«Du siehst aus wie eine billige Schlampe – du bist gefeuert!»

Cheerleaderin Bailey Davis postete ein Foto von sich in Dessous – und brachte damit die #MeToo-Bewegung in der NFL ins Rollen. Wir haben sie besucht.

Müssen immer «sexy, sweet, classy and quiet» sein: Bailey Davis während ihrer Zeit als Cheerleaderin der New Orleans Saints. Foto: Instagram / jacalynbailey

Müssen immer «sexy, sweet, classy and quiet» sein: Bailey Davis während ihrer Zeit als Cheerleaderin der New Orleans Saints. Foto: Instagram / jacalynbailey

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Im Januar 2018 postete eine zweiundzwanzigjährige Frau aus Ellisville, Mississippi, auf ihrem Instagram-Account ein Bild, das sie in Spitzendessous zeigt. Ein bisschen sexy, ein bisschen aufreizend, aber eigentlich harmlos. Nicht einmal ihr strenggläubiger Vater echauffierte sich, zumal seine Tochter bei der Arbeit viel aufreizender angezogen war. Bailey Davis war Cheftänzerin der Saintsations, so heissen die Cheerleaderinnen des Footballteams New Orleans Saints. Ihr Job: 73'208 Zuschauer anheizen, mehrheitlich Männer, teilweise betrunken. Und während sie begafft und auch mal bedrängt und begrapscht wurde, musste sie lächeln.

Ein paar Tage nachdem sie das Foto hochgeladen hatte, wurde Bailey Davis vom Personalchef der Saints, Pat McKinney, in sein Büro bestellt, zum zweiten Mal in diesem Monat. «Perception is reality», habe er geschrien, erinnert sie sich, und mit dem Finger auf sie gezeigt – du bist, wie du dich gibst. Auf dem Foto, so der Personalchef weiter, sehe sie aus wie eine billige Schlampe, also sei sie auch eine. «Du bist gefeuert!»

Bailey Davis verliess das Büro, ging in die Umkleidekabine, räumte ihren Spind aus. Im Auto auf dem Weg zu ihren Eltern kamen ihr die Tränen. Sie hatte im Leben einen Traum gehabt: Cheerleaderin zu sein. Alles hatte sie diesem Traum untergeordnet. Und nun hatte sie ihn selber zerstört.

Ihre Entlassung weitete sich zu einem Skandal aus, der das Konzept des Cheerleadings als Ganzes infrage stellte.

Was macht man, wenn man fristlos entlassen wird? Bailey Davis rief Sara Blackwell an, eine auf Arbeitsrecht spezialisierte Anwältin, die sie kurz vorher zufällig kennen gelernt hatte, als sie Verwandte in Florida besuchte. Sara Blackwell sagte ihr, was sie in solchen Fällen allen sagt: «Schick mir alle Dokumente, alle Mails, alle Whatsapp-Nachrichten.»

Blackwell weiss, dass in den USA die meisten Arbeitsverträge ohne Angabe von Gründen gekündigt werden können, aber es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel wenn eine Diskriminierung vorliegt. Sie studierte Bailey Davis’ Unterlagen und dachte nach. Dann rief sie zurück: «Willst du dich zur Wehr setzen?»

In diesem Moment wurde aus Bailey Davis, der Cheerleaderin, die immer «sexy, sweet, classy and quiet» sein musste, Bailey Davis, die Gerechtigkeitskämpferin, die sich nicht nur mit den New Orleans Saints anlegt, sondern auch mit der NFL, der National Football League – und mit vierhundert Millionen American-Football-Fans weltweit. Ihre Entlassung weitete sich zu einem Skandal aus, an dessen Ende das Konzept des Cheerleadings als Ganzes infrage stand.

Vor kurzem ist sie wieder hier eingezogen: Bailey Davis vor dem Haus ihrer Eltern in Ellisville. Foto: William Widmer

An einem schwülwarmen Herbstabend ein halbes Jahr nach dem Vorfall betritt Bailey Davis ein teures, fast zum Gefrierpunkt runterklimatisiertes Restaurant in Miami Beach und schaut sich schüchtern um. Sie trägt ein glitzerndes Cocktailkleid und hochhackige Schuhe. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man denken, sie sei hier, um mal wieder eine Nacht durchzufeiern. In Wahrheit hat sie einen Spiessrutenlauf hinter sich, der sie fast zur Verzweiflung brachte.

