«In Trumps Team sitzen die Schlimmsten der Schlimmen»

Sara Blackwell hat Donald Trump unterstützt. Doch seine arbeitnehmerfeindlichen Berater lehnt sie ab.

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(Bild: zvg)

Rudolf Burger

Frau Blackwell, Sie haben Donald Trump in den Präsidentschaftswahlen unterstützt. Sind es aber nicht eher die Demokraten, die sich für Ihr Thema, die Rechte von Arbeitnehmern, engagieren?
Tatsächlich sollte es eher die Linke sein, die sich mit dem Thema der Auslagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland befasst. Aber ich reise im ganzen Land umher, halte Vorträge, und es sind immer ganz rechte, sehr konservative Gruppen, die mich einladen. Das schockiert mich. Für die meisten Dinge, für die sich diese Leute sonst einsetzen, habe ich nichts übrig. Aber die Linke versteht nicht, dass es um eine Menschenrechtsfrage geht, und heute eine moderne Form von Sklaverei existiert. Ich wünschte mir, dass die Linke und die Demokraten dem Export von Arbeitsplätzen mehr Aufmerksamkeit schenkten. Aber sie tun das nicht, sie stehen auf der falschen Seite.

Und dennoch: Kaum war Trump gewählt, haben Sie ihn auch schon kritisiert . . .
. . . weil er gleich ein Beraterteam zusammengestellt hat, in dem sich die schlimmsten der schlimmen Leute befinden. Ginni Rometty, die IBM-Chefin, agiert wie eine Plantagenbesitzerin aus der Zeit der Sklaverei, sie hat systematisch Stellen nach Indien verlegt, wo IBM heute mehr Leute beschäftigt als irgendwo sonst, auch mehr als in den USA. Ich erhalte auch Anfragen von Leuten aus Südafrika, Kanada und Europa, Leute, die für IBM arbeiten, wo sie dasselbe tut. Für Rometty zählt nicht Qualität, für sie geht es nur darum, günstige Sklavenarbeit in Indien und Costa Rica zu bekommen.

Ginni Rometty ist nicht die Einzige in der Trump-Mannschaft, die mit den Rechten der amerikanischen Arbeiter wenig am Hut hat.
Leider nein, auch Disney-Chef Robert Iger ist im Beraterteam. Unter ihm hat Disney begonnen, ausländische Arbeitskräfte zu beschäftigen. Zu meinen Klienten gehören Disney-Angestellte, die durch Gastarbeiter aus Indien ersetzt wurden. Ehemalige Angestellte sind an den Wahlveranstaltungen für Trump aufgetreten. Trump hat mir zugehört, als ich meine Anliegen vorbrachte.

Sie haben Trump persönlich getroffen?
Ja, mehrmals. Dass er Iger in sein Beraterteam aufgenommen hat, hat mich sehr enttäuscht. Dennoch hoffe ich, dass Trump etwas gegen die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland unternimmt.

Trump will Andrew Puzder zum Arbeitsminister machen, der gegen Gewerkschaften ist, gegen die Einführung von Mindestlöhnen und gegen viele andere Forderungen der Arbeitnehmer.
Dazu kann ich nur folgendes sagen: Wir Amerikaner haben uns für Bürgerrechte eingesetzt, wir leben in einem kapitalistischen System, das ich unterstütze, aber es muss auch ein Gegengewicht geben. Es gibt Gesetze, die Mindestlöhne festlegen, das Maximum der wöchentlichen Arbeitszeit und Überstundenregelungen. Es gibt Anti-Diskriminierungsgesetze, und wer arbeitet, ist gegen Krankheit versichert. All diese Rechte kann man uns nicht nehmen. Und zu diesen Rechten sollte auch gehören, dass Arbeitsplätze nicht ohne weiteres ausgelagert werden dürfen.

Dem aber steht der Trend zur Globalisierung entgegen.
Richtig. Die Unternehmen nehmen die Globalisierung zum Vorwand und lagern Stellen nach Indien, China, den Philippinen, Mexiko und Costa Rica aus, wo Arbeitnehmer all diese Rechte nicht haben. Diese Unternehmen gehen also quasi zurück zu den Zeiten der Plantagenbesitzer und Sklavenhalter, wo 90 Stunden in der Woche gearbeitet wird und kaum Löhne bezahlt werden müssen, weil die Arbeitnehmer von den Regierungen dieser Länder nicht geschützt werden. Amerikaner wollen und können mit solchen Löhnen und Arbeitsbedingungen nicht mithalten.

In vielen Staaten wurde gleichzeitig mit den Wahlen für die Präsidentschaft auch über eine Erhöhung der Mindestlöhne abgestimmt. Steht dieses Thema auch auf Ihrer Agenda?
Was Mindestlöhne betrifft, habe ich keine Meinung.

