Er jubelte Trump nicht zu – und musste deshalb gehen

Bei einer Rede des US-Präsidenten war ein 17-jähriger Schüler mit seinen Reaktionen und Grimassen der heimliche Star.

Ein 17-Jähriger stahl dem US-Präsidenten in Montana die Show. (Video: Tamedia Webvideo, mit Material von AFP)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

US-Präsident Donald Trump liebt Auftritte vor seinen Fans. Mit dem Publikum vor Augen und treuen Befürwortern im Rücken pflegt er seine Wählerschaft zu unterhalten. Nicht nur im Wahlkampf, sondern auch jetzt, während seiner Präsidentschaft.

Auch bei seinem letzten Auftritt in Montana, im Nordwesten der USA, wiederholte sich dieses Bild. Im Fernsehen war Trump bei seinen Tiraden gegen die New York Times, Hillary Clinton und seine anderen Feinde zu sehen – und hinter ihm eine Auswahl seiner Stammwähler, weisse Männer und Frauen, mit «Make America Great Again»-Hüten und Schildern. So weit so normal.

Direkt neben Trumps Kopf war allerdings ein junger Mann im Karo-Hemd zu sehen, der bei den Pointen des Präsidenten nicht klatschte, jubelte oder beipflichete, sondern ganz andere Mimiken zeigte. Mal schaute er ungläubig, mal hob er die Augenbrauen fragend hoch, mal schüttelte er entschieden den Kopf. Er formte seinen Mund zu einem «What?» oder lachte auch mal still vor sich hin.

Während der Rede ausgetauscht

Das merkten nicht nur die TV-Zuschauer, sondern auch Trumps Leute vor Ort. Nach einiger Zeit kämpfte sich eine schwarzhaarige Frau durch die Reihe zum jungen Mann vor, flüsterte ihm etwas ins Ohr und nahm dann lächelnd seinen Platz ein. Der Mann im Karo-Hemd musste gehen.

Die Bilder seiner Reaktionen auf Trumps Aussagen verbreiteten sich im Internet rasend schnell und er wurde als #PlaidShirtGuy (Karo-Hemd-Typ) bekannt. US-Medien spürten den Jugendlichen rasch auf. Es handelt sich um Tyler Linfesty, einen 17-jährigen Schüler aus der Region.

Seine Mimik-Aktion war nicht etwa geplant, wie er mehreren US-Nachrichtensendern verriet, sondern Zufall. Sein Name sei aus einem Topf gezogen worden und so habe er die Möglichkeit gehabt, den Präsidenten zu treffen, erzählte er. Linfesty schüttelte Trump die Hand, machte ein Foto mit ihm und wurde dann in die Zuschauerränge gelotst. Den Platz konnte er sich nicht aussuchen.

Auf die Rede von Trump habe er spontan reagiert. Wenn der US-Präsident etwas Verrücktes gesagt habe, dachte er, «wow, das ist verrückt» und habe entsprechend reagiert. Dasselbe habe er auch gemacht, wenn Trump etwas vernünftiges gesagt habe.

Zu seinen spontanen Gesichtsausdrücken kam dann auch noch mangelhaftes Klatschen hinzu. Wenn seine Nachbarn in Jubelstürme ausbrachen, hielt sich Linfesty zurück. Trumps Team gefiel offenbar nicht, dass ein junger weisser Mann direkt hinter dem Präsidenten so wenig Enthusiasmus zeigte. Und so wurde Linfesty kurzerhand mit einer Frau ersetzt. Der 17-Jährige wehrte sich nicht und ging.

Begeistert sieht anders aus: Tyler Linfesty, im Karo-Hemd in der Bildmitte (Reuters)

Von der Polizei überprüft

«Ich wusste, dass ich gehen musste, weil ich nicht geklatscht hatte», sagte er danach, deshalb habe er nicht dagegen angekämpft. Vor der Rede wurde ihm gesagt, dass er immer lächeln, klatschen und enthusiastisch sein soll. Das konnte er aber nicht, er wollte lieber ehrlich sein, sagte er danach.

Hinter der Bühne wurde er vom Secret Service empfangen und musste kurz warten, während die Polizei seine Identität überprüfte. Er sei gut behandelt worden, sagte er. Nach zehn Minuten wurde er dann weggeschickt. «Sie sagten mir, dass ich gehen und nicht mehr wiederkommen soll.» Auch zwei seiner Freunde mussten die Veranstaltung verlassen.

Er bezeichnet sich als «sozialer Demokrat»

Neben seiner Mimik und dem unterlassenen Klatschen dürfte auch seine politische Gesinnung zum Ausschluss geführt haben – auf sein Hemd klebte er während der Rede einen Sticker der «Democratic Socialists of America». Die Bewegung ist die grösste sozialistische Organisation in den USA, ist aber nicht als Partei eingetragen. Linfesty selber ist nicht Mitglied der Demokratischen Sozialisten und er bezeichnete sich selber als «sozialer Demokrat» und Unterstützer von Bernie Sanders oder Alexandria Ocasio-Cortez.

Im Internet wird Linfesty nun als Gesicht des Widerstands gegen Trump gefeiert.

(anf)

Erstellt: 08.09.2018, 09:34 Uhr

Artikel zum Thema

Obama: «Ihr müsst mehr machen, als einen Hashtag zu retweeten»

US-Präsident Trump hat von seinem Vorgänger die bis dato schärfste Zurechtweisung erhalten. Auch die ehemalige Aussenministerin Albright hat sich geäussert. Mehr...

Schluss mit Kuschen

Video Lange war es für Konzerne tabu, sich politisch zu exponieren. Nike, Levi’s und andere stellen sich jetzt gegen Trump, gegen die Waffenlobby. Kalkül? Mehr...

Trump will, dass Justizminister anonymen Autor aufspürt

Der US-Präsident hat den regierungsinternen Kritiker als Sicherheitsrisiko bezeichnet. Dieser dürfe nicht mehr an hochrangig besetzten Treffen teilnehmen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...