An diesem Abend ist sie mit uns zum Interview verabredet, um davon zu erzählen. Seit Monaten schläft sie kaum und stellt sich die immer gleiche Frage: War es richtig, was ich getan habe?

Sie nimmt auf der Veranda Platz, bestellt ein Wasser ohne Kohlensäure und einen Teller Pasta. Neben ihr sitzt Sara Blackwell, die in der kurzen Zeit, in der sie sich kennen, zu ihrer engsten Verbündeten geworden ist. Beide werden ihr Essen während des ganzen Abends kaum anrühren, zu sehr nimmt sie noch immer in Beschlag, was Bailey Davis widerfahren ist.

Football war für die Familie heilig

Bailey Davis wuchs in Ellisville auf, einer kleinen Stadt zwei Autostunden nördlich von New Orleans, Louisiana, im tiefen Süden der USA, Stammgebiet der Republikaner, auch die Familie Davis wählt konservativ. Lora, die Mutter, ist eine ehemalige Cheerleaderin und die Besitzerin des einzigen Tanzstudios am Ort. Bailey konnte kaum laufen, da tanzte sie bereits, wie sie erzählt, die Leute nannten sie Studiomaus. Ballett, Stepptanz, früh beherrschte sie alles.

Als ihre Eltern sie im Alter von zehn Jahren zum ersten Mal zum American Football mitnahmen, war es um sie geschehen. Nicht vom Sport war sie hingerissen, sondern von den Cheerleaderinnen, denen ihre Mutter als Field Coach vorstand, als Choreografie-Chefin. Von da an besuchte Bailey jedes Heimspiel der New Orleans Saints. Sie filmte die Choreografien, konnte bald alle auswendig. Auch ihre Freundinnen tanzten, aber keine brachte auch nur annähernd den gleichen Ernst auf wie sie.

Die Footballwochenenden waren das Highlight im Alltag der Familie Davis. Die meisten Spiele finden sonntagnachmittags statt, Mutter Lora verliess das Haus um halb fünf Uhr morgens, um rechtzeitig zum Aufwärmen der Saintsations im Stadion zu sein. Vater Steve, Bruder Justin und Bailey setzten sich zwei Stunden später ins Auto.

Nie hätte Bailey sich vorstellen können, dass sie einmal das Hassobjekt der NFL sein würde.

Alle trugen Saints-Trikots, ihre Gesichter waren in den Teamfarben geschminkt, schwarz und gold. Im Café du Monde im French Quarter von New Orleans kauften sie Beignets und spazierten zum Champions Square, dem Sammelplatz der Saints-Fans. Eine Band spielte, es gab snow cones, Alkohol für die Grossen, Cola für die Kleinen. Die Davis’ waren eine ganz normale amerikanische Football-Familie. Nie hätte Bailey sich vorstellen können, dass sie einmal das Hassobjekt der NFL sein würden.

Weil sie die Tochter des Field Coachs war und so gern tanzte, wurde von ihr erwartet, dass sie bei den Junior Saintsations mitmacht, dem Nachwuchsprojekt der Cheerleading-Abteilung. Aber sie wollte keine Junior Saintsation sein, sie wollte eine richtige Saintsation sein. Als sie achtzehn war, durfte sie sich theoretisch bei den Saintsations bewerben, aber ihre Mutter, die wusste, was es bedeutet, Cheerleader zu sein, wollte, dass Bailey wenigstens ein normales Jahr am College erfährt.

Als Bailey neunzehn war, schrieb sie sich fürs Vortanzen ein, die sogenannten try-outs. Niemals in ihrem Leben war sie auf etwas so gut vorbereitet, sagt sie. Sie war fit wie eine Spitzensportlerin, in der Highschool war sie auch noch Mitglied des Fussballund des Leichtathletikteams gewesen.

