Ein Land auf Drogen

Millionen Menschen in den USA sind süchtig nach Opioiden. Donald Trump hat den nationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Wie konnte das alles passieren?

Betroffene beten auf Staten Island, New York, während einer Mahnwache für Opfer der Drogenabhängigkeit. Foto: Getty Images

Betroffene beten auf Staten Island, New York, während einer Mahnwache für Opfer der Drogenabhängigkeit. Foto: Getty Images

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Freiwillige stehen jetzt in manchen Kliniken der USA an den Babykörbchen. Sie streicheln die geplagten kleinen Körper, sie versuchen, die Winzlinge zu beruhigen, die, eben erst abgenabelt, im Entzug wimmern. Die Säuglinge sind die jüngsten Opfer der amerikanischen Suchtkrise, die schon viele unglaubliche Auswüchse hatte: Mütter, die auch in der Schwangerschaft nicht von ­Tabletten lassen können. Rentner, die in der Vorstadt an einer Überdosis Schmerzmittel sterben. Familienväter, die ihren Angehörigen gestehen müssen, dass Medikamente sie in die Heroinsucht getrieben haben. Amerika ertrinkt in Opioiden. Das sind jene Abkömmlinge des Morphiums, zu denen Heroin, aber auch Schmerzmittel wie Tramadol, Fentanyl oder Methadon gehören. In den meisten Ländern werden diese Medikamente streng kontrolliert eingesetzt. Sie helfen beispielsweise frisch Operierten gegen den Wundschmerz der ersten Tage oder ermöglichen Schwerstkranken letzte Lebenswochen ohne verzehrende Pein.

In den USA wurden allein 2015 so viele Opioide verschrieben, dass rechnerisch jeder Einwohner drei Wochen lang rund um die Uhr hätte versorgt werden können. Aus dieser Schwemme resultieren Missbrauch, Abhängigkeit und Überdosen in so hoher Zahl, dass sie sich mittlerweile in der durchschnittlichen Lebenserwartung der Amerikaner niederschlagen. Binnen dreier Wochen sterben in den USA so viele Menschen an einer Drogen-Überdosis wie beim Anschlag am 11. September 2001. Zwei Drittel dieser Tode gehen auf Opioide zurück.

Mit diesem drastischen Vergleich drängte ein von der US-Regierung ein­gesetztes Gremium Donald Trump, den nationalen Gesundheitsnotstand auszurufen. Vergangenen Freitag folgte der US-Präsident der Empfehlung des Gremiums. Und während Amerika versucht, dem Albtraum irgendwie Herr zu werden, ringt es um Verständnis: Wie nur konnte es zu dieser weltweit einzigartigen Entgleisung kommen?

Entscheidender Leserbrief

Wer weit ausholt, beginnt seine Erklärung des Phänomens am Ende des 19. Jahrhunderts. Damals griffen Mütter bei Beschwerden in ihren Familien zu Opiumtinkturen, die ihnen als Allheilmittel galten. Ärzte begeisterten sich für die neueste Erfindung ihrer Branche. Sie hatten nun Spritzen zur Hand, mit denen sie Leidenden rasch Morphium geben konnten. Ein Patient, der binnen Minuten vom Schmerz befreit wird, ist ein dankbarer, ein glücklicher Patient. Es gab viel von diesem Glück in den Arztpraxen. Bald aber zeigte es seine Kehrseite. Die Menschen brauchten die Medikamente ständig und in immer höheren Dosen. Die Opioid-Krise Nummer eins war da und die Reaktion – im Vorfeld der Alkoholprohibition – rigoros. Strenge Gesetze schränkten den Einsatz der Schmerzlöser für sehr lange Zeit drastisch ein.

Dann kam jener Tag im Jahr 1980, als der Arzt Hershel Jick wieder einmal in den Akten des Boston Medical Center stöberte. Er hatte die Idee, nachzusehen, wie es den Patienten ergangen ist, die während ihres Klinikaufenthaltes ein Opioid erhalten hatten. Bei lediglich vier von 12 000 Patienten entdeckte Jick einen Vermerk über eine spätere Abhängigkeit. Diesen Fund schrieb er in einem Brief an das «New England Journal of Medicine», das ihn ganz hinten im Heft zwischen zwölf anderen längst vergessenen Briefen abdruckte. Was genau in Jicks Akten stand, wie vollständig sie waren, wie gross die Chance war, eine Sucht in diesen Dokumenten überhaupt zu erkennen, blieb unklar. Jicks Brief umfasste ganze fünf Sätze.

