Der schwierige Weinstein-Prozess

Fast 90 Frauen haben dem früheren Hollywood-Prozenten Harvey Weinstein sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Doch die juristische Aufarbeitung des Falls stockt.

Profitiert auch von gravierenden Fehlern der Gegenseite: Harvey Weinstein vor einem Gerichtstermin im Juli in New York.

Profitiert auch von gravierenden Fehlern der Gegenseite: Harvey Weinstein vor einem Gerichtstermin im Juli in New York.

(Bild: Seth Wenig/AP Photo)

Als Harvey Weinstein Ende Mai zum ersten Mal den New York County Supreme Court in Lower Manhattan betrat, gingen Bilder um die Welt, deren Symbolkraft kaum grösser hätte sein können. Der einstige König Hollywoods, der seine Macht im Filmgeschäft jahrzehntelang missbraucht haben soll, um sich Frauen sexuell aufzudrängen, wurde in Handschellen ins Gebäude gebracht, flankiert von zwei Ermittlern. Die Fotos vom gefesselten Harvey Weinstein transportierten die Botschaft: Justice is served, der Gerechtigkeit wird genüge getan. Für die «Me too»-Bewegung muss es ein Moment der Genugtuung gewesen sein.

Fast 90 Frauen haben Weinstein sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Viele Fälle sind verjährt und können nicht mehr vor Gericht kommen, bei anderen stellten die mutmasslichen Opfer Strafanzeige, die Polizei ermittelt in London, Los Angeles und Beverly Hills. Das Gericht in New York erhob als erstes tatsächlich Anklage gegen den Filmproduzenten – und als bislang einziges. Seine Verhaftung im Mai zeigte, dass die Strafverfolgung bei sexueller Gewalt funktionieren kann, auch dann, wenn es um einen prominenten Beschuldigten geht. So schien es zumindest zu sein.

Ein Anklagepunkt fallengelassen

Doch sieben Monate später ist die Anklage gegen den gestürzten Filmmogul, der gegen Zahlung einer Millionen-Kaution in den Hausarrest entlassen worden ist, kein Stück weiter. Im Gegenteil. Gerichtstermine wurden immer wieder verschoben. Einer von sechs Anklagepunkten gegen den 66-Jährigen musste im Oktober fallengelassen werden – nicht zuletzt, weil herauskam, dass Nicholas DiGaudio, einer der Ermittler, die Weinstein seinerzeit ins Gericht geleitetet hatten, bei seinen Nachforschungen höchst fragwürdig vorgegangen war. Aus drei Anklägerinnen wurden auf diese Weise zwei, ausgerechnet die Vorwürfe der einzig namentlich bekannten Anklägerin, Lucia Evans, werden nun nicht berücksichtigt.

Bei den verbliebenen Anklagepunkten geht es um eine Vergewaltigung und mehrere Fälle sexueller Nötigung. Weinstein bestreitet sämtliche Vorwürfe und plädiert auf «nicht schuldig».

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«Ein höllisches Jahr»

Die Schlagzeilen gehörten zuletzt einmal mehr dem Angeklagten: Weinstein beschwerte sich in einer geleakten E-Mail an Freunde über ein «höllisches Jahr» – für die «Me too»-Bewegung ein weiterer Schlag ins Gesicht.

Wie konnte die Anklage derart ins Wanken geraten? Weinsteins Verteidiger Benjamin Brafman hat den zuständigen Richter James Burke im vergangenen halben Jahr wiederholt aufgefordert, die Anklage komplett einzustellen. In seinem jüngsten Schriftsatz Ende November berief sich der prominente New Yorker Anwalt auf eine neue Entlastungszeugin: Die Frau sei bereit, auszusagen, dass sich eines der mutmasslichen Opfer über einen längeren Zeitraum immer wieder mit Weinstein zum Sex verabredet habe, vollkommen einvernehmlich, schrieb Brafman. In dieser Zeit habe die Zeugin, eine Freundin der Anklägerin, nicht ein schlechtes Wort über den Produzenten gehört. Die Anwälte der Anklägerinnen und Frauenrechtsgruppen wandten umgehend ein, dass das mitnichten ein Unschuldsbeweis sei: Es sei nicht ungewöhnlich für Opfer sexueller Gewalt, mit dem Täter Kontakt zu halten.