Am zweiten Tag wurde sie vermessen, Fettanteil, Proportionen, Bodymassindex, Gewicht. «Merk dir diese Zahlen», sagte ihr jemand. «Denn falls du aufgenommen wirst, sind das die Werte, an die du dich zu halten hast.» Ihr Körper war fast noch der eines Teenagers, aber verändern durfte er sich jetzt nicht mehr. Am dritten Tag folgte der Auftritt vor der Jury: ein Zahnarzt, ein Friseur, ein Hall-of-Fame-Spieler der Saints, ein Fitnesstrainer, die Miss Louisiana und noch einige mehr. Die Jury wollte Bailey Davis nicht tanzen sehen, sondern reden hören. Es war das erste Mal, so erinnert sie sich, dass sie kurz ins Stutzen geriet: Worum ging es hier eigentlich? Aber sie trat vors Mikrofon und gab brav Antwort. Und sie nahm auch diese Hürde.

Als die Saintsations im Sommer 2015 in der neuen Formation zusammenkamen, wurden ihnen von der Leiterin auf einem Folienprojektor die Regeln angezeigt, an die sie sich ab sofort zu halten hatten.

• Eine Saintsation nennt nie ihren Nachnamen.
• Eine Saintsation ist höflich und nett.
• Eine Saintsation hat lackierte Fingernägel
und gebräunte Haut.
• Eine Saintsation hat keinen Kontakt zu Footballspielern.
• Eine Saintsation verlässt das Restaurant, wenn ein Footballspieler auftaucht.
• Eine Saintsation wendet sich ab, wenn ein Footballspieler sie anspricht.
• Eine Saintsation blockiert einen Spieler, wenn er ihr auf Instagram folgt.

Bailey Davis dachte: Muss wohl so sein. Hatte man ihr nicht eine Kindheit lang erzählt, wie anspruchsvoll es ist, Cheerleaderin zu sein? Dass sie soeben darüber informiert worden war, fortan als Mensch zweiter Klasse behandelt zu werden, ging ihr keinen Augenblick durch den Kopf.

Im ersten Training kniff die Leiterin sie in die Hüfte, erzählt sie, und sagte: «Das muss weg.» Bailey Davis hatte kein Gramm zu viel, aber dachte: «Das muss weg.» Bei einem ihrer ersten Spiele wurde sie von einem Fan mit sexistischen Sprüchen beleidigt. Als sie der Leiterin weinend davon berichtete, wurde sie zusammengestaucht.

Ein Football-Spieler verdient pro Saison durchschnittlich 860'000 Dollar, eine Cheerleaderin 2000 Dollar.

Vor dem Spiel musste sie sich im Tanz dress und pomponschwenkend unter die meist männlichen Zuschauer mischen und Saintsations-Kalender verkaufen. Wer nicht mindestens zwanzig loswurde, durfte im letzten Viertel nicht mehr tanzen. Bailey Davis fühlte sich so unwohl in der Menge – viele hatten den ganzen Morgen getrunken –, dass sie sich bald von ihrem damaligen Freund begleiten liess. Er sollte ein Auge auf sie halten, aber mit Abstand, Saintsations durften offiziell keine Boyfriends haben. Manchmal bat sie ihren Vater, ihr übrige Kalender abzukaufen, zu Hause stapelten sie sich bald.

Die Teilnahme am Kalendershooting war freiwillig, aber wer sich drückte, galt als prüde. In drei Jahren erlebte es Bailey Davis kein einziges Mal, dass eine Kollegin nicht mitmachte. Die Fotoaufnahmen dauerten mehrere Tage, bezahlt wurden aber nur die paar Minuten vor der Kamera, der Stundenlohn lag zwischen sieben und zehn Dollar, knapp über dem staatlichen Mindestlohn. Das Durchschnittseinkommen eines NFL-Spielers beträgt 860'000 Dollar, eine Cheerleaderin verdient pro Saison rund 2000 Dollar, aber bezahlt den Friseur und das Make-up und überhaupt so ziemlich alles selbst.

Wie Escort-Girls behandelt

Auch in ihrem zweiten Jahr als Saintsation bestand Bailey Davis das Vorturnen souverän, die Leiterin bestimmte sie zu einer von vier Captains, obwohl normalerweise nur Cheerleaderinnen im vierten Jahr dafür infrage kommen. Sie war jetzt eine der wichtigsten Tänzerinnen des Teams.

