KGB-Choreografie am Gipfeltreffen

Zunächst die Wartezeit, dann ein bisschen Sympathie. Und schliesslich die Wahrheit – oder was der andere als Wahrheit gebrauchen kann.

Putin hat erneut jegliche Einmischung Moskaus bei den US-Wahlen 2016 bestritten – und Trump glaubt ihm. (Video: Tamedia/SDA)

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Keine Frage, wer hier der Herr im Haus ist. Da steht er im Gotischen Saal des Präsidialpalais in Helsinki, leicht breitbeinig, wie man es von ihm gewohnt ist, aufmerksam wie ein Fuchs, ein zarter Spott liegt in den Mundwinkeln. Die Halle lässt nicht viel Platz zur Entfaltung von Prunk und Grösse, gerade mal 40 Leute passen in den Raum, mehr hat das Protokoll nicht zugelassen. 20 Amerikaner, 20 Russen. Und eben Wladimir Putin (65), der Herr seiner Gefühle ist und damit auch Herr des Verfahrens.

Neben ihm baut sich jetzt Donald Trump auf, der amerikanische Präsident, 72 Jahre alt. Er kocht vor Zorn. Entweder, weil ihm das sein Instinkt rät, oder weil er tatsächlich empört ist, dass der russische Präsident ihn eine Stunde hat warten lassen. Die beiden geben sich nicht die Hand. Zunächst jedenfalls.

Man konnte die Ankunft Putins am Flughafen verfolgen, bereits da hatte er eine gute halbe Stunde Verspätung. Für Putin nicht viel. Pünktlich sind immer nur die Ohnmächtigen. Die Maschine rollte auf dem Rollfeld aus, dann stieg der Präsident in seine neue Limousine Aurus Senat, ein russisches Eigenprodukt, erstmals im Ausland im Einsatz und natürlich sofort Gegenstand des PS-Vergleichs. Länge, Panzerung, Höchstgeschwindigkeit. Bitte, Trumps Wagen, Spitzname The Beast, kann Granaten abfeuern? Wie im Quartett halten die Experten die Werte der beiden Fahrzeuge gegeneinander. The Beast gegen Aurus – die Supermächte sind wieder da.

«Die Hacken kühlen»

Und wie sie da sind. Eine Choreografie aus dem Handbuch des KGB – oder schlicht die Gebrauchsanweisung für den Umgang mit schweren Neurotikern. Zunächst der Spannungsaufbau, die Wartezeit. Dann ein bisschen Sympathie, ein bisschen Empathie, schliesslich die Wahrheit – oder was der andere als Wahrheit gebrauchen kann.

Donald Trump musste also in seinem Hotel «die Hacken kühlen», wie die Berichterstatterin aus seiner Entourage notiert. Vermutlich ist genau das Gegenteil geschehen: Mit steinernem Gesicht betritt Trump den Gotischen Saal, schaut grimmig. Er bläht die Brust.

Sichtbar sind die nackten Oberkörper der Herren nicht, aber spürbar ist: Im Wettbewerb der fühlbaren Macht siegt Putin. Die Botschaft der Körpersprache, den Kopf in gespielter Demut gesenkt, die Blicke, das Selbstbewusstsein. Putin hatte das Treffen vorgeschlagen, aber Trump wollte es – sehr. Und Putin wird ihm gleich liefern, was er braucht. Schon beginnt Trump mit den Signalen der Annäherung, dreht nach den ersten Sätzen den Kopf zu Putin und zwinkert, als wolle er sagen: Alles nicht so gemeint, lass uns Freunde sein. Dann schütteln sie sich doch noch die Hände.

Was Putin und Trump tatsächlich wollen, welche Sprache sie finden, welche Arbeit die Stäbe geleistet haben – es bleibt zunächst im Verborgenen. Ein eigentümlicher Gipfel ist das, ein Gipfel, wie ihn Helsinki in seiner reichen Gipfelgeschichte noch nie erlebt hat. Keine Verhandlungen, kaum Vorbereitung. Nur zwei Männer im Gespräch.

Eine Stunde war geplant

Im Präsidentenpalais wechseln die beiden Hauptdarsteller die Kulissen wie in einem Theaterstück: Gespräch unter vier Augen im Gotischen Saal, Arbeitsessen im Spiegelsaal, Pressekonferenz im Staatssaal. Alles in kleiner Besetzung. Mit dabei: die Aussenminister, die Sicherheitsberater, ein Fachexperte und ein Dolmetscher.

Vor dem Gespräch Trumps mit Putin unter vier Augen hatten sie am meisten Angst in Washington, weil sie nicht wussten, was der Mann in Moskau mit ihrem Commander in Chief anstellen würde. Wo man doch weiss, dass Trump am liebsten die Meinung desjenigen zu seiner eigenen macht, der gerade als Letzter das Zimmer verlassen hat.

Die Uhr tickt, aber die Tür zum Gotischen Saal will sich nicht öffnen. Eine Stunde war geplant. Es werden 90 Minuten, dann 120. Klar ist: Je länger die beiden reden, desto weniger beherrschbar wird Trump darauf sein. Der Weg vom Klon Putins über den Kritiker zum politischen Partner – Trump legt so etwas spielend in zwei Stunden zurück.

