Interview

«Karl Rove ist eine Art Boss der Republikanischen Partei»

Laut Rove-Biograf Craig Unger ist der blitzgescheite Politstratege zurück: Der Mann, der Bush ins Weisse Haus gebracht hatte, steht jetzt hinter dem Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney.

Der republikanische Stratege Karl Rove: Sein Grundsatz sei «Gefallen gegen Geld», sagt Craig Unger.

Der republikanische Stratege Karl Rove: Sein Grundsatz sei «Gefallen gegen Geld», sagt Craig Unger. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie haben ein Buch über den republikanischen Strategen Karl Rove geschrieben. Er war George W. Bushs Mann fürs Grobe und der Architekt der beiden Bush-Wahlsiege. Ist Rove denn heute noch relevant?
Natürlich hat Rove keinen Einfluss mehr auf die Vorgänge im Weissen Haus. Aber im Moment ist er eine Art Boss der Republikanischen Partei – das ist eine andere Rolle für ihn, aber noch immer eine ungemein mächtige Position. Nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofs vom Januar 2011, wonach Spender ungehindert und anonym riesige Summen in die Wahlkämpfe von Kandidaten schleusen dürfen, hat Rove die Kontrolle in der Partei übernommen. Der zentrale Apparat der Partei war sehr schwach, und Rove hat eine Chance gesehen. Er hat Treffen in seinem Haus in Washington organisiert – und mithilfe diverser von ihm kontrollierter Organisationen ungefähr eine Milliarde Dollar bei konservativen reichen Spendern eingesammelt.

Das ist viel Geld. Aber wollen Sie sagen, Rove habe die Republikanische Partei im Handstreich übernommen?
Seine Machtzentrale liegt mehr ausserhalb der Partei. Rove hat eine neue politische Infrastruktur errichtet, die sich nicht gegenüber dem Republikanischen Nationalkomitee, der Zentrale also, verantworten muss. Er hat das Geld, weshalb sie zu ihm kommen müssen. Für Rove war es eine Herausforderung, dass die Partei gespalten ist zwischen Establishment-Figuren und der Tea Party. Er ist kein Freund der Tea Party und hat im republikanischen Vorwahlkampf zur Auswahl des Präsidentschaftskandidaten dafür gesorgt, dass die Favoriten der Tea Party ausgeschaltet wurden.

Rove mag ja auf einem Berg von Geld für Wahlkämpfe sitzen. Aber bewirkt dieses Geld denn wirklich einen Unterschied angesichts des doch recht desolaten Zustands der Kandidatur von Mitt Romney? Würde Rove sein Geld nicht besser beim Kampf um Mandate im Parlament anlegen?
Roves Organisationen, etwa American Crossroads, geben derzeit viel Geld für Werbung zugunsten Romneys im Fernsehen aus. Aber wenn Romney wirklich implodieren sollte, wird Rove umschalten und sich besonders auf den Senat konzentrieren, wo die Republikaner Chancen auf eine Mehrheit haben. Je mehr Romney wackelt, desto stärker wird sich Rove auf die Schlacht um den Kongress konzentrieren.

Sie beschreiben Rove als einen Meister der schmutzigen Tricks, der politische Feinde demontiert, ohne Fingerabdrücke zu hinterlassen. Werden wir diesen Karl Rove im verbleibenden Wahlkampf erleben?
Das würde mich nicht im Geringsten überraschen und sich wohl am ehesten in Form von «Voter Suppression» manifestieren, also der künstlichen Niederhaltung der Wahlbeteiligung. Rove stand immer ganz vorne, wenn es um die Anschuldigung ging, die Wähler der Demokraten begingen Wahlbetrug. Das ist ja ein republikanisches Lieblingsthema. Und die Republikaner nehmen das zum Vorwand, um die Wahlbeteiligung bei jenen Schichten und Gruppen, die traditionell demokratisch wählen, durch scharfe neue Gesetze zu drücken. Rove hat schon bei den Präsidentschaftswahlen 2004 als Bushs Stratege behauptet, es gäbe enormen demokratischen Wahlbetrug. So würden Tote wählen, oder Wähler würden vorgeben, jemand anderer zu sein, und so weiter.

