Kubas Revolutionäre treten ab – das System Castro bleibt

Präsident Raúl Castro tritt zurück – was das für das Land bedeutet.

Raúl Castro (rechts) an einer Militärparade 2006. Jetzt tritt er ins zweite Glied. Foto: Joe Raedle (Getty Images)

Raúl Castro (rechts) an einer Militärparade 2006. Jetzt tritt er ins zweite Glied. Foto: Joe Raedle (Getty Images)

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Sie sind alle über 85 und haben ein Problem. Ihr Máximo Líder, Fidel Castro, hat einmal befohlen: Revolutionäre gehen nie in Pension! Und was Fidel gesagt hat, ist Gesetz in Kuba. Sein kleiner Bruder, Raúl (86), wagt sich nun, dieses zu brechen. Der alte, müde Mann tritt nach 12 Jahren als Staats- und Regierungschef zurück. Was geschieht mit den anderen Urgesteinen, die mit den Castros vor 60 Jahren als Guerillakrieger Revolution gemacht haben? Sie gehören zu den sogenannt Unberührbaren, sitzen in den Hierarchien im Staat, in der Partei und der Armee zuoberst. Niemand wagt es, ihnen zu widersprechen. Denn die «Historischen» sind unantastbar. Und sie wollen Kuba nicht verändern oder nur so, dass am Schluss alles gleich bleibt.

Treten sie nun mit Raúl zurück? Darüber herrscht im geschlossenen System Castro eisernes Schweigen. In Havanna munkelt man, Raúl bearbeite seine alten Kumpane seit Monaten, mit ihm abzutreten und Jüngeren Platz zu machen. Kürzlich dekorierte er die drei ältesten der letzten Dinosaurier mit dem Orden «Helden der Arbeit», was das Gerücht nährte, sie könnten eingesehen und eingewilligt haben, dass es Zeit ist zu gehen.

Nur ein halber Rücktritt

Doch das ist alles nur Kaffeesatzlesen. Weder die Regierung noch die Medien, geschweige denn Politiker haben je ein Wort verlauten lassen über den Generationenwechsel. Man findet in Kuba Menschen, die noch nicht mal wissen, dass Raúl zurücktritt. Und sehr viele glauben nicht daran, weil sie sich ein Kuba ohne einen Castro nicht vorstellen können.

Egal, wie die Zukunft der greisen Revolutionshüter aussieht. Raúl hat für sie und die Seinen vorgesorgt. Erstens: Der General tritt nur halb zurück, gibt lediglich die Regierungsämter ab, bleibt aber vorerst die Nummer eins der Kommunistischen Partei – und die steht in Kuba gemäss Verfassung über allem und allen. Zweitens: Er hat seinen Nachfolger selbst bestimmt. Miguel Díaz-Canel (57), ein Parteizögling ohne Profil, kurz: ein Mann, der ihm nicht gefährlich werden sollte. Drittens: Raúl hat über die Jahrzehnte im Schatten seines Bruders gelernt, im Verdeckten zu agieren und die Fäden zu ziehen. In seiner Amtszeit hat er still und leise die Machtstruktur nach seinem Gusto umgebaut: weg von der Alleinherrschaft wie zu Fidels Zeiten hin zu einer breiten Nomenklatura aus treuen Militärs, gehorsamen Partei­kadern und engen Familienangehörigen. Raúl, so heisst es, hat in seinen 12 Amtsjahren mehr Sitzungen einberufen als Fidel in 50 Jahren.

Video – Machtwechsel in Kuba verschoben

Der kubanische Präsident Raul Castro kündigte im Dezember 2017 an, zwei Monate länger als geplant im Amt bleiben zu wollen. (Video: Reuters)

Die absolute Macht, die bis heute Raúl und die «Unberührbaren» haben, soll im Kuba nach Castro niemand mehr haben dürfen. Das revolutionäre Erbe voller Altlasten sollen künftig viele Schultern tragen. Nach dem altrömischen Prinzip «Teile und herrsche» hat Raúl das Machtgefüge gespalten und aufgeteilt, so, dass er aus dem Ruhestand heraus und vom Parteithron herab Kubas Zukunft kontrollieren und wenn nötig intervenieren kann.

