Der Tech-Bus, Symbol des Bösen

Häuser bezahlen sie bar, für Mietwohnungen legen sie 