Das erscheint doch etwas seltsam: sich für Arbeitnehmerrechte einsetzen, aber keine Meinung zu Mindestlöhnen haben.
Sehen Sie: Ich befasse mich auch nicht mit illegaler Einwanderung, ich muss mich auf meine Themen konzentrieren. In meiner Arbeit geht es um die Verlagerung von Arbeitsplätzen und privaten Daten ins Ausland sowie um die Tatsache, dass amerikanische Arbeitnehmer gezwungen werden können, Ausländer anzulernen, die ihnen dann ihre Jobs wegnehmen. Diese Themen beschäftigen mich 24 Stunden am Tag und 7 Tage in der Woche. Für alles andere habe ich keine Zeit.

Was eines dieser Kernthemen betrifft, gibt es doch einige erfreuliche Nachrichten. Ford zum Beispiel hat angekündigt, auf den Bau eines neuen Werks in Mexiko zu verzichten.
Das finde ich grossartig und ist schon einmal ein guter Anfang. Das bringt Arbeitsplätze in der Industrie zurück nach Amerika, und darüber bin ich sehr glücklich. Aber leider gibt es nicht einen Fall von Arbeitsplätzen für Hochqualifizierte, die zurückkommen. Im Moment verlieren wir Hunderttausende Arbeitsplätze im hoch qualifizierten Bereich, in der Datenverarbeitung, Radiologie, Buchhaltung, im Versicherungswesen und so weiter, insgesamt viel mehr Arbeitsplätze als in der Industrie.

Und diese Jobs für Hochqualifizierte werden nach Indien ausgelagert?
Nach Indien und Mexiko. Und mit all diesen Stellen wandern auch unsere privaten Daten mit. Fast alle amerikanischen Banken verlagern Arbeit ins Ausland, und damit auch die Daten ihrer Kunden. Auch Gesundheitsdaten, die bei uns geschützt sind, werden ausgelagert. Ich bin geschieden. Wenn mein Ex-Mann die Gesundheitsdaten meiner Tochter sehen will, muss ich bei meinem Arzt ein Dokument unterschreiben, damit er die Daten einsehen kann. Aber heute lagern diese Daten in Indien, wo es keine entsprechenden Gesetze gibt. In Indien sind unsere Daten nicht sicher.

Gibt es Mittel, um gegen die Auslagerung von Arbeitsplätzen im Bereich der Datenverarbeitung zu kämpfen?
Wir in den USA brauchen ein Gesetz zum Schutz unserer virtuellen Grenzen. Wir müssten definieren, was aus Sicherheitsgründen zu unseren privaten Daten gehört. Ein solches Gesetz wäre auch ein gutes Mittel, um Stellen zurückzubringen, die mit der Verarbeitung von Daten zu tun haben. Wer keinen Zugang zu solchen privaten Daten hat, kann sie auch nicht zu Billigsttarifen verarbeiten lassen. Schliesslich geht es auch um den Schutz vor Cyber-Kriminalität.

Ist es nicht schwierig, solche Gesetze durchzubringen?
In anderen Ländern ist das möglich. In Europa gibt es Gesetze, die den Datenfluss in die USA limitieren. Unsere Gesetze sind zu 100 Prozent gegen amerikanische Arbeitnehmer und zu 100 Prozent gegen den Schutz unserer Daten. Als Anwältin verliere ich meine Fälle auf allen Ebenen, weil die Gesetze auf Seite derjenigen Unternehmen sind, die amerikanische Arbeitnehmer dazu zwingen, die Leute auszubilden, die ihnen dann ihre Stelle wegnehmen. Diese Gesetze sind das grösste Problem.

Sollte es in den USA ein Gesetz geben, das bestimmt, dass Amerikaner bevorzugt werden müssen bei offenen Stellen?
Wie ist es der Schweiz? Sollten Schweizer als Erste von freien Stellen profitieren können? Die Antwort ist ja, auch für die USA. Wenn es für eine Stelle zwei Kandidaten gibt, beide gleich gut qualifiziert, dann sollte der Amerikaner die Stelle erhalten. Nur wenn sich keine qualifizierten einheimischen Bewerber melden, sollten auch Ausländer sich bewerben können.

Sie haben vorher gesagt, illegale Einwanderung sei für Sie kein Thema. Das erstaunt.
Persönlich bin ich der Meinung, dass es harte Zulassungsbeschränkungen braucht. Es muss möglich werden, genau zu verfolgen, wer mit welchem Visa kommt und was dann geschieht. Es gibt viele Leute, die sich mit abgelaufenen Visa weiter in den USA aufhalten.

