Die beste Realityshow aller Zeiten

Donald Trump feiert Jubiläum: Ein halbes Jahr Qualitätsunterhaltung aus einer nie versiegenden Wundertüte.

Make America great again: Selbst auf der Zange ist Donald Trumps Motto zu lesen.

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Herzlichen Glückwunsch, Amerika! Die ersten sechs Monate der staunenswerten Präsidentschaft Donald Trumps sind vorbei, Washington samt dem Kapitol steht noch, desgleichen der Rest der Nation. Das Chaos, politisch und anderweitig, ist freilich beträchtlich, unter anderem auch deshalb, weil Trump es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Insgesamt 836 irreführende Aussagen und Lügen hat er seit dem Amtsantritt im Januar laut einer peniblen Zählung der «Washington Post» aufgetischt – täglich 4,6 Portionen Bullshit, ohne dass Trumps Nase wie die Pinocchios deshalb gewachsen wäre.

Als Präsident ist Trump bisher nicht sonderlich effektiv. Vieles, was er anpackt, zerrinnt ihm oder bleibt fruchtlos. Die amerikanische Aussenpolitik wird weitgehend vom Militär und vom Pentagon bestimmt, die Innenpolitik von den Kongressrepublikanern. Trump hat von vielen Dingen und besonders von den Feinheiten vieler Dinge keinen blassen Dunst. Er ist ein Generalist mit einem hochentwickelten Gespür für Publizität.

Vor allem aber ist er ein blendender Entertainer, der sich durch seine Interviews und Launen gelegentlich ans Messer liefert. Im Nachhinein ist klar, wie sehr eine Präsidentin Hillary Clinton gelangweilt hätte. Ihre akribischen Kenntnisse hätten gewiss genervt, zumal sie eine sattsam bekannte Grösse war.

Die Twitter-Maschine des Präsidenten

Mit Trump erreicht die politische Spassgesellschaft hingegen einen nie zuvor erlebten Höhepunkt. Stets sollte vor dem Schlafengehen noch schnell ein Blick auf die Schlagzeilen geworfen werden. Hat sich ein Hammer ereignet, der von TV-Sendern wie CNN und MSNBC als «Breaking News», als sensationelle Eilmeldung, verkauft wird? Wenn ja, ist Trump der Urheber. Wahrscheinlich hat er einen neuen Skandal verursacht. Oder zumindest einen Aufreger ins Publikum geschleudert.

Morgens ist es ebenso: Mal schauen, was die Twitter-Maschine des Präsidenten in den frühen Morgenstunden abgesondert hat. In den «Wee Small Hours», die Frank Sinatra 1955 voller Liebeskummer besang, liefert Trump monumentale Tweets und wird zum Superstar des Kurznachrichtendienstes. Ihr Echo beschäftigt Legionen von TV-Kommentatoren, die dank Trump Beschäftigung gefunden haben und Geld wie Heu verdienen.

Am besten soll Obamacare plattgemacht werden, einfach so.

Das Objekt ihrer Sezierkunst enttäuscht niemals: Es widerspricht sich, dementiert um zehn, was es um neun Uhr sagte, und präsentiert bisweilen im Stundentakt krachende Böller. Wie etwa bei Trumpcare, dem Versuch Trumps und der Kongressrepublikaner, Obamacare loszuwerden. Trump verspricht den Amerikanern etwas Supertolles, ohne indes bei den Einzelheiten zu verweilen. Denn das Krankenversicherungswesen ist ihm ein Buch mit sieben Siegeln. Eigentlich möchte er damit nicht belästigt werden. Die republikanischen Bonzen im Kongress sollen es bitteschön richten.

Zu ihrem Verdruss aber gibt Trump in kurzen Abständen neue Parolen aus. Sie widersprechen sich. Mal soll Obamacare einfach abgeschafft werden ohne Ersatz. Dann lieber mit Ersatz. Am besten soll Obamacare plattgemacht werden, einfach so. Den Kongressrepublikanern schwirren die Köpfe. Trump sei wertlos, raunen sie hinter vorgehaltener Hand.

Er schimpft oft und regt sich auf und tobt

Es laut zu sagen, wagen die republikanischen Politicos – vorerst – noch nicht: Trumps Wähler würden ihnen die Majestätsbeleidigung schwer verübeln. Womöglich würden seine treuen Knappen bei parteiinternen Vorwahlen einen Konkurrenten aufstellen, der den Präsidenten inständig liebt und behauptet, nur Trump könne den anderweitig unausweichlichen Untergang Amerikas verhindern.

