Ekeko: Der Museumsdirektor in La Paz weiss von nichts

Offiziell hat das Bernische Historische Museum die Ekeko-Figur dem bolivianischen Nationalmuseum für Archäologie übergeben. Doch das erfährt dessen Direktor erst von DerBund.ch/Newsnet.

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Gestern teilte das Bernische Historische Museum mit, es habe «dem bolivianischen Nationalmuseum für Archäologie in La Paz eine Steinfigur übergeben, die als eines der besterhaltenen und schönsten Zeugnisse der Pukara-Kultur gilt»; die Figur des Ekeko, für die Andenbewohner Boliviens der Geist einer Gottheit des Reichtums und Wohlstands. Die Steinfigur sei somit «ab sofort in Bolivien einer breiten Öffentlichkeit zugänglich».

Davon freilich weiss Julio Balliván bisher noch nichts. Und er müsste es eigentlich wissen. Er ist der Direktor des Museums, dem der Ekeko übergeben worden sein sollte. «Wir wissen zwar, dass die Figur zurückkommen soll, aber wir wissen nicht, wann genau», sagt er nun, als er den «Bund» im Chefbüro des Museums in La Paz empfängt. Dann konsultiert er seine diversen Mail-Accounts und fragt sicherheitshalber auch noch bei einer Mitarbeiterin nach, ob allenfalls ein Päckchen mit einer Steinfigur angekommen sei. Nein, nichts.

Was denn das Berner Museum genau mitgeteilt hat, möchte er wissen, und nachdem er sich die Medienmitteilung auf Spanisch hat übersetzen lassen, meint er: «Dann werden wir sicher bald etwas hören.» Der Transport solcher Güter sei zuweilen eine komplizierte Angelegenheit. Auch von den Plänen, die die bolivianische Botschafterin Elizabeth Salguero Carrillo gestern gegenüber dem «Bund» geäussert hat - dass der Ekeko nach seiner Ankunft in Bolivien allenfalls zuerst im Präsidentschaftspalast ausgestellt werden soll - hört er zum ersten Mal. «Das ist möglich», sagt er, «aber wenn, dann nur für eine kurze Zeit». Mittelfristig sei das Nationalmuseum für Archäologie der einzige adäquate Platz für eine Figur aus der präkolumbianischen Zeit.

Genderfrage nebensächlich

Von der rund um die Übergabe entbrannten Diskussion, ob die Figur tatsächlich den männlichen Ekeko darstellt oder ob es sich nicht eher um eine weibliche Gottheit handelt, hält Julio Balliván nicht sehr viel. «Klar, das Bildnis, das wir heute in Bolivien vom Ekeko haben, ist ein männliches. Aber jede Kultur, jede Religion verändert sich», sagt er. Dass die Bolivianer den Ekeko heute als männliche Gestalt ansähen, schliesse keineswegs aus, dass die Gottheit vor 2000 Jahren weiblich oder geschlechtslos gewesen sei. «Entscheidend ist, dass die Figur einen sehr grossen sentimentalen Wert für unsere Regierung und für unsere indigene Bevölkerung hat. Darüber darf die Wissenschaft nicht hinwegsehen.»

Deshalb sei es «eine grosse Freude», zu erfahren, dass die kleine Statue tatsächlich wieder zurückkomme, sagt er, bevor er noch rasch zu einer Führung durchs Museum lädt. Im Eingangsbereich, dort, wo jetzt ein Sofa steht, bleibt er stehen. Hier, sagt er, könnte er sich vorstellen, eine Vitrine für den Ekeko hinzustellen. «Aber das machen wir dann, wenn er tatsächlich da ist.» Und klar hoffe er, dass sich die Figur als Besuchermagnet herausstelle, sagt der Direktor noch: «Wenn sie uns hilft, dass mehr Menschen hierhin kommen, sich mit ihrer kulturellen Identität beschäftigen und stolz darauf sind, ist das toll.»

Die Freude der Empfangsdame

Auch Olinfa Escobar, die Empfangsdame des Museums, freut sich sehr, als sie von der nahenden Ankunft des Ekeko erfährt. «Ist das wahr?», fragt sie und strahlt. «Das ist eine grossartige Neuigkeit. Der Ekeko ist Teil unseres Wesens, unsere Identität. Er verbindet uns mit unseren Vorfahren.»

Falls die Figur tatsächlich hierhin kommt, werden sich vor dem Museum, das für Bolivianer 70 Rappen Eintritt kostet und für Ausländer zwei Franken, lange Schlangen bilden, glaubt sie. «Viele werden sich ebenso glücklich fühlen wie ich jetzt gerade, wenn sie erfahren, dass der Ekeko wieder da ist. Alle werden ihn willkommen heissen wollen.»

Der Bund

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