Die Jungen sollen übernehmen, aber nichts tun, was den Alten missfällt oder ihnen gar den Lebensabend verderben könnte. Sowohl auf der Insel wie auch unter den Exilkubanern in Miami gibt es viele verbitterte Menschen, die die alten Revolutionäre für ihre Taten noch so gerne vor Gericht und zur Rechenschaft ziehen würden. Das ist die grösste Angst von Raúl Castro und seinen Getreuen: dass ihnen und ihren handverlesenen Nachfolgern Macht und Kontrolle entgleiten, es irgendwann doch noch zu einem Volksaufstand oder einem Umsturz kommt, der sie brutal wegfegt.

Freundlich und repressiv

Raúl hat Kuba im Laufe der Jahre in eine Militärdiktatur verwandelt – nach aussen freundlich und meistens in Zivil, nach innen streng hierarchisch, kontroll­wütig und repressiv. Der General unterstellte den grössten Teil der Staatswirtschaft (inklusive der Tourismusindustrie) Konglomeraten und Konzernen, die den Streitkräften gehören, deren Chef er seit der Revolution 1959 ist. Auf fast allen wichtigen Posten im komplizierten Machtgeflecht sitzen heute loyale Militärs von Raúl.

Sie alle werden überwacht von einer Handvoll Mitgliedern des Nationalen Verteidigungsrats, der in einem Krisenfall die Kontrolle über alle staatlichen Institutionen übernehmen kann. In diesem Rat sitzt Raúls einziger Sohn, Alejandro Castro. Er wacht zudem über sämtliche Geheimdienste im Innenministerium und in der Armee sowie über den ganzen Repressionsapparat, ein gigantisches Heer in Uniform und in Zivil.

Das Kalkül des Generals: Raúl Castro an einer Parade in Havanna. (Bild: Reuters)

Raúl hat Kubas Maschinerie der Macht so zerlegt und neu zusammengesetzt, dass jeder jeden überwacht und jeder jedem misstraut. Ein Minenfeld, in dem sich niemand sicher fühlen kann, niemand grosse Sprünge wagt und jeder Schritt politisch tödlich sein kann. Personen, die Raúl und Getreue in dessen Umfeld persönlich kennen, sagen: Der Mann überlässt nie etwas dem Zufall, er hat alles bis ins letzte Detail durchdacht und eingefädelt. Das Kalkül des Generals kann aufgehen – im für ihn besten Fall bis zu seinem Tod. Eine Garantie hat er aber nicht. Die Gefahr besteht, dass es im Machtgebälk künftig kräftig knirscht, es zu Intrigen und noch erbitterteren Richtungskämpfen kommt als bisher, die Alten und Neuen mehr mit sich selbst als mit Regieren beschäftigt sind.

Allein der Gedanke, wie man ein Land in die Zukunft führen soll, das 60 Jahre lang total von zwei Brüdern geprägt und auf sie ausgerichtet war, wird bei manchen Auserwählten der künftigen Regierung Muffensausen auslösen. Einer dieser Brüder lebt ja noch.

Raúls grösster Fehler beim Konstruieren der Lebensversicherung für sich und die Seinen: Mit den unerfüllten Versprechen und immer wieder aufgeschobenen Reformen, dem Vorwärtsgang in Zeitlupe und dem Zickzackkurs hat er die schier unerschöpfliche Geduld im Volk überstrapaziert – und sein Regime und sein System sukzessive geschwächt. Das Volk ist ernüchtert bis enttäuscht von Raúl. Nur die ewigen Optimisten glauben daran, dass es nun anders und besser wird mit den Neuen, die von den Alten herangezüchtet und ausgewählt wurden, Kuba in die Zukunft zu führen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2018, 10:40 Uhr

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