Diesmal fand das Fotoshooting an einem langen Sandstrand in der Nähe von Destin, Florida, statt. Ein Saints- Fan erfuhr davon, liess sich mit dem Helikopter einfliegen und lud die Saintsations auf seine Jacht ein, die hier vor Anker lag. Der Fan, schätzt Bailey Davis, war etwas mehr als siebzig Jahre alt. Die Leiterin verlangte von den jungen Frauen, weisse Abendkleider anzuziehen und der Einladung Folge zu leisten. Der Fan hatte Freunde mitgebracht, auch sie waren alt und offensichtlich reich. Sie servierten den Frauen, von denen viele noch nicht einundzwanzig waren, Alkohol, legten ihre Arme um sie und erwarteten, dass sie zwischen ihnen Platz nehmen. Bailey Davis fühlte sich unwohl. Sie sagte nichts.

Dass sie und ihre Kolleginnen auf der Jacht wie Escort-Girls behandelt worden waren und ihre Leiterin sich wie eine Puffmutter aufgeführt hatte, wurde ihr erst klar, als sie zwei Jahre später, im Februar 2018, mit Sara Blackwell sprach.

Bailey Davis hatte keine Ahnung von ihren Rechten, Sara Blackwell keine von Football.

Seit dem ersten Telefonat hatten sie sich immer wieder ausgetauscht, oft stundenlang. Dass sich hier gerade eine Kraft formte, die so stark war, dass sie bald die NFL das Fürchten lehrte – dessen waren sich die Frauen noch nicht bewusst. Die eine, Bailey Davis, hatte keine Ahnung von ihren Rechten, und die andere, Sara Blackwell, hatte keine Ahnung von Football. Sie redeten so lange, bis beide auf beiden Gebieten Expertinnen waren.

Am 23. März 2018 dann schritt Bailey Davis zur Tat: Sie reichte bei der Equal Employment Opportunity Commission (EEOC) Beschwerde gegen die New Orleans Saints ein. Die Bundesbehörde ist zuständig für alle Formen von Diskriminierung in Arbeitsverhältnissen.

Bailey Davis hatte immer gedacht, die bizarren Regeln, denen Cheerleaderinnen unterstehen, würden auch für Footballer gelten. Sie dachte: Wenn es Cheerleaderinnen verboten ist, sich mit Footballern zu unterhalten, ist es Footballern auch verboten, sich mit Cheerleaderinnen zu unterhalten. Im Herbst 2017 hatte sie sich zum ersten Mal gefragt, ob sie sich vielleicht täuschte. Sie datete damals unerlaubterweise einen Footballer der Saints. Sie hielt die Beziehung geheim, traf sich mit ihm nur zu Hause. Nach zwei Monaten wurde es ihr dennoch zu gefährlich: Sie trennte sich von dem Spieler, um ihren Job nicht zu verlieren.

Gleichzeitig wunderte sie sich: Warum war sie es, die sich zurückzog? Das zweite Mal, dass sie stutzig wurde, war Anfang Januar 2018, als die Leiterin der Saintsations das Team über ein Gerücht informierte, wonach eine Cheerleaderin an einer Party gesehen worden sei, an der sich auch ein Footballer aufgehalten habe. Eine blonde Cheerleaderin aus Mississippi. Obwohl es keinerlei Beweise gab, wurde Bailey Davis vom Personalchef zur Befragung einbestellt. Sie sagte, sie sei mit ihrer Familie in Orlando gewesen (der Ausflug, bei dem sie Sara Blackwell kennen lernte). Worauf ein Mitarbeiter des Personalchefs in aller Seelenruhe sagte: «Wenn das so ist, fragen wir einfach den Spieler. Der hat keinen Grund zu lügen.» Bailey Davis konnte es kaum glauben.

Angesichts ihres normalen Arbeitsoutfits dachte sie sich nichts weiter dabei.

Ein paar Tage nach der ergebnislos verlaufenen Befragung postete sie auf Instagram das Bild von sich im Spitzendessous. Sie dachte sich aus zwei Gründen nichts weiter dabei: Erstens war es ihr zwar verboten, nackte, halb nackte oder Lingerie-Aufnahmen zu posten – aber angesichts ihres normalen Arbeitsoutfits glaubte sie, dass ihr Bild in keine dieser Kategorien fiel. Zweitens war ihr Account, wie von den Saints verlangt, so eingestellt, dass ihr ohne ihre Erlaubnis niemand folgen konnte. Ein Footballspieler konnte das Bild also gar nicht sehen, und um die ging es den Saints- Verantwortlichen doch immer. Trotzdem fügte sie sich, als ihr eine Teamkollegin riet, das Bild zu löschen. Es war bloss wenige Minuten online, aber das war für den Personalchef Grund genug, Bailey Davis zu feuern.

