Die Mails der privaten Spione

Hintergrund

Wikileaks enthüllt E-Mails der Strategiefirma Stratfor. Es geht um fragwürdige Quellen und Methoden. Die Analysen Stratfors werden weltweit auf höchster Ebene gelesen, auch in der Schweiz.

Fünf Millionen E-Mails der US-Firma Stratfor veröffentlicht: Wikileaks-Gründer Julian Assange an einer Medienkonferenz in London zu seinem jüngsten Coup (27. Februar 2012).

Fünf Millionen E-Mails der US-Firma Stratfor veröffentlicht: Wikileaks-Gründer Julian Assange an einer Medienkonferenz in London zu seinem jüngsten Coup (27. Februar 2012).

(Bild: Reuters)

Monica Fahmy@fahmy07

Die Internet-Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlicht seit Montag laufend mehr als fünf Millionen vertrauliche E-Mails des US-Strategieberatungsunternehmens Stratfor. Die Datensätze aus der Zeit zwischen Juli 2004 und Dezember 2011 zeigen laut Wikileaks, wie Stratfor arbeitet, seine Informanten rekrutiert und bezahlt. Die Dokumente, sofern sie echt sind, werfen ein wenig schmeichelhaftes Licht auf die Arbeit eines Unternehmens, dessen Analysen schon die eine oder andere Entscheidung von weltpolitischem Ausmass beeinflusst haben dürften.

Stratfor beschreibt sich selbst als «Anbieter von geopolitischen Analysen». Diese Analysen konsultieren Führungspersonen von Grossunternehmen und Regierungsstellen, unter anderem des US Department of Homeland Security, der US Marines und der US Defense Intelligence Agency.

Stratfor-Analysen im VBS und EDA

In der Schweiz werden die Analysen von Stratfor nicht nur von Mitarbeitern von Unternehmen wie ABB, Swiss Re oder Alcatel-Lucent und von Banken wie UBS, CS oder Julius Bär gelesen, sondern auch von hohen Mitarbeitern des EDA und des VBS. Da die Website von Stratfor im Dezember 2011 vom Hackerkollektiv Anonymous angegriffen wurde, sind nun die E-Mail-Adressen von 810'000 registrierten Usern bekannt. Über 50 registrierte E-Mail-Adressen sind vom EDA, von Botschaftsmitarbeitern, Botschaftern und Beratern. Über 40 E-Mail-Adressen sind vom VBS, von Mitarbeitern der Armee und des Generalsekretariats.

Wären die Analysen von Stratfor unabhängig, wertfrei und akkurat, würde nichts dagegensprechen, wenn sie in die Entscheidungsfindung einfliessen. Doch wie die veröffentlichten Dokumente von Wikileaks zeigen, vertritt die Chefetage von Stratfor eine neokonservative Haltung, Analysen spielten etwa den Interessen der US-Rüstungsindustrie oder den Falken aus der Bush-Administration in die Hände. «Stratfor behauptet, dass es ohne Ideologie, Agenda oder nationale Voreingenommenheit agiere», schreibt Wikileaks, «aber die E-Mails zeigen eine privaten Geheimdienst, der sich eng an die Politik der US-Regierung lehnt und dem Mossad Tipps liefert.» (zur Wikileaks-Seite)

Informanten über Schweizer Bankkonten bezahlt

Die E-Mails, die Wikileaks veröffentlicht, «zeigen Stratfors Informantennetz, Abfindungsstruktur, Zahlungstechniken und psychologische Methoden», schreibt Wikileaks. Quellen aus Regierung und Diplomatie würden Stratfor ihre Informationen verkaufen. Stratfor verfüge über ein globales Netzwerk von Informanten, die über Schweizer Bankkonten und Prepaid-Kreditkarten bezahlt würden. Sofern sie echt sind, belegen die Dokumente auch, dass Stratfor-Analysten zum Teil völlig uninformiert und von einzelnen Quellen abhängig sind.

Bei der Informationsbeschaffung sollten die Stratfor-Mitarbeiter nicht zimperlich vorgehen. «Sie müssen die Kontrolle über ihn gewinnen. Kontrolle heisst finanzielle, sexuelle oder psychologische Kontrolle. Damit soll unsere Konversation über Ihre nächste Phase beginnen.» Dies steht in einem Mail, das Stratfor-CEO George Friedman einer Analystin am 6. Dezember 2011 geschrieben hat. Es ging darum, wie man von einem israelischen Informanten Angaben zum Gesundheitszustand des venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez gewinnen könnte.

«Regierungs-Stratfors»

Aus den E-Mails wird auch ersichtlich, dass Stratfor mehr tun könnte als bloss «geopolitische Analysen» zu erstellen. In einem Mail an die Mitarbeiter schreibt CEO Friedman, das United States Marine Corps und «andere Nachrichtendienste der Regierung» hätten Stratfor um Schulungen dazu ersucht, «wie Stratfor tut, was es tut.» Ziel sei, dass die Geschulten «Regierungs-Stratfors» werden können.

In einem Statement äusserte sich Stratfor zur Publikation der E-Mails. Einige der Mails «könnten gefälscht oder geändert worden sein; einige könnten echt sein. Wir werden beides nicht kommentieren.» Man werde auch nicht erklären, was der Hintergrund einiger E-Mails sei. Nach dem Diebstahl der E-Mails, «werden wir nicht zwei Mal zum Opfer, indem wir uns dazu befragen lassen.»

DerBund.ch/Newsnet

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