Es ist ein Rätsel, wie sich diese dürre Zusammenstellung von zwei Zahlen aus der Leserbriefsektion derart verbreiten konnte. Fakt ist, dass sie in den kommenden Jahren in mehr als 600 Fachaufsätzen zitiert wurde. In 70 Prozent dieser Arbeiten wurde Jicks Befund als Beweis für die Unbedenklichkeit der Opioide aufgeführt. In den allermeisten schafften es Wissenschaftler, selbst diesen kurzen Artikel noch zu verkürzen. Es fehlte plötzlich der Hinweis, dass die Daten von Klinikpatienten stammten, welche die Opioide wahrscheinlich nur für wenige Tage eingenommen und ihre Suchtgefahr damit minimiert hatten. «Wir glauben, dass diese Zitate zu der nordamerikanischen Opioid-Krise beigetragen haben», schlussfolgern kanadische Forscher, die die Geschichte dieses Briefes untersucht haben.

Opioid als Mittel gegen moderate Schmerzen

Es folgten einige weitere Studien mit ähnlich geringer Aussagekraft. Sie liessen die Stimmung umschlagen – und waren ein Fest für die New Yorker Firma Purdue Pharma. Das Unternehmen entwickelte gerade ein Opioid auf der Basis des Wirkstoffs Oxycodon, das 1996 unter dem Namen Oxycontin auf den Markt kam. Wie fast alle seiner Verwandten wurde auch Oxycontin als Droge der Klasse II eingestuft und hat damit per Definition ein hohes Potenzial für Missbrauch und Abhängigkeit. Dennoch positionierte Purdue seine bunten Tabletten von Anfang an als Mittel auch für moderate Beschwerden. «Ideal für eine grosse Bandbreite von Schmerzen», wurden sie in einer Pressemitteilung zur Markteinführung vorgestellt. Darin hiess es auch: «Die Angst vor Abhängigkeit ist übertrieben.»

Parallel dazu startete die Firma einen Marketingfeldzug, der die Aktivitäten anderer Opioid-Hersteller um Längen übertraf. In den Postfächern der etwa tausend Vertreter der Firma klingelten Mails mit Überschriften wie dieser: «$$$$$$$$$$$$$ It’s Bonus Time in the Neighborhood!» Das war kaum übertrieben, denn die Pharmareferenten konnten Boni in Höhe von 240'000 Dollar jährlich erhalten. Dazu verteilten sie ihre Werbe-Nippes ebenso selbstverständlich in den Arztpraxen wie Oxycon­tin-Starter-Coupons. Insgesamt 34'000 solcher Gutschriften wurden auf den Markt geworfen. Wer sie erhielt, konnte mindestens eine Woche lang kostenlos das starke Medikament einnehmen.

Skepsis wurde als mangelnde Empathie mit unnötig leidenden Patienten gedeutet. Die Branche berauschte sich daran, den Schmerz besiegen zu können.

Zugleich finanzierte das Unternehmen mehr als 20 000 Ärztefortbildungen, sponserte etliche Fachgesellschaften, Patientenvereinigungen und Tagungen, schaltete Werbung auf allen möglichen Kanälen. Der Plan ging auf: Oxycontin wurde für eine grössere Anzahl von Beschwerden eingesetzt als vergleichbare Mittel. Fünf Jahre nach Markteinführung war es das am häufigsten verkaufte Opioid und rangierte auf Platz 15 in der Verkaufsstatistik sämtlicher Marken­medikamente.

Das alles kann man im einem Untersuchungsbericht des US-Kongresses nachlesen. Darin heisst es: Der signifikante Anstieg in der Verfügbarkeit von Oxycontin könnte zu dessen Missbrauch beigetragen haben. Mehrfach wurde das Unternehmen wegen seiner aggressiven und irreführenden Verkaufstaktik verklagt. 2007 musste es mit mehr als 600 Millionen Dollar eine der höchsten Strafen zahlen, die in der Branche je verhängt wurden.

In den Jahren davor jedoch reagierten viele US-Mediziner ähnlich aufgeschlossen auf Oxycontin und andere Opioide wie die Ärzte, die einst ihre neuen Spritzen ausprobierten. War die erste Opioid-Krise vergessen? Ach was, Schmerzmediziner erzählten nun die Geschichte vom endlich korrigierten Irrtum aus der Prohibitions-Ära. Die bisherige Vorsicht wurde jetzt als «Opiophobie» belächelt, der zurückhaltende Einsatz bedeutete plötzlich eine Unterversorgung. Skepsis wurde als mangelnde Empathie mit unnötig leidenden Patienten gedeutet. Die Branche berauschte sich daran, den Schmerz besiegen zu können.