Und was wollen Rove und die Republikaner dagegen tun?
Jeder Wähler muss sich mit einem Fotoausweis identifizieren. Insgesamt sollen die Auflagen schärfer werden. Das soll die Wahlbeteiligung gerade von Minderheiten und Armen drücken. Viele Afroamerikaner haben zum Beispiel keinen Ausweis mit Foto – keinen Reisepass, keinen Führerschein. Mittlerweile versuchen die Republikaner in vielen Bundesstaaten, entsprechende Auflagen durchzudrücken.

Mutet das nicht traurig an angesichts der US-Bemühungen, anderen Völkern und Nationen zu freien Wahlen zu verhelfen? Immerhin hat auch Karl Rove als engster Berater von George W. Bush den Krieg im Irak als Kampf für die Demokratie legitimiert.
Natürlich! Doch wenn es nach den Republikanern ginge, würden Millionen von amerikanischen Wahlberechtigten bei dieser Wahl ihr Wahlrecht verlieren. Das würde vor allem Minderheiten und Einwanderer betreffen, also neben Afroamerikanern auch hispanische Wähler. Rove weiss, dass die Republikaner einer hispanischen Zeitbombe gegenüberstehen – es gibt fast 50 Millionen Latinos, bald werden es 70 Millionen sein, die beispielsweise einen derzeit verlässlich republikanischen Staat wie Texas in eine Bastion der Demokraten umwandeln könnten.

Aber hatte Rove seine Parteifreunde nicht schon vor Jahren gewarnt, dass sie mehr auf Latinos zugehen müssen, um weiterhin mehrheitsfähig zu sein?
Ja, Rove weiss, dass Latinos inzwischen überwiegend demokratisch wählen. Er weiss, dass Texas kippen wird, wenn die Republikaner künftig nicht mehr Latinos auf ihre Seite bringen werden.

Ihr Buch schürt gleichwohl den Verdacht, dass Rove nicht nur die Senkung der Wahlbeteiligung anstrebt. Sie beschreiben Anzeichen für einen republikanischen Wahlbetrug bei den Präsidentschaftswahlen 2004 im wichtigen Staat Ohio. Sollte man sich auch für die kommende Wahl Sorgen machen?
Ich möchte wirklich nicht darüber spekulieren, aber es gibt kaum Zweifel, dass es bei den Präsidentschaftswahlen 2000 im Bundesstaat Florida sowie bei der Wahl 2004 in Ohio Unregelmässigkeiten gab. Wir wissen, dass es eine Reihe von Techniken gibt, um die Wahlbeteiligung in überwiegend demokratischen Bezirken zu drücken. Man versucht die Zeiten für die Öffnung der Wahllokale einzuschränken, besonders in Städten mit vielen Afroamerikanern. Oder man bezweifelt die Wählerregistrierung oder den Wohnsitz eines Wählers.

Wie kommt Karl Rove eigentlich zu seinem vielen Geld?
Er ist sehr clever und hat seit Jahrzehnten eine Vielzahl wertvoller Verbindungen und Kontakte aufgebaut. Angefangen hat er das schon während seiner Zeit in Texas: Gebt mir Geld, und ich sorge dafür, dass ihr keine Probleme habt. So hat er es damals mit Tabak- und Pharmaunternehmen gemacht – ich kann euch helfen, wenn ihr mir ein paar Millionen Dollar für meine Kandidaten für das oberste Staatsgericht, für das Staatsparlament oder für meinen Gouverneurskandidaten George W. Bush überweist. Damit hat Rove eine prima Cash-Maschine geschaffen.