Als Sara Blackwell, die Anwältin, die Arbeitsverträge von Footballspielern mit denen von Cheerleaderinnen verglich, stellte sie fest: Footballspieler dürfen alles. Sie dürfen den Cheerleaderinnen Nachrichten schreiben, dürfen ihnen in den sozialen Medien folgen, dürfen sie daten. Sie dürfen tun, was sie wollen, es gibt absolut keine Regeln. Die Verantwortung darüber, dass Footballspieler und Cheerleaderinnen nicht die geringste Form von Verbindung miteinander eingehen, liegt bei den Frauen. Wenn ein Spieler in der Garderobe über eine Cheerleaderin spricht, wird nicht er ermahnt, sondern sie gefeuert.

Die Rebellion von Davis ist auch eine Rebellion gegen eine kommerzielle Aneignung des weiblichen Körpers.

Nach ihrer Entlassung fragte Bailey Davis: Was sollen diese Regeln? Sie bekam die Antwort: «Ihr seid hübsche Mädchen. Wir haben diese Regeln, um euch vor den Raubtieren zu beschützen.» In den Augen der Saints-Verantwortlichen sind ihre Footballer Sexmonster und Cheerleaderinnen wehrlose Wesen. Doch die Konsequenz daraus ist nicht, dass man versucht, die Footballer zu zähmen. Die Konsequenz daraus ist, dass man den Cheerleaderinnen die Rechte beschneidet; sie vor den Raubtieren tanzen lässt – und sie feuert, wenn die Footballspieler darauf reagieren. Diese Regeln folgen derselben Logik, nach der man Frauen, die einen Minirock tragen, sagt, dass sie selbst schuld seien, wenn sie vergewaltigt werden.

Die Rebellion von Bailey Davis war nicht nur eine Rebellion gegen die ambivalenten Erwartungen an eine Cheerleaderin, jene Kunstfigur, die zwischen Playmate und Jungfrau Maria pendelt, nicht nur eine Reaktion also auf ein patriarchal definiertes Frauenbild und eine sexistische Kultur. Es war auch eine Rebellion gegen eine kommerzielle Aneignung des weiblichen Körpers: Die amerikanischen Footballteams sind Konzerne mit Milliardenumsätzen, und die Cheerleaderinnen sind ein kleines, aber wichtiges Element, das wenig kosten und keinen Ärger bereiten soll.

Dass Bailey Davis und Sara Blackwell Beschwerde beim EEOC einreichten und die New Orleans Saints nicht einfach verklagten, liegt am sogenannten arbitration agreement, der Einwilligung zu einem Schiedsverfahren, die Bailey Davis bei ihrer Anstellung unterzeichnet hatte.

Ein Schiedsverfahren unterscheidet sich in mehreren Punkten massgeblich von einem Gerichtsprozess, Sara Blackwell erklärte Bailey Davis, was das in ihrem Fall heisst: Geld wird sie selbst bei einem Schiedsspruch zu ihren Gunsten kaum erhalten – ihr Verlust ist angesichts ihres Lohnes zu gering. Und ihren Job wird sie auch nicht zurückbekommen – die Saints würden sie beim nächsten Vortanzen einfach durchfallen lassen. Und eine Öffentlichkeit wird sie auch nicht kreieren, denn das Schiedsgericht tagt im Geheimen. Es sei denn, die beiden gingen jetzt an die Medien.

Bailey Davis musste nicht lange nachdenken. Sie wünscht sich «eine Generation von Cheerleaderinnen, die die Kraft und das Recht haben, Nein zu sagen». Sara Blackwell ahnte, dass es dafür mehr als eine Klage und ein paar Zeitungsartikel braucht. Es brauchte eine Kampagne, und Bailey Davis musste das Gesicht dieser Kampagne werden. Doch bevor sie an die Öffentlichkeit trat, sprach Bailey Davis mit ihrer Mutter, ihrem Vater und ihrem Bruder. Sie fürchtete die Reaktion ihrer konservativen, footballbesessenen Familie.

