Ihr Brief hatte das Potenzial, die Weltpolitik zu verändern

Sie hat ein geheimes NSA-Dokument zum russischen Hacking bei den US-Wahlen enthüllt – jetzt gilt Reality Winner als Landesverräterin.

«Sie glaubte, das Richtige zu tun», sagt die Mutter der inhaftierten Reality Winner. Foto: Michael Holahan (Keystone)

«Sie glaubte, das Richtige zu tun», sagt die Mutter der inhaftierten Reality Winner. Foto: Michael Holahan (Keystone)

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Der Brief hatte das Potenzial, die Weltpolitik zu verändern. Ein einziger Brief sollte das Leben von Reality Leigh Winner für immer verändern. Das Schreiben trug keinen Absender, der Poststempel verriet lediglich, dass es in der Stadt Augusta im US-Bundesstaat Georgia aufgegeben worden war.

Donald Trump hatte damals gerade die Wahl gewonnen, und es kursierten allerlei Gerüchte, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Die russischen Geheimdienste hätten mitgemischt, hiess es. Nichts davon war – damals – nur ansatzweise belegt. Trump hatte die Vorwürfe zurückgewiesen, Russland ebenso.

Schwarz auf weiss war nachzulesen, dass die Geheimdienste von der russischen Einflussnahme überzeugt sind.

Und genau deshalb war der Briefumschlag so brisant: Er enthielt eine fünf Seiten lange, «top secret» eingestufte Analyse des US-Geheimdiensts NSA. Ihr zufolge hat der russische Militärgeheimdienst einen Cyberangriff auf mindestens eine amerikanische Firma gestartet, um Informationen über Software zu erhalten, die bei der US-Präsidentschaftswahl zum Einsatz kommen sollte. Ausserdem seien 122 Mails an Personen verschickt worden, die für die Wählerregistrierung zuständig waren. Die Nachrichten installierten eine Spionagesoftware auf dem Computer des Empfängers.

Schwarz auf weiss war in dem Dokument nachzulesen, dass die amerikanischen Geheimdienste von der russischen Einflussnahme auf die Wahl überzeugt sind – im Gegensatz zu ihrem obersten Chef, dem US-Präsidenten. Die Absenderin des Schreibens heisst Reality Leigh Winner.

Sie ist 26 Jahre alt, Texanerin, hoch dekorierte Air-Force-Veteranin. Und sie sitzt seit 14 Monaten im Gefängnis, in den Augen der amerikanischen Behörden ist sie eine Landesverräterin. Ein Gericht in Georgia hat sie zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Ein Schuldeingeständnis bewahrte Winner vor einer noch längeren Gefängnisstrafe.

Erst Chelsea Manning, dann Edward Snowden, jetzt Reality Winner. Ihr Fall zeigt den geradezu schizophrenen Umgang mit Geheimdienst-Whistleblowern in den USA: Ihre Enthüllungen werden von vielen gepriesen, sie selbst aber werden verfolgt.

Sie half mit, zu entscheiden, wer per Drohne getötet werden sollte und wer nicht.

Reality Winner war neun Jahre alt, als die Islamisten von al-Qaida 2001 die Zwillingstürme des World Trade Center zum Einsturz brachten. Neun Jahre später, noch in der Highschool, meldete sich Winner freiwillig zur Air Force.

Sie sprach Arabisch und lernte dann noch Dari, Farsi und Paschtu – jene Sprachen also, die dort gesprochen werden, wo die USA ihre Feinde vermuten: im Iran, im Irak, in Afghanistan und Syrien.

Ein wichtiges Rädchen

Von der Air Force entsandt, belauschte und übersetzte sie im Hauptquartier des US-Auslandsgeheimdienstes NSA in Fort Meade, der Crypto City vor den Toren Washingtons, Telefonate und Funksprüche von Männern und Frauen am anderen Ende der Welt.

Sie half mit, zu entscheiden, wer als Terrorist anzusehen ist und wer nicht, wer per Drohne getötet werden sollte und wer nicht. 2016 wurde sie dafür mit der Air Force Commendation Medal ausgezeichnet. Zur Begründung hiess es, sie habe geholfen, 120 feindliche Kämpfer aufzuspüren und mehr als 100 «vom Schlachtfeld zu entfernen».