Ehe er nach Europa aufbrach, teilte Trump seinen Wählern in Montana mit: «Wisst ihr, Präsident Putin ist KGB und dies und das. Aber wisst ihr was? Putin ist in Ordnung. Er ist in Ordnung. Wir sind alle in Ordnung. Wir sind Menschen. Bin ich vorbereitet? Total vorbereitet. Ich habe mich auf dieses Zeug mein ganzes Leben vorbereitet.»


Proteste begleiten Treffen von Trump und Putin

US-Präsident Donald Trump wird in Finnland nicht von allen mit Freude erwartet. Video: Tamedia/SDA/AP

Wie tief diese Vorbereitung ging, hat am Freitag erst der amerikanische Sonderermittler Robert Mueller dokumentiert, als er zwölf russische Geheimdienstmitarbeiter anklagte und eine bemerkenswert detaillierte Beschreibung der russischen Spionage zugunsten von Donald Trump im US-Wahlkampf 2016 vorlegte. Nachzulesen ist, dass die russischen Hacks in das E-Mail-System exakt an dem Tag begannen, als Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung in Florida jenen legendären Satz sprach: «Ich sage dir, Russland: Wenn du zuhörst, ich hoffe, du kannst die 30'000 vermissten E-Mails (von Hillary Clintons Server) finden.»

Dieser Aufforderung folgte Russland offenbar umgehend. Wer heute die Ermittlungsakten liest, der ist einerseits beeindruckt von der Schaffenskraft der russischen Computerhacker und andererseits voller Bewunderung für die Aufklärungskraft der Amerikaner. Wobei Ermittler Mueller wohl auch eine Botschaft in die Welt setzen wollte: Wir kriegen euch, egal, auf welcher Seite des Atlantiks ihr gefummelt habt.

Dies ist der wichtigste Stoff aus amerikanischer Sicht, die Einmischung in das Allerheiligste der Demokratie, die Wahlmanipulation. Alle Sicherheitsbehörden haben sie bestätigt. Wenn Trump also eines braucht von Putin, dann eine Entschuldigung – oder eine gute Story.

Trump ist fast doppelt so breit und einen Kopf länger, aber schnell ist klar, wer hier der Grösste ist.

Sprung also in den Staatssaal, Pressekonferenz am Ende des Treffens. Putin explodiert geradezu vor Kraft, als er mit einem Satz auf die kleine Bühne kommt. Trump ist fast doppelt so breit und einen Kopf länger als der Russe, aber schnell ist klar, wer hier der Grösste ist. Der Präsident liest seine Worte ab. So was macht er nur in gefährlichen Situationen. Putin braucht nur ein paar Notizen. Er kennt das Skript ja bereits.

Zu den Spionen: Gab es nicht, alles Lügen, der russische Präsident habe ihm das glaubwürdig versichert, sagt Trump. Mehr noch: Putin bietet an, die Ermittlungen doch gemeinsam zu führen. Man werde die Verdächtigen im Auftrag der USA verhören, wenn das denn gewünscht sei. Sogar amerikanische Ermittler dürften dabei sein, aber nur, wenn im Gegenzug auch russische Ermittler in den USA dem einen oder anderen Fall nachgehen dürften.

Dann spricht Trump wieder von der Hexenjagd, legt nach bei den gängigen Konspirationstheorien. Wo eigentlich sind die Server, wo die Beweise, wo Hillary Clintons verschollene E-Mails? Dann kommt der Satz, mit dem der Präsident die Ermittlungen ein für alle Mal beerdigen will: «Lieber würde ich ein politisches Risiko im Kampf um den Frieden eingehen, als den Frieden für ein politisches Risiko aufs Spiel zu setzen.»

«Der Ball ist nun in deinem Feld»

Kurz: Der Weltpolitiker Trump hat Wichtigeres zu tun, als sich in den Niederungen der Innenpolitik beschmutzen zu lassen. Putin sekundiert, er hätte es nicht besser sagen können. Er hat gerade einen Freund gewonnen, der so hilfreich war, die Brandmauer zwischen Russland und dem Westen einzureissen.

Was Putin genau denkt in diesen Minuten, ist nicht zu erahnen. Nur den letzten Teil der Choreografie muss er noch bewältigen. Ein Mitarbeiter wirft ihm einen Weltmeisterschaftsball zu. Den bekommt jetzt Trump, mit besten Empfehlungen für die übernächste WM. Und mit dem vergifteten Satz: «Der Ball ist nun in deinem Feld.»

Dann verlässt Putin die neoklassizistische Säulenhalle, man könnte sagen: die Umgebung seiner Jugend. Der Sankt-Georg-Saal im Winterpalais im heimatlichen St. Petersburg diente als architektonisches Vorbild, als sich der Zar seine finnische Provinzresidenz herrichten liess. Und Zar ist schliesslich er, Wladimir Putin, Präsident der Russischen Föderation, nach den Kriterien fühlbarer Macht klar der Herr im Haus an diesem Montag in Helsinki.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.07.2018, 22:27 Uhr

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