Endlich einmal berühmt sein

Die Hochstaplerin Anna Sorokin verdrehte der High Society in New York den Kopf. Jetzt steht sie vor Gericht.

Ihr scheint das Urteil weniger wichtig zu sein als die Medienpräsenz: Anna Sorokin bei ihrer Anhörung im New Yorker Supreme Court. Foto: Keystone

Ihr scheint das Urteil weniger wichtig zu sein als die Medienpräsenz: Anna Sorokin bei ihrer Anhörung im New Yorker Supreme Court. Foto: Keystone

Hans Brandt@tagesanzeiger

In Russland geboren, in Deutschland die Schule besucht: Das war nicht genug. Anna Sorokin wollte mehr, viel mehr. Ein abgebrochenes Studium am berühmten Saint Martins College of Art and Design in London (zu den Absolventen gehören Gilbert & George oder Stella McCartney): nicht genug. Ein Praktikum in Paris bei «Purple», dem vielleicht angesagtesten Modemagazin: nicht genug.

Also erfand sie sich neu. Unter dem Pseudonym Anna Delvey baute sie sich eine Instagram-Präsenz auf. Zu ihren besten Zeiten hatte sie 44'000 Follower. 2016, kaum 25 Jahre alt, wurde sie zu einem der bekanntesten Gesichter der New Yorker High Society. Wochenlang wohnte sie in einem Designhotel, sie kannte nicht nur jeden coolen Ort der Stadt, sondern auch deren Kellner und Manager. Die exklusivsten Partys der Stadt? Anna war eingeladen, immer.

Anna Delvey gab sich als reiche Erbin aus Deutschland; Köln sei ihre Heimatstadt, erzählte sie. Woher das Geld der Familie kam, blieb vage: Für einen Financier war es «die Delvey-Familie, die ein grosses Rad im deutschen Antiquitätenhandel ist», für einen anderen Bekannten war ihr Vater ein Hersteller von Solaranlagen.

Andere bezahlten

Und diese Familie war offenbar bereit, für Anna ein Riesenprojekt in New York zu finanzieren. Sie wolle an bester Lage ein Kulturzentrum der «Anna Delvey Foundation» eröffnen, erzählte sie: zwei, drei Restaurants, eine Bar, eine Galerie mit wechselnden Ausstellungen nur der besten Künstler – Jeff Koons, Damien Hirst, Tracey Emin. Sie verhandelte mit Banken, Maklern, Silicon-Valley-Grössen, Koryphäen der Kunstwelt. In einer Hochglanzbroschüre stellte sie das Projekt vor. Es ging um 22 Millionen Dollar, vielleicht auch 44 Millionen.

Währenddessen pflegte Anna Delvey den Lebensstil der Superreichen: Sie trat nur in den besten Designerstücken auf, auch wenn es sich um Leggings handelte, mietete einen Privatjet, organisierte Partys in den coolsten Restaurants. Und liess immer wieder andere für sich bezahlen. Mal blieb ein Freund auf 3000 Dollar Schulden sitzen, mal reiste sie aus einem Hotel ab, ohne die Rechnung bezahlt zu haben. Die Kontoauszüge, die sie den Banken präsentierte, waren gefälscht.

Bis zu 15 Jahren Haft

2018 flog der ganze Schwindel auf. Sie hatte kein eigenes Geld, keine reiche Familie, nur eine überzeugende Persönlichkeit, einen exotischen europäischen Akzent, gute Beziehungen und eine unerschöpfliche Kenntnis der Kunst- und Kulturwelt. Niemand stellte Fragen. Milliarden werden für Kunstwerke ausgegeben, das Geld stammt nicht selten aus Russland oder China, Fragen zur genauen Herkunft schaden dem Geschäft.

Jetzt steht Anna Sorokin in New York vor Gericht. 275'000 Dollar soll sie erbeutet haben. Noch diese Woche wird das Urteil erwartet, es drohen ihr bis zu 15 Jahre Haft. Der Angeklagten scheint das Urteil allerdings weniger wichtig als die Publicity. Sie hat einen Stylisten engagiert, verzögerte den Beginn der Verhandlung, weil sie mit ihrem Outfit nicht zufrieden war – auch wenn die Richterin reichlich irritiert reagierte. Anna Sorkin, so scheint es, will vor allem berühmt sein. Das ist sie. Netflix plant eine Serie über ihr Leben.

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