Die Familie hält zu ihr

Mutter Lora, die fast ihr komplettes Berufsleben bei den Saints verbracht hatte, würde Mühe haben, eine neue Anstellung zu finden. Aber als sie von der Entscheidung ihrer Tochter hörte, kündigte sie aus Solidarität.

Vater Steve ist Antiquitätenhändler und war das, was man einen Hardcore- Fan nennt: Er hatte im Haus ein Saints-Refugium eingerichtet, einen Raum, in dem die signierten Jerseys aller zweiunddreissig NFL-Teams an den Wänden hingen, dazu andere NFL-Devotionalien. Als er von der Entscheidung seiner Tochter hörte, sagte er: «Ich werde nie mehr in den Superdome gehen.»

Bruder Justin, fünf Jahre jünger als Bailey, ist der Konservativste der Familie. Als er von der Entscheidung seiner Schwester hörte, gab es Streit, doch er sagte: «Ich teile nicht deine Meinung, aber du bist meine Schwester. Ich unterstütze dich.»

Hat Davis aus dem Schlafzimmer verbannt: Die Erinnerungen an ihre Zeit als Cheerleaderin. Foto: William Widmer

Bailey, Lora, Steve und Justin hielten Familienrat, beteten zusammen und gaben Sara Blackwell schliesslich den Auftrag, einen Kontakt bei der «New York Times» auf den Fall anzusetzen. Am 25. März, zwei Tage nachdem sie Beschwerde bei der EEOC deponiert hatten, erschien der Artikel «How an Instagram Post Led to an N.F.L. Cheerleader’s Discrimination Case».

In den folgenden vierzehn Tagen sprach Bailey Davis mit Journalisten aus aller Welt. Zeitgleich meldeten sich bei Sara Blackwell auch Cheerleaderinnen anderer NFL-Teams mit teils unglaublichen Geschichten: Die Washington Redskins hatten ihre Cheerleaderinnen als Autowäscherinnen in einem Gewinnspiel verlost und sie nach Costa Rica geschickt, wo sie oben ohne posieren und anschliessend als Escorts Sponsoren begleiten mussten.

Bei den Buffalo Bills hatten Anweisungen existiert, wie die Cheerleaderinnen ihr Schamhaar zu trimmen hatten. Von den Miami Dolphins meldete sich Kristan Ware, eine zutiefst gläubige Tänzerin, die als Jungfrau in die Ehe hatte gehen wollen. Während eines Bikini- Shootings sagte man ihr, sie solle Früchte in den Händen halten und mit ihnen spielen «wie mit den Eiern eines Mannes».

Sara Blackwell formulierte drei Forderungen an die NFL:
1. Abschaffung der Regel, dass Cheerleaderinnen keinen Umgang mit Footballspielern haben dürfen.
2. Die Teams müssen verantwortlich dafür sein, dass die Persönlichkeitsrechte der Cheerleaderinnen gewahrt werden.
3. Es müssen für Footballspieler und Cheerleaderinnen die gleichen Social- Media-Regeln gelten.

Für einen kurzen Augenblick im Frühling 2018 glaubte man tatsächlich, jetzt werde sich etwas verändern. Aber dann wurde es seltsam still. Niemand setzte sich wirklich für Bailey Davis ein, schlimmer noch: Die Menschen, die sie zu ihren Freunden gezählt hatte, wendeten sich von ihr ab, allen voran ihre ehemaligen Teamkolleginnen von den Saintsations. Auch ihre Mutter verlor reihenweise Freundinnen. Ab da blieben Bailey Davis genau vier Leute, die mit ihr gegen die sexistische NFL aufbegehrten: ihre Mutter, ihr Vater, ihr Bruder und ihre Anwältin.

Unter den vielen Fragen, die sich Sara Blackwell und Bailey Davis im Laufe ihres bald zwölf Monate dauernden Kampfes stellten, war auch diese: Warum erhalten wir so wenig öffentliche Unterstützung? Die ehemaligen Teamkolleginnen behandelten Bailey Davis wie eine Aussätzige. Von den beinahe zweitausend NFL-Spielern äusserte sich keiner, obwohl alle davon gehört hatten. Von der Besitzerin der New Orleans Saints, Gayle Benson, einer der wenigen weiblichen Inhaber eines NFL-Teams: kein Wort.

