Lässt sich Trump durch Quantenphysik erklären?

Das meistdiskutierte Thema im Netz sind Videos, in denen Trump sich dagegen ausspricht, «Dreamers» auszuschaffen. Kommentatoren halten ihn für ein physikalisches Phänomen.

Die mentale Wandlungsfähigkeit des US-Präsidenten ist erstaunlich.

Die mentale Wandlungsfähigkeit des US-Präsidenten ist erstaunlich. Bild: Kevin Lamarque/Reuters

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Dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer wird – wahrscheinlich zu Unrecht – das Zitat zugeschrieben: «Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?» Wenn es einen heutigen Politiker gibt, der sorglos nach diesem Motto lebt, dann ist es US-Präsident Donald Trump. Es gibt viele Beispiele dafür, dass Trump aus Opportunismus, Schlauheit, unter dem Eindruck politischer Ereignisse oder aus einem Impuls heraus mit voller Überzeugung das Gegenteil von dem behauptet, was er zuvor ebenso überzeugt verfochten hatte.

Seit Trump Obamas Dekret über die sogenannten «Dreamers» zurückgenommen hat, erscheinen auf sozialen Netzwerken Videos, in denen der damalige Unternehmer die Ausschaffung illegaler Einwanderer ablehnt, die schon lange in den USA leben. Ein Ausschnitt aus einem Gespräch mit dem Fernsehsender MSNBC aus dem Jahr 2012 war gestern das weltweit meistdiskutierte Thema auf dem sozialen Netzwerk Reddit, in dem registrierte Benutzer Inhalte hochladen und diskutieren können.

Vor fünf Jahren hatte Barack Obama durch eine Exekutivanordnung verfügt, dass Einwanderer, die als Kinder oder Jugendliche illegal über die Grenze gekommen sind, nicht mehr deportiert werden. Sie haben das Anrecht auf Papiere und können legal arbeiten. Das Programm trägt das Kürzel Daca (für Deferred Action for Childhood Arrivals). Dass Trump nun sein Wahlversprechen erfüllen und Daca abschaffen will, hat unter den rund 800’000 Betroffenen und in der liberalen amerikanischen Öffentlichkeit Entsetzen provoziert. Auch zahlreiche Republikaner lehnen den Entscheid des Präsidenten ab, etwa Paul Ryan, der republikanische Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus.

Es war der CNN-Reporter Andy Kaczynski, der den Interview-Ausschnitt auf seinem Twitter-Konto publizierte:

Trump sagt: «Es gibt Leute, die 20 Jahre in diesem Land gelebt haben, die eine grossartige Arbeit verrichtet haben, die zur Schule gegangen sind, gute Noten erhalten haben, die produktiv sind – und jetzt sollen wir sie aus dem Land werfen? Davon halte ich nichts.»

Bereits zuvor hatte Kaczynski einen Gesprächsausschnitt publiziert, in dem sich Trump 2011 auf Fox News dagegen ausspricht, gut integrierte Einwanderer zu deportieren. Er redet von Mitleid und der Möglichkeit einer Amnestie.

Auf Reddit diskutieren die User unter dem Titel «Trump kritisiert Trump» über die erstaunliche mentale Wandlungsfähigkeit des Präsidenten. Für mehrere Kommentatoren ist diese nur noch in quantenphysikalischen Dimensionen zu erfassen. «Er hat jede mögliche Meinung zu einem Thema, und wenn man ihn fragt, wählt er nach dem Zufallsprinzip eine davon aus», schreibt ein User mit dem Benutzernamen Splax77. «Das ist wahrhaftig Schrödingers Präsident.» Die Aussage spielt auf das berühmte Gedankenexperiment des österreichischen Physikers Erwin Schrödinger an. Es besteht darin, quantenmechanische Begriffe auf die makroskopische Welt anzuwenden. So erschafft Schrödinger das Paradox, wonach eine in einem Käfig eingesperrte Katze gleichzeitig tot und lebendig ist.

Immerhin scheint die Abschaffung des Daca-Programms Trump auch nach seiner Wahl zum Präsidenten in einen Gewissenskonflikt zu stürzen. Im Februar sagte er an einer Pressekonferenz: «Du hast diese absolut grossartigen Jugendlichen, die meisten von ihnen sind grossartig. Sie sind auf eine bestimmte Weise hierhergebracht worden. Das ist eine sehr, sehr harte Angelegenheit. Daca schafft für mich eine sehr schwierige Situation, denn ich liebe diese Jugendlichen.»

Kommentatoren vermuten, Trump könnte von seinem Entscheid abrücken, sofern ihm der Kongress bei anderen Themen entgegenkommt – etwa bei der Finanzierung der Mauer zu Mexiko. Nach der Überzeugung Trumps und seiner Anhänger würde sie dafür sorgen, dass sich das Problem der «Dreamers» irgendwann von selbst erledigt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2017, 19:30 Uhr

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