«Er ist mental entgleist, wir sind in Crazytown»

Watergate-Held Bob Woodward hat ein Buch über US-Präsident Donald Trump geschrieben. In «Fear: Trump in the White House» kommen dessen engste Mitarbeiter zu Wort.

Die Tonaufnahmen des Telefonats zwischen Bob Woodward und Donald Trump vom August 2018. (Video: Tamedia/AP)

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Anfang August meldete sich der Protagonist beim Chronisten: Dieser sei «immer fair gewesen», sagte Donald Trump am Telefon zum legendären Reporter Bob Woodward. Aber wieso habe ihn Woodward vor Erscheinen seines neuen Buchs nicht interviewt? Woodward versicherte dem Präsidenten, er habe ein Interview durch verschiedene Kanäle einzufädeln versucht, geklappt habe es leider nicht. Sein Buch über Trumps Präsidentschaft sei «hart», aber fair, versicherte der Journalist dem Anrufer. Der indes wusste, woher der Wind blies: «Das bedeutet, dass es ein negatives Buch wird.»

In der Tat: Basierend auf «hunderten von Interviewstunden» mit Trumps Mitarbeitern und deren Aufzeichnungen sowie anderen Quellen beschreibt Woodward das Weisse Haus in gestern erschienenen Auszügen in der «Washington Post» als ein Tollhaus, wie es Washington noch nie erlebt haben dürfte, seit die Regierungsgeschäfte 1791 von New York in die neue Hauptstadt verlegt wurden. «Wenn du eine Schlange und eine Ratte und einen Falken und ein Kaninchen und einen Hai und einen Seeotter in einen Zoo ohne Mauern sperrst, wird es schnell hässlich und blutig», zitiert Woodward Trumps ersten Stabschef Reince Priebus.

Der Direktor dieses Zoos wird von den Insassen als Idiot beschrieben, ein Präsident, der nicht viel weiss, nichts dazulernen will und seine Untergebenen tyrannisiert. Dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht am Regierungssitz der Weltmacht, schwante dem Publikum bereits vor Jahresfrist nach Michael Wolffs publizistischem Böller. Woodward aber ist nicht Wolff: Er gilt als ausgesprochen seriös und hat lesenswerte Bücher über acht US-Präsidenten geschrieben. Keineswegs ist er ein Liberaler oder voreingenommener Feind der republikanischen Regierung.

«Wie ein Sechstklässler»

Trotzdem ist «Fear: Trump in the White House» ein Bericht aus dem Eingeweiden einer Administration, deren Vorsteher nicht immer Herr der Lage scheint und von seinen Mitarbeitern wiederholt vor sich selbst bewahrt wird – etwa indem sie Dokumente von seinem Schreibtisch entwenden, damit der Chef sie nicht unterzeichnen kann. Überhaupt, die Untergebenen: Entnervt und entsetzt reagieren sie auf Trumps kolossale Ignoranz. Der Präsident agiere und verstehe die Welt «wie ein Sechstklässler», zitiert Woodward Verteidigungsminister James Mattis.

Trump sei «verwirrt», ein «Idiot», lautet der Befund von Stabschef John Kelly. «Es hat keinen Sinn, ihn von etwas zu überzeugen, er ist mental entgleist, wir sind in Crazytown, ich weiss nicht einmal, warum wir alle hier sind, das ist der schlimmste Job, den ich jemals gehabt habe», resigniert Kelly. Stabssekretär Rob Porter begreift seine Arbeit als einen «Marsch entlang der Klippen». Eine Präsidentschaft gebe es nicht mehr, ein Weisses Haus auch nicht, sondern nur noch «einen Mann, der ist, was er ist», sagt Porter.

«Lasst uns ihn fucking umbringen»

Furios tobt dieser Mann durch seine Präsidentschaft, ein Individuum mit zumeist miesen Eigenschaften und dazu eines, das dem 80-jährigen Handelsminister Wilbur Ross ins Gesicht sagt, er tauge nichts mehr: «Sie haben Ihre beste Zeit hinter sich.» Seinen Justizminister Jeff Sessions macht Trump hinter dessen Rücken als «dummen Südstaatler» lächerlich. «Geistig behindert» sei Sessions, höhnt er.

Trump dagegen versteht sich als steter Quell schlauer Ideen. «Lasst uns ihn fucking umbringen, lasst uns reingehen und die ganze Meute umbringen!», verlangt er von Verteidigungsminister Mattis, nachdem Bashar al-Assad 2017 einen Giftgasangriff auf Zivilisten unternommen hat. Der Pentagon-Chef will davon nichts wissen – aber erst nach dem Auflegen des Telefonhörers. «Das machen wir nicht», instruiert er einen Mitarbeiter.

«Alle wollen mich zur Strecke bringen.»Trump-Zitat aus «Fear»

Nichts aber bringt Trump mehr in Fahrt als seine Zeit vor dem Fernseher. Stabschef Priebus bezeichnet das Schlafzimmer, in dem der Präsident täglich Fox News einsaugt und seine Twitter-Stürme komponiert, als «Werkstatt des Teufels». Dort rastet Trump vor allem wegen Russland-Sonderermittler Robert Mueller aus. «Alle wollen mich zur Strecke bringen», lamentiert der Präsident. Er entscheidet sich dagegen, freiwillig vor Mueller auszusagen, nachdem sein Anwalt John Dowd im Januar 2017 einen Test mit ihm durchgeführt hat. Trump verwickelt sich dabei in Widersprüche, er lügt. Mueller könnte ihm Meineide anlasten. Mittendrin im Test explodiert Trump: Die Russland-Untersuchung sei ein «gottverdammter Schwindel».

Gefängnisanzug für Trump

Im März 2017 trifft sich Dowd mit Mueller. Er werde «nicht einfach hier herumsitzen» und Trump «wie einen Idioten aussehen lassen», sagt der Anwalt. Natürlich werde eine Abschrift der Einvernahme Trumps ans Licht kommen. «Ich habe Ihnen ja gesagt, dass er ein Idiot und dumm wie eine Hantel ist, wieso geben wir uns mit diesem Idioten ab?», werde man darauf im Ausland reagieren. «John, ich verstehe», sagt Mueller nach dem Ausbruch des Anwalts. Danach warnt Dowd den Präsidenten nochmals, auf keinen Fall bei Mueller zu einem Interview anzutreten. Entweder bleibe Trump still oder er werde einen «orangefarbenen Gefängnisanzug tragen», so Dowd.


Video: Trumps Retourkutsche

Über Twitter teilt Donald Trump gegen Woodwards Buchknüller aus. Video: Reuters.


Dass sein Problem mit dem Sonderermittler im Ausland genau verfolgt wird, ärgert den Präsidenten besonders. «Donald, ich mache mir Sorgen wegen dieser Untersuchung, gibt es dich noch lange?», fragt etwa der ägyptische Präsident Abdel Fatah al-Sissi am Telefon. Trump empfindet die Konversation als «Tritt in die Eier».

Als Choleriker und Dünnbrettbohrer wandert der Präsident durch die 448 Seiten von Woodwards Buch, ein Überforderter, der trotzdem überzeugt ist, ein grosser Präsident zu sein. Mehr aus Woodwards Buch wird in den kommenden Tagen publik werden, viel Positives freilich dürfte nicht dabei sein. «Kommt also wieder ein schlechtes Buch über mich heraus, wen kümmerts?», sagte der Präsident Anfang August zu Woodward am Telefon. Donald Trump kümmert es sicherlich, fühlt er sich doch stets als missverstandenes Opfer seiner zahlreichen Feinde. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.09.2018, 06:52 Uhr

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