Du bist selbst schuld, bekam Davis von Frauen gesagt.

Stattdessen bekam Bailey Davis von Frauen gesagt: Du bist selbst schuld. Was hast du dir denn gedacht, was geschieht, wenn du dir einen so sexistischen Job aussuchst?

Viele Frauen hinterfragen das Cheerleading insgesamt. Bailey Davis tut das nicht. Auch wenn es auf Europäer naiv wirkt: An vielen Highschools und Colleges ist es eine Sportdisziplin wie jede andere, Millionen Mädchen in den USA träumen von einer Karriere als Cheerleaderin.

Auch Bailey Davis liebt das Cheerleading. Aber sie hasst es, schlecht behandelt zu werden. Es ist ihr Traum und ihr Albtraum. Sie ist für das System und gegen das System. Für eine solche Position gibt es wenig Rückhalt. Auch nicht von feministischer Seite.

Keine Lobby

Die Erklärung dafür ist ebenso komplex wie irritierend: Bailey Davis stammt aus der weissen Mittelschicht. Ihre Familie ist konservativ und christlich. Sie war in einem Sport tätig, über den die meisten Linken die Nase rümpfen, weil er als Trump-Sport gilt, als Inbegriff all dessen, was falsch läuft in den USA. Und in diesem Sport bildet sie die unterste Kaste: Cheerleading.

Sie hat, mit anderen Worten, keine Lobby. Sie ist wie eine progressive Muslima, die Kopftuch tragen will und zu Hause von Islam-Fundamentalisten und im Ausland von den Alice Schwarzers gehasst wird.

Hinzu kommt: Sie hat keine Ahnung, ob es richtig ist, was sie macht. Sie hat keine Mitstreiterinnen, hat abgesehen von Sara Blackwell niemanden, mit dem sie sich austauscht. Sie hat auch keine Vorbilder. Was sie tut, hat niemand vor ihr getan. Wenn du etwas zum allerersten Mal machst, bekommst du Widerstand. Es ist ein Naturgesetz.

Im April 2018 verliess Bailey Davis ihre zur Hölle gewordene Sehnsuchtsstadt New Orleans und zog nach Florida, in die Nähe ihrer Anwältin, wo sie sich ein neues Leben aufbauen wollte. Aber dann erkrankte ihr Bruder, schon im Juni kehrte sie zurück.

Am Tag des ersten Saints-Spiels der neuen Saison ging die Familie nicht ins Stadion, sondern essen. Direkt über dem Tisch, an den man sie führte, hing ein riesiger Fernseher, auf dem das Spiel gezeigt wurde. Bailey bemerkte, wie ihr Bruder immer mal wieder einen verstohlenen Blick nach oben warf. Als sie ihm sagen wollte, dass es in Ordnung sei und er sich das Spiel selbstverständlich ansehen dürfe, winkte er den Kellner herbei und bat ihn flüsternd, den Sender zu wechseln.

Es war Baileys Geburtstag, und Snapchat zeigte ihr ständig Erinnerungen an die Feste früherer Jahre: Bailey, wie sie mit ihren Teamkolleginnen, von denen sie dachte, sie seien Freundinnen fürs Leben, feiert; Bailey, wie sie mit der Saintsations-Leiterin um die Wette trinkt; Bailey, wie sie glücklich ist. Sie war drinnen, jetzt ist sie draussen. Es sind ihre Worte.

«Ich habe dir doch gesagt, dass es lange dauern und Kraft kosten wird.»Sara Blackwell, Anwältin

Miami Beach, Herbst 2018, der Morgen nach unserem gemeinsamen Abendessen: Wir treffen Bailey Davis erneut, sie ist ausgeschlafen, zum ersten Mal seit Wochen, wie sie erzählt. Wir setzen uns in ein Café ein paar Strassen hinter der Küstenpromenade, Sara Blackwell ist auch dabei. Es gibt Croissants und Pain au chocolat aus dem Ofen, dazu Kaffee in grossen Tassen.