Und was ist mit den illegalen Einwanderern?
Wer bleiben darf, muss eine Arbeitserlaubnis erhalten. Wenn illegale Einwanderer zwar hier bleiben, aber nicht arbeiten dürfen, dann sind sie in derselben schrecklichen Situation, wie die Leute in Indien, die für Sklavenarbeit missbraucht werden.

Trumps Idee ist es, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer zu bauen.
Da hätte ich nichts dagegen. Es ist schlimmer, Leute wegzuweisen, wenn sie hier einmal Wurzeln geschlagen haben, als ihnen von Anfang an den Zugang zu verwehren. Wir handeln verantwortungsbewusst, wenn wir nur eine kontrollierte Einwanderung zulassen.

Trump hat auch angekündigt, das Freihandelsabkommen Nafta mit Mexiko und Kanada zu kündigen. Einverstanden?
Ja. Nafta ist bald Geschichte, und auch das TPP, das Abkommen mit Asien. Diese Abkommen setzen ein Rennen nach unten hin zu den tiefsten Löhnen in Gang. Mit Ländern, die mit uns gleichauf sind, sind solche Abkommen sinnvoll. Aber wenn es um Länder mit Stundenlöhnen von zwei Dollar geht, werden diese Stellen immer in das billigste der Billiglohnländer abwandern. Mit dieser Art Globalisierung kann ich nicht einverstanden sein.

Ökonomen würden argumentieren, dass letztlich alle Länder von solchen Handelsabkommen profitieren.
Niemand weiss, wie sich ökonomische Theorien in der Praxis auswirken. Als Amerikanerin kämpfe ich dafür, Amerika auf dem heutigen Niveau zu halten. Wenn Indien ein höheres wirtschaftliches Niveau erreichen soll, darf das keinesfalls auf Kosten von Amerika geschehen.

Bernie Sanders, der ehemalige Präsidentschaftskandidat der Demokraten, hat über die Trump-Mannschaft gesagt: Es ist ein Team von Superreichen, die von den Sorgen der Mittelklasse absolut keine Ahnung haben.
Ich kenne den Hintergrund der Trump-Leute nicht. Die Bewegung für Donald Trump stand unter dem Motto «Wir haben genug vom Establishment». In meinem Kampf für amerikanische Arbeitnehmer habe ich gesehen, dass Politiker gekauft und Gesetze gemacht haben, die für die Unternehmer gut, aber schlecht für das amerikanische Volk waren. Jetzt kommt Herr Trump, und es sieht so aus, als würde er sich nicht um die Mittelklasse kümmern. Statt dass Reiche Politiker gekauft haben, sind sie nun selber Politiker geworden. Wenn es so ist, bin ich gegen diese Leute. Aber vielleicht hat Trump wirklich grosse Pläne für die Angestellten, aber im Moment sieht es nicht gut aus.

Das tönt nicht allzu optimistisch.
Ich bin trotz allem voller Hoffnung. Trump liebt Amerika. Er ist eine wahrhaft nette Person, eine mitfühlende Person. Wenn ich ihn damit richtig einschätze, muss er sich um meine Anliegen für amerikanische Arbeitnehmer kümmern.

Trump eine wahrhaft nette Person – hat Sie nicht gestört, was er über Frauen sagte, die ganze Pussy-Geschichte?
Nein. Ich habe mich auch nicht um die Vergangenheit von Hillary Clinton und über Bill Clintons Geschichten gekümmert. Das persönliche Leben dieser Leute interessiert mich nicht.

Sie haben gegen Hillary gestimmt. Hat Sie auch die Regierung Obama enttäuscht?
Sehr enttäuscht. Obama hat für die amerikanischen Arbeitnehmer nichts getan. Er hat nichts unternommen, um den Export von Arbeitsplätzen zu verhindern.

Aber er war der erste schwarze Präsident
. Rasse, Geschlecht, das persönliche Leben – das alles ist mir egal. Wenn ich eine politische Führungsperson vor mir habe, zählt für mich nur das, was diese Person tut, um diese Nation vorwärtszubringen. Ich liebe dieses Land. Dass jemand wie ich, der aus einem kleinen Dorf in Louisiana kommt, jetzt Interviews geben kann, zeigt, dass der amerikanische Traum lebt.

Ist es denkbar, dass Sie in vier Jahren für den Kandidaten oder die Kandidatin der Demokraten gegen Trump eintreten?
Wenn ich sehe, dass er sich nicht um die Rechte der amerikanischen Arbeitnehmer kümmert, werde ich nicht stillhalten. Ich gebe ihm ein Jahr.

Der Bund

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