Drogen per Hotline

Der uralte Feind rückte damit erst recht in die Öffentlichkeit. Schmerz wurde als fünftes Vitalzeichen definiert. Die objektiv nicht messbare Empfindung mussten Ärzte nun mit gleicher Dringlichkeit prüfen wie Herzschlag, Atmung, Blutdruck und ­Körpertemperatur. Schmerz war auch in den Fragebögen, in denen Patienten Kliniken bewerteten, ein zentraler Punkt. Das alles forcierte den Einsatz der Opioide.

Spätestens Anfang des 21. Jahrhunderts lief die Situation aus dem Ruder. Wie schon bei der ersten Krise kam ein Teil der Patienten von den Medikamenten nicht mehr los. Konnten sie sich die Arztbesuche nicht mehr leisten oder zögerten Mediziner irgendwann doch mit weiteren Verordnungen, besorgten sich viele Patienten die Pillen auf dem Schwarzmarkt – oder wechselten gleich zu Heroin. Drogengangs etablierten einen Lieferservice für genau diese Klienten.

Der Journalist Sam Quinones beschreibt in seinem Buch «Dreamland», wie diese Dienstleistung funktioniert: Der Kunde ruft bei der Hotline an, dann kommt ein Kurier zu einem pro­peren Vorstadtparkplatz und spuckt ein Drogenpäckchen aus. Spucken ist hier wörtlich zu verstehen, denn die Händler verbergen den in Luftballons verpackten Stoff in ihrem Mund.

Experten warnen im Ärzteblatt «The Lancet» vor einer Globalisierung der Opioid-Epidemie.

Geschätzt eine Million US-Amerikaner konsumieren heute Heroin. Bei 80 Prozent von ihnen begann die Sucht mit legal oder illegal erworbenen Schmerzmitteln. Mittlerweile sind viele Ärzte vorsichtiger mit den Verordnungen geworden, doch ein Ende der Epidemie ist noch nicht in Sicht.

Und es bleibt die Frage, ob all das nur ein fürchterlicher Irrlauf der ­Amerikaner war oder ob diese Entwicklung auch anderen Ländern droht. Keith Humphreys, Psychiater an der Stanford University sagt: «Die USA waren ein idealer Nährboden für explodierende Opioid-Verschreibungen.» Die Pharmabranche ist dort laxer reguliert als in vielen anderen Ländern. In der US-Medizin herrscht eine Konsumkultur, in der Ärzte versuchen, selbst unrealistische Erwartungen zu erfüllen – das Versprechen völliger Schmerzfreiheit. Das Gesundheitssystem begünstigt Medikamentenverordnungen mehr als andere Therapien.

Dennoch warnt der Experte in einem Kommentar im Ärzteblatt «The Lancet» vor einer Globalisierung der Opioid-Epidemie. Denn Purdue Pharma mag in den USA in Misskredit geraten sein, seine Besitzer aber haben längst ein Geflecht neuer Firmen gegründet, die weltweit Opioide vertreiben. «Sie haben einfach weitergemacht», mahnten Mitglieder des US-Kongresses vor kurzem die Weltgesundheitsorganisation WHO. Purdues Eigentümer sind jetzt vor allem in Staaten wie Brasilien, China oder Mexiko aktiv. Dabei nutzen sie – so die Abgeordneten – «die gleichen Taktiken, die die Opioid-Epidemie in den USA nährten – nur diesmal in Ländern, die noch we­niger Ressourcen haben, die Folgen zu bewältigen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2017, 17:31 Uhr

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ein Opioid. Am häufigsten wurde Fentanyl verschrieben (Popstar Prince starb an einer Überdosis Fentanyl), gefolgt von Buprenorphin und Oxycodon. In den Kantonen Basel-Stadt, Freiburg und Glarus wurden prozentual die meisten Opioid-Rezepte ausgestellt. (nw)

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Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! ­Nina Kobelt, Maria Künzli, Martin Burkhalter und Fabian Sommer führen an dieser Stelle unter dem Titel «Bern & so» die Kolumne «Greater Berne» weiter. Sie teilen abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen. Alle Folgen finden Sie auf bernundso.bernerzeitung.ch.

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