthandel, einen Korb auf dem Kopf mit allerlei Sachen, die sie auf den Strassen verkauften. Im Erdbeben haben viele alles verloren und stehen heute ohne einen Cent in der Tasche da. Viele müssen betteln, ihre Kinder sind verhungert. Ohne die Hilfsorganisationen wären auch viele von unseren Kindern verhungert. Ich habe jetzt ein Projekt geschaffen, in dem jungen Frauen in den Slums etwas Geld gegeben wird, damit sie eine kleine Existenz gründen können.

Ist es aber in Haiti so wie in vielen Entwicklungsländern, dass die Männer keine Verantwortung zeigen?

Ja. Es war in diesem Sklavenstaat Tradition, es durfte nicht geheiratet werden und man heiratet auch heute nicht. Man findet auch Prostitution nicht anormal. Ich frage eine Mutter, wo sie jetzt wohne, weil ihr Haus zerstört ist. Sie sagt, bei einem Mann. Ich frage: ein Freund oder ein Verwandter? Sie sagt, ein Mann. Wenn sie ihm sexuell zu Diensten ist, darf sie bei ihm wohnen mit ihren Kindern. Das ist Prostitution, aber das ist diesen Leute gar nicht klar.

Sie beschreiben eine sehr schwierige Situation, trotz der vielen Hilfe, die gekommen ist.

Wir wissen nicht, wo die vielen Millionen Dollar geblieben sind. Es war nach dem Erdbeben so, dass Hunderte von Kirchen, Sekten und so weiter in den Strassen Essen verteilt haben, aber in den Slum Cité Soleil hat sich keiner gewagt, weil es so gefährlich ist. Als ich nach dem Erdbeben zum ersten Mal wieder durch die Cité Soleil gefahren bin, da hingen die Kinder und Erwachsenen wie Trauben an meinem Auto. «Barbara, Barbara, gib uns Wasser, gib uns zu essen.» Es war eine entsetzliche Situation, ich konnte nichts geben. Inzwischen habe ich dafür gesorgt, dass ich das kann. Wenn mich am Sonntag eine Mutter mit vier Kindern anruft und sagt, sie habe seit drei Tagen nichts gegessen, dann gebe ich ihr Geld, damit sie etwas zu essen kaufen kann. Solche Anrufe sind nicht selten.

Die Haitianer sind ein sehr gläubiges Volk. Es hiess ja auch etwa, dieses Erdbeben sei eine Strafe Gottes.

Das haben einige Sektenpastoren aus den USA hier verkündet. Es ist einfach absurd, was einige Sekten hier von sich geben. Ich kenne einen Fahrer, der gelegentlich auch von mir beschäftigt wird, der hat mir vorige Woche erzählt, es sei schon richtig, dass Männer die Frauen schlagen, es stünde so in der Bibel. Er ist Mitglied einer evangelikalen Sekte, ist sehr aktiv und sehr fromm. Wenn ich ihm sage, dass sich Christus im Grab umdrehen würde, wenn er sähe, was die Leute mit seiner Lehre machen, dann ist er entsetzt, und bin eine Gotteslästerin.

Wie populär sind diese evangelikalen Sekten?

Viele evangelikale Kirchen machen den ganzen Sonntag Gottesdienst, und die Leute kriegen gratis Essen. So werden Seelen gekauft. Man könnte sagen: Wer mir zu essen gibt, des Glauben habe ich.

Wenn man Ihnen zuhört, hat man nicht den Eindruck, dass es in Haiti grosse Fortschritte gibt.

Meine Hoffnung ist es, die Mentalität hier zu ändern, aber das kann man nur über Generationen. Meine Hoffnung sind die kleinen Kinder von 3 bis 6, denn es ist von Maria Montessori erwiesen, dass die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes in diesem Alter abgeschlossen ist. Wenn wir in den Vorschulen nicht erreichen, dass die kleinen Kinder eine Persönlichkeit entwickeln können, ist es zu spät. Ein Kind ist für eine haitianische Familie oft nur eine Sache oder ein Reichtum. Wenn eine Mutter ist, die nichts zu essen hat, aber zehn Kinder, kann sie sagen: «Ich besitze 10 Kinder.»

Aber Wunschkinder sind es nicht...

Nein. Diese Kinder bekommen von zu Hause null Komma null Erziehung, Anregung oder Vorbild. So sind wir die Vorbilder für unsere kleinen Kinder, wir müssen ihnen zeigen, dass es etwas anderes gibt als dieses Schmutzloch, in dem sie aufwachsen, und dass es sich lohnt, dafür etwas zu tun. Die Berufsschulen haben schon eine ganze Menge Leute hervorgebracht, die heute in leitenden Positionen sind, obwohl es nur eine minimale Ausbildung ist.