Winner war demnach ein wichtiges Rädchen in der amerikanischen Kriegsmaschinerie. Nach ihrer ehrenhaften Entlassung aus der Air Force heuerte sie bei einem privaten Dienstleister an, der für US-Geheimdienste tätig war.

«Sie war überzeugt, dass die Bevölkerung von dem Inhalt wissen sollte.»Billie-Jean Davis, Mutter von Reality Winner

Für die Firma Pluribus International Corporation analysierte und übersetzte sie fortan in einer NSA-Aussenstelle in Georgia Informationen zur iranischen Luftfahrtindustrie. Winner hatte, wie in den USA üblich, auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Militär ihre «Clearance», war also weiter befugt, «top secret» eingestufte Dokumente einzusehen, wie jene fünfseitige Analyse über die mutmassliche Beeinflussung der US-Präsidentenwahl 2016.

Sie gab an, das Papier in ihrer Strumpfhose aus ihrem streng bewachten Arbeitsplatz geschmuggelt zu haben. «Ich glaube, sie war überzeugt, dass die Bevölkerung von dem Inhalt wissen sollte», sagt ihre Mutter Billie-Jean Davis, «sie glaubte, das Richtige zu tun.» Von einem Briefkasten in einem nahe gelegenen Einkaufszentrum verschickte sie das Dokument – an wen, das ist nicht offiziell bestätigt. Experten sind sich sicher, dass es sich um das Onlineportal «The Intercept» handelte.

Anstatt lediglich zu zitieren, was im Dokument stand, schickte der Journalist Fotos – mit weitreichenden Folgen.

«The Intercept» wurde 2014 gegründet; unter anderem von Glenn Greenwald, jenem Journalisten, dem sich Edward Snowden einst anvertraut hatte. Das Portal mauserte sich innerhalb kürzester Zeit zu der Adresse für kritische Recherchen über die US-Regierung sowie das Treiben der Geheimdienste. Die ideale Adresse also für eine Whistleblowerin wie Reality Winner. Eigentlich.

Soweit man weiss, hat die Ex-Soldatin den Journalisten ihren Namen nie offenbart. Laut Anklage schickte sie lediglich das fünfseitige Dokument. Ein Mitarbeiter des in den Gerichtsunterlagen nicht näher benannten Onlinemediums kontaktierte dann eine Vertrauensperson, die auch für US-Geheimdienste tätig ist. Der Journalist wollte offenbar überprüfen, ob das Schreiben authentisch ist. Anstatt lediglich zu zitieren, was in dem Dokument stand, schickte er aber Fotos davon – mit weitreichenden Folgen.

Generäle nicht, Soldaten schon

Auf so ziemlich jedem Ausdruck handelsüblicher Farbdrucker befinden sich nämlich kleine Punkte. Ursprünglich sollten sie helfen, Geldfälschern auf die Schliche zu kommen. Stark vergrössert oder unter UV-Licht verraten die Punkte, wann und von welchem Drucker ein Dokument gedruckt wurde.

So kam man Reality Winner auf die Spur. Sie wurde festgenommen, bevor der Artikel veröffentlicht worden war. Die Staatsanwaltschaft klagte sie unter dem Espionage Act an, einem Gesetz aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, das die Kooperation mit dem Feind unterbinden sollte.

Dabei werden in den USA regelmässig streng geheime Informationen weitergegeben, ohne dass dies gravierende Folgen hat. Dem 4-Stern-General James Cartwright wurde vor einigen Jahren vorgeworfen, geschützte Informationen an einen Journalisten weitergegeben zu haben. Er wurde begnadigt.

Ex-CIA-Chef David Petraeus wiederum hatte geheime Informationen an seine Geliebte weitergegeben – er kam mit einer Geldstrafe davon. Für Generäle gelten in den USA jedoch offenkundig andere Regeln als für einfache Soldaten oder Geheimdienstler, insbesondere wenn sie Informationen leaken, die die Regierung nicht gut dastehen lassen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2018, 10:15 Uhr

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