Video: Weinstein plädiert auf nicht schuldig

Der ehemalige US-Filmproduzent Harvey Weinstein musste sich vor Gericht zu den gegen ihn erhobenen Missbrauchsvorwürfen äussern.


Anwalt vertrat Strauss-Kahn

Dass Harvey Weinsteins Verteidigerteam versuchen würde, die Glaubwürdigkeit der Anklägerinnen in Zweifel zu ziehen, war absehbar. Die Strategie seiner Anwälte zielt nicht zuletzt darauf ab, die öffentliche Meinung zu drehen und so Druck auf das Gericht aufzubauen. Die Staatsanwaltschaft spricht diesbezüglich vom Versuch, einen «öffentlichen Zirkus» zu inszenieren.

Brafman hat Erfahrung mit sogenannten High Profile Cases: Er vertrat 2011 den ehemaligen Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn. Auch damals ging es um einen Vergewaltigungsvorwurf, und auch in diesem Fall war am Ende die Glaubwürdigkeit des mutmasslichen Opfers der entscheidende Faktor. Als herauskam, dass das Zimmermädchen, das «DSK» beschuldigte, wiederholt die Unwahrheit gesagt hatte, brach die Anklage in sich zusammen. Da half es auch nichts, dass die Frau angab, vom Dolmetscher falsch verstanden worden zu sein.

Nachträglich eingedampfte Anklage

Im Fall Weinstein profitierte Brafman auch von gravierenden Fehlern der Gegenseite. So war Anfang Oktober zunächst bekanntgeworden, dass der leitende Ermittler DiGaudio einer der Anklägerinnen geraten hatte, kompromittierendes Material vom Handy zu löschen, bevor sie es der Staatsanwaltschaft übergab. Noch schwerer wog, als kurz darauf herauskam, dass DiGaudio bereits im Februar eine wichtige Zeugin ermutigt hatte, ihre Angaben nicht gegenüber der Staatsanwaltschaft zu wiederholen. «Weniger ist mehr», soll er der Zeugin gesagt haben. Die Frau hatte die Geschichte von Lucia Evans infrage gestellt. Evans, heute 36, hatte Weinstein vorgeworfen, sie 2004 als junge Schauspielerin in seinem Büro in Manhattan zum Oralsex gezwungen zu haben. Die Zeugin, eine Freundin von Evans, gab jedoch gegenüber DiGaudio zu Protokoll, eine ganz andere Version erzählt bekommen zu haben: Demnach willigte Evans in den Oralsex ein, im Tausch für eine Filmrolle. Doch diese entscheidende Information schaffte es erst zur Staatsanwaltschaft, nachdem diese bereits Anklage erhoben hatte.

Der Richter dampfte daraufhin am 11. Oktober die Anklage nachträglich ein. Für die Staatsanwaltschaft war das verheerend, denn sie steht in der Öffentlichkeit ohnehin seit längerer Zeit schlecht da: Die Behörde von Bezirksstaatsanwalt Cyrus Vance war in den Medien heftig kritisiert worden, nachdem sie 2015, also lange vor #Me too, ein erstes Verfahren gegen Weinstein blockiert hatte. Obwohl die Polizei damals sicher war, genügend Beweise für einen sexuellen Übergriff auf ein italienisches Model zu haben – unter anderem ein Quasi-Geständnis Weinsteins auf Band – weigerte sich Vance, gegen den mächtigsten Mann Hollywoods vorzugehen. Die Presse witterte einen Promi-Bonus.

Am Ende ist das Verfahren gegen Weinstein aber nicht: Am Donnerstag hat es Richter Burke abgelehnt, den Prozess einzustellen. Bei der Anhörung am Donnerstag war Weinstein selbst zugegen. Anwalt Brafman ist enttäuscht, dass die Anklage nicht fallengelassen wurde.

Unter den Zuschauern im Gerichtssaal befanden sich rund 20 Frauen einer Bewegung, die sich gegen sexuelle Belästigung einsetzt. Ihr Name: Time's Up, die Zeit ist um. Am 7. März findet die nächste Anhörung statt.

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