Das Problem ist aber doch, dass besser Ausgebildete häufig auswandern, in die USA oder sonst wohin.

Genau, das Land blutet intellektuell aus. Ich kann das aber niemandem, der hier wohnt, verdenken, dass es sein grösster Traum ist, dieses schreckliche Land zu verlassen. Schrecklich – es ist ein wunderschönes Land, aber schrecklich, was die Infrastruktur anbetrifft, was die Mentalität anbetrifft, es gibt keinen Respekt vor dem Eigentum des anderen. Am Tag nach dem Beben sind bewaffnete Horden von Leuten aus den Slums in unser Schulgelände eingebrochen und haben aus den zerstörten Gebäuden alles weggeschafft, was irgendwie zu brauchen war. Diese Leute kamen aus einer Gegend, deren Kinder in diesen Schulen erzogen wurden. Das war unendlich entmutigend.

Was hält Sie seit 13 Jahren in diesem schrecklichen Land?

Die Hoffnung, dass wir mit diesen Kindern einen Neuanfang schaffen können. Das werde ich nicht mehr erleben, aber wenn wir diesen Grundstein nicht legen, hätte ich auch keine Hoffnung mehr. Gestern habe ich für 280 Vorschulerzieher einen Kurs in Pädagogik gegeben, und ich hoffe, die Haltung der Erzieher zu ändern. Die Schulen in Haiti sind ein Skandal. Die Kinder sitzen da und wiederholen im Sprechchor, was vorne erzählt wird. Ich bin dabei, das in unseren Schulen abzuschaffen. Ich versuche, den Geist von Maria Montessori in die Schulen zu bringen. Aber 59 Erzieher, die ich im Jahr 2009 ausgebildet habe, waren am Tag des Erdbebens in den Schulen und sind alle gestorben. Das ist jetzt der erste Kurs, den ich seit dem Erdbeben wieder gegeben habe. Man darf die Hoffnung einfach nicht aufgeben.

In einem Zeitungsartikel haben Sie sich über die fehlende Eigeninitiative der Haitianer beim Wiederaufbau beklagt.

Ja. Ich bin im Krieg geboren und kann mich gut erinnern, dass ich als Kind meiner Mutter und Grossmutter geholfen habe, die als Trümmerfrauen nach den Bombenangriffen den Schutt aufgeräumt haben. Hier sieht man niemanden, der irgendetwas bewegt. Wenn also ein Haus auf die Strasse gefallen ist, bleibt es liegen, bis irgendwann einmal irgendjemand etwas wegräumt. Es ist eine Mentalität, bei der man wartet, bis der «Staat» etwas macht. Diese Mentalität ist anerzogen, besonders von den Amerikanern, durch ihre missverstandene Entwicklungshilfe, die so aussah, dass man immer nur gegeben hat. Man hat die Menschen niemals ermutigt oder gefordert, selber etwas beizutragen.

Was müssen die Menschen denn bei Ihnen für Hilfeleistungen leisten?

Wir, die Patres der Salesianer und ich, haben über Jahre die Eltern in den Slums dazu erzogen, dass sie selber auch mitverantwortlich sind für die Erziehung ihrer Kinder und die nicht einfach abliefern und ihrem kleinen Handel nachgehen können. Die müssen selber etwas tun. Wir haben einiges erreicht, wenn ich eine Elternversammlung mache, dann kommen doch einige Hundert.

Waren Ihre Kinder auch von der Cholera betroffen?

Nein, nur einen kleinen Buben habe ich in der Vorschule gehabt, von dem ich annehme, dass er die Cholera hatte. Ich habe ihn in ein Krankenhaus der Médecins Sans Frontières bringen lassen, aber was aus ihm geworden ist, weiss ich nicht. Zwei andere Kinder waren ebenfalls im Krankenhaus, aber die Mütter haben mir gesagt, sie seien wieder gesund. Mehr Cholera habe ich nicht gesehen. Ich habe mithilfe der Caritas Österreich einen grossen Cholera-Feldzug geführt, zur Prophylaxe, wir haben allen unseren Schulen Eimer und Seife gegeben. Alle Kinder, die vom Klo kamen, mussten die Hände waschen.

Haben die nepalesischen UNO-Soldaten die Cholera verbreitet, wie man hierzulande lesen konnte?

Das ist sehr wahrscheinlich. In Nepal gibt es einen Cholera-Erreger, den es hier nicht gab. Die Cholera ist flussabwärts vom Lager der nepalesischen Soldaten ausgebrochen. Haiti hat ja seit 300 Jahren keine Cholera mehr gehabt.

Wird die Lage in Haiti nicht noch schlimmer, wenn all die Hilfsorganisationen einmal nicht mehr da sind?