Der Präsident unterhält unterdessen blendend, auch ist ihm eine wirkliche Krise der Wirtschaft oder der Politik bislang erspart geblieben, sieht man einmal davon ab, dass Trump selbst Ausdruck einer Krise der Politik ist. Glücklich aber ist Donald Trump nicht. Er schimpft oft und regt sich auf und tobt. Privat und im kleinen Kreis gleitet er oft in die Fäkalsprache ab. Dann sagt er «Fuck» und «Fucking» und anderes Zeug, das nicht jugendfrei ist.

Daran schuld ist zweierlei: fehlende Zuneigung und Russland. Trump will geliebt werden von den Amerikanern, doch sie verweigern ihm diese Liebe. Frank Sinatra litt ähnlich unter Ava Gardners Liebesentzug und wurde in den «Wee Small Hours» melancholisch. Vielleicht leidet auch Trump in den frühen Morgenstunden, wenn er die Twitter-Maschine aktiviert. Seine Umfragewerte sind schrecklich. Der Mangel an Liebe schmerzt ihn, da er innerlich weit weniger gefestigt ist, als er uns weismachen will.

Das russische Damoklesschwert

Noch immer hat er nicht überwunden, dass Hillary Clinton bei der Wahl mehr Stimmen als er erhielt. Es müsse ein Betrug vorliegen, glaubt er. Illegale Einwanderer ohne Wahlrecht hätten massenweise gewählt, Fernandez und Ruiz, Garcia und Rodriguez und wie sie alle heissen.

Noch schlimmer aber ist das russische Damoklesschwert, das über Trumps Haupt hängt und von den Verbreitern von Fake-News dorthin bugsiert worden ist. Wenn er gewusst hätte, dass sich Justizminister Jeff Sessions wegen Befangenheit aus den Russland-Ermittlungen ausklinkte, hätte er Sessions nicht zum Justizminister berufen, sagte Trump in einem bemerkenswerten Interview mit der «New York Times». Und überhaupt werde er nicht zusehen, wie Sonderermittler Robert Mueller wegen Wladimir Putin in den Finanzen der Familie Trump herumstochere. Da werde eine Grenze überschritten, jawohl, weshalb er, der Präsident, einschreiten werde.

Seit der Publizierung am Mittwoch sorgt dieses Interview für Schlagzeilen. Es zeigt Trump in seiner ganzen Aufgeregtheit. Immerhin aber liess er sich nahezu eine Stunde von der «Times» befragen, jener «Times», die laut Trump vor dem Aus steht und eine Hauptquelle von Fake-News ist. Trumps Anwälte rupfen sich garantiert die Haare aus: Ihr Mandant, obwohl im Visier diverser Kongressauschüsse sowie eines Sonderermittlers, hält sich nicht an das Script, sondern redet frei von der Leber weg. Es ist erfrischend, wie Trump sich um Kopf und Kragen redet.

Der Apparatschik aus Reihe zwei

Vielleicht tut er das, weil er keinen Spass am Regieren hat. Nicht nur wegen der leidigen Russland-Sache. Er mag gern die Hand Macrons drücken, dessen Ehefrau Brigitte Komplimente machen oder mit dem saudischen König über vergoldete Wasserhähne plaudern. Aber sich im Labyrinth der Staatsfinanzen verlieren? Oder im Dickicht des Nahen Ostens? Das ist nicht Trumps Sache.

Die Demokraten hoffen, Trump werde bald eine TV-Ansprache halten und den Amerikanern im Stil des Sachsenkönigs Friedrich August III. zurufen, sie sollten ihren «Dreck» alleine machen, er habe genug und danke ab. Aber er wird es nicht tun, wenngleich das Amt inzwischen die Familienverhältnisse belastet und die People-Medien fast täglich über neue Zerwürfnisse berichten. Mal ist Donald Junior beim Vater untendurch, mal neiden Donald Jr. und Sohn Eric dem Schwager Kushner dessen Power-Position: Versailles und Byzanz lassen grüssen.

Zurücktreten würde Trump nur, wenn er dazu gezwungen würde, etwa im Zuge eines Impeachments. Der Unterhaltungswert wäre natürlich dahin, trist und grau käme der politische Alltag wieder daher. Denn nach dem «King of Kurzweil» zöge der langweilige, weil stets linientreue Apparatschik Mike Pence ins Weisse Haus ein, ein christlicher Fanatiker, der sich nur im Beisein seiner Ehefrau mit anderen Frauen trifft. Nein, Trump verblödet niemanden, er beschert uns im Gegenteil hellwache Stunden und endloses Staunen. Er ist eine Wundertüte der besonderen Art.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.07.2017, 09:07 Uhr

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