«Jetzt ist es schon mehr als ein halbes Jahr her, dass ich dich zum ersten Mal angerufen habe», sagt Bailey Davis. «Und es ist noch immer nicht vorbei.»
«Ich habe dir doch gesagt, dass es lange dauern und Kraft kosten wird», sagt Sara Blackwell.

Als sich der Quarterback Colin Kaepernick vorletzte Saison während des Singens der Nationalhymne hinkniete, aus Protest gegen Rassismus, und im Amerika Präsident Trumps einen Sturm der Entrüstung auslöste, schlug Bailey Davis den anderen Saintsations in der Kabine vor, es ihm gleichzutun. Die Reaktion ihrer Kolleginnen: Schweigen, betretene Blicke. Niemand machte mit. Es mag nur eine fixe Idee gewesen sein, aber hier zeigten sich ihr Gespür für Gerechtigkeit und ihr fehlendes Verständnis für Maulhalten und Wegschauen.

«Ja, vielleicht habe ich wirklich alles geopfert.»Bailey Davis, Ex-Cheerleaderin

Sie sagt: «Colin Kaepernick hat sich für eine Sache eingesetzt, das fand ich gut.» Sie hat allerdings auch gehofft, dass er sich für andere einsetzen würde. Vergeblich. Frauenrechte sind ihm offensichtlich eine Nummer zu irrelevant. Kürzlich wurde er das Werbegesicht der neuen Nike-Kampagne. Der Slogan: «Believe in something. Even if it means sacrificing everything.»

«Sacrifice everything?», sagt Bailey Davis plötzlich. «Hallo? Was hat er geopfert? Er hat einen Millionenvertrag mit Nike – er hat nichts geopfert.»
«Du hast alles geopfert», sagt Sara Blackwell.
«Ja.» Bailey Davis macht eine Pause. «Vielleicht habe ich wirklich alles geopfert.»

Es ist die Frage, die sie sich in schlaflosen Nächten stellt: Warum hast du das getan? Ihre Antwort an sich selbst: Du machst das, damit die Mädchen, die in Zukunft Cheerleaderin werden wollen, nicht mehr durch die Hölle müssen.

Zeit für Frauenrechte

Als im Oktober 2017 der Hashtag #MeToo entstand und sich die Debatte von den USA in die ganze Welt verbreitete, befand sie sich mitten in ihrer dritten Saison als Saintsation. Die #MeToo-Bewegung nahm sie bloss am Rande wahr, sie dachte: «Betrifft mich nicht.» Kurz darauf bekam sie im Rhetorikkurs am College die Aufgabe, einen Vortrag über eine berühmte Rede zu halten. Wahllos klickte sie sich durch Youtube-Aufnahmen. Bis sie auf den Auftritt der Schauspielerin Emma Watson im September 2014 vor der UNO stiess, als Watson sagte: «Feminismus wird allzu oft gleichgesetzt mit Männerhass. Das muss aufhören.»

Da war Bailey Davis hellwach. Dass Feminismus als Männerhass gilt – das kannte sie. Alle in ihrem Umfeld dachten so. Vielleicht hatte sie sogar selber so gedacht.

«Ich hätte nie gedacht, dass ich das je sagen würde – aber ich glaube, ich bin Feministin.»Bailey Davis, Ex-Cheerleaderin

Ihr halbes Leben lang hat sie sich gewünscht, irgendwann als Cheerleaderin am Super Bowl auftreten zu dürfen, dem Final der NFL, wie einst ihre Mutter. Der Super Bowl ist das meistgesehene Fernsehereignis des Jahres in den USA, 2019 findet er am 3. Februar in Atlanta, Georgia, statt.

Sara Blackwell und Bailey Davis wollten vor den Toren des Stadions 10'000 rosarote Fahnen verteilen. Die Leute sollten sie während der Nationalhymne hochhalten – als Zeichen dafür, dass es auch im Football Zeit für Frauenrechte sei. Die NFL hat es ihnen verboten.

Bailey Davis nimmt noch ein Croissant und flüstert im Rauschen der Klimaanlage: «Ich hätte nie gedacht, dass ich das je sagen würde – aber ich glaube, ich bin Feministin.»

(Das Magazin)

Erstellt: 28.01.2019, 22:16 Uhr

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