Er hat also langjährige Beziehungen zu Spendern und damit mehr und mehr Möglichkeiten, Geld einzusammeln?
Ja. Und dank des höchstrichterlichen Urteils vom vergangenen Jahr hat Rove erst recht freie Bahn. Er kann problemlos bei konservativen Milliardären wie den Gebrüdern Koch oder dem Kasino-Mogul Sheldon Adelson hausieren gehen.

Was treibt Rove an: Ideologie? Gier nach Macht?
Auf gar keinen Fall Ideologie. Rove möchte gewinnen, er möchte Macht haben. Er ist beispielsweise nicht religiös, aber dennoch alliiert mit der christlichen Rechten. Ebenso ist er kein Fan der Tea Party, aber er will es sich nicht verderben mit ihr. Ihm geht es um einen einfachen Grundsatz: Gefallen gegen Geld. Und wenn nötig, wirkt er dabei hinter den Kulissen. So etwa im Fall Romneys. Als Kommentator bei Foxnews hat Rove beinahe alle republikanischen Präsidentschaftskandidaten kritisiert – ausser Mitt Romney. Er hat Sarah Palin oder den texanischen Gouverneur Rick Perry kleingemacht, Romney hingegen nie.

Hat «König Karl», wie Rove genannt wird, diesmal nicht eine Fehlkalkulation gemacht? Romneys Kandidatur steckt doch in erheblichen Schwierigkeiten!
Ja, daran kann man den Nachteil einer politischen Fernsteuerung ablesen. Mit Bush hatte Rove dieses Problem nicht: Bush war diszipliniert im Wahlkampf, weil Rove stets an seiner Seite war und dafür sorgte, dass alles reibungslos ablief. Bei Romney ist das anders, denn Rove ist nicht zur Stelle, um aufzupassen. Aber auch wenn Romney verliert, wird Rove mächtig bleiben. Er wird weiter die Fäden ziehen in der Partei und eine Niederlage Romneys anderen anzuhängen versuchen. Solange Rove das Geld hat, wird sein Einfluss in der Partei stark bleiben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.09.2012, 09:16 Uhr

Karl Rove

Craig Ungers Buch «Boss Rove» zeichnet
die Karriere von Karl Rove nach. Der republikanische Stratege leitete 2000 und 2004 erfolgreich den Wahlkampf von George W. Bush. Mit harten Kampagnen verschaffte er sich den Ruf eines skrupellosen Strippenziehers. Die Swift-Boat-Affäre um John Kerrys angeblich ungenügende Leistung im Vietnamkrieg etwa wird ihm zugeschrieben. Bush nannte Rove seinen «Architekten» und machte ihn zum stellvertretenden Stabschef im Weissen Haus. Im Sommer 2007 trat Rove von seinen politischen Ämtern zurück. Doch Unger will aufzeigen, dass Rove bei den Republikanern weiter die Fäden in der Hand hält. (dhe)

Romneys Umfragewerte sinken

Artikel zum Thema

«Haben Sie etwas dabei?»

Interview Oliver Stone zeigt am Donnerstag in Zürich seinen neusten Film. Der US-Regisseur über Marihuana, Mitt Romney und Amerikas Vormachtstellung in der Welt. Mehr...

Abschätziger Kommentar kostet Romney deutlich Stimmen

Nach den abschätzigen Aussagen über Obama-Wähler wenden sich viele Anhänger von Mitt Romney ab. Würde heute gewählt, käme er auf nur 43 Prozent der Stimmen. Nun übt er sich in Schadensbegrenzung. Mehr...

Die Jagd nach «Anne Onymous»

Hintergrund Eine versteckte Kamera filmt Mitt Romneys Rede für Insider. Das Video wandert durchs Internet, bis Jimmy Carters Enkel es bekannt macht. Wie aus einigen Youtube-Clips Romneys schlimmster Albtraum wurde. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Kommentare

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Die Welt in Bildern

Keine ruhige Fahrt: Möwen fliegen über einen Mann, der am frühen Morgen in Neu Dehli mit seinem Boot über den Fluss gleitet. (21. November 2018)
(Bild: Anushree Fadnavis) Mehr...