Auf der einen Seite ja, auf der andern Seite hoffe ich, dass sie verschwinden. Wenn Sie einen Amerikaner fragen: «Was hat Sie dazu gebracht, nach Haiti zu kommen?» – dann kommt als Antwort, auch bei intelligenten Menschen, immer dieselbe: «Ich habe die Stimme Gottes gehört, und Gott sprach zu mir: Geh nach Haiti und tue gute Werke.» Diese Einstellung finde ich so schrecklich. Gute Werke zu tun, heisst für die einfach, den Leuten viele Sachen zu schenken, statt die Leute zur Selbstständigkeit zu erziehen und sie zu respektiere und zu achten als Gegenüber.

Sie tun das?

Ich versuche, in den Menschen einen Mitmenschen zu sehen, dem ich mit meinen Kräften helfen kann, der selber aber auch einen Teil dazu beitragen muss. Wenn ich meinen Müttern sage, du kriegst jetzt von mir 7500 Gourdes, das ist einmalig, damit kannst du dir das und das kaufen, und dann wirst du sparen, damit du wieder neue Artikel kaufst, ist das ein Stück Erziehung.

Das funktioniert?

Ja. Ich könnte auch sagen: Hier hast du dein Geld, wenn du keines mehr hast, kriegst du wieder was. Nein, das mache ich nicht. Ich habe allen gesagt, ihr seid selber für euch verantwortlich. Die grosse Mehrheit nimmt die Chance wahr.

Sie haben ein paarmal Amerikaner kritisiert, wie kommt das?

Ein grosser Teil der Misere in Haiti basiert auf den Amerikanern. Auch Herr Clinton, der jetzt Spezialgesandter für Haiti ist, hat jetzt endlich gemerkt, dass es ein Fehler war, subventionierten Reis nach Haiti zu schicken. Der Überschussreis wurde hierher geschickt, um etwas für die armen hungrigen Haitianer zu tun. Am billigen Reis sind die Reisbauern in Haiti, die vorher das Land ernährt haben, zugrunde gegangen. Sie leben heute in den Slums in Porte au Prince, die Leute wurden vollkommen abhängig gemacht. Und dann gibt es eben diesen ganzen Missionarstourismus aus Amerika. Die fühlen sich als Retter von Haiti, wenn sie einen Koffer voll alte Sachen mitschleppen und hier verteilen.

Sie sind über 70 Jahre alt. Sie bleiben in Haiti?

Manchmal denke ich schon, ich wäre lieber zu Hause, im Schwimmbad oder beim Spazieren. Aber ich weiss, wie sehr ich hier gebraucht werde. Ich kann mir nicht vorstellen, wegzufahren und nicht wieder herzukommen. Ich mach das so lange, wie ich körperlich und gesundheitlich kann.

Was Sie machen, ist ein Tropfen auf einen heissen Stein.

Das sage ich auch immer, aber ich sage dann auch: Viele Tropfen auf den heissen Stein machen den heissen Stein etwas kühler.

Ihren Optimismus haben Sie noch nicht ganz verloren.

Nein, sonst wäre ich schon längst abgereist, wie viele Deutsche, die 30 Jahre oder länger hier gelebt haben, aber nach dem Erdbeben weggegangen sind.

Sie bleiben bei Ihrer schwierigen Aufgabe...

...von der man nicht weiss, ob sie Früchte bringt, aber man kann das nur hoffen. (Der Bund)

Erstellt: 15.01.2011, 13:27 Uhr

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Zur Person

Barbara Höfler arbeitete als Medizinaldirektorin bei einer Krankenversicherung in Köln, als sie 1997 aus gesundheitlichen Gründen pensioniert wurde. Auf einer Reise nach Haiti wurde sie dann in Porte-au-Prince mit der Not der Strassenkinder konfrontiert. Zurück in Deutschland lernte sie kreolisch und bereitete sich auf ein Hilfsprojekt vor, das sie im August 1998 mithilfe der Salesianer-Patres startete. Mit den Salesianern arbeitet die heute 72-jährige Ärztin immer noch zusammen, sie hilft mit, in 182 Schulen der Patres Tausende von Slumkinder zu betreuen. Daneben hat sie einen Kastenwagen zu einer fahrenden Ambulanz umgebaut, mit der sie vorwiegend Kinder in den Slums versorgt. Weiter gibt sie Kurse in Krankheitslehre und Hygiene für Eltern. Zur Unterstützung ihrer Arbeit hat Barbara Höfler in Deutschland das Hilfswerk«Lespwa» (kreolisch für: «Hoffnung») gegründet. «This is the crazy doctor from Germany», sollen Amerikaner laut «Spiegel Online» einmal über sie gesagt haben. Informationen über Barbara Höfler und ihr Werk auf www.strassenkinderhilfe-haiti.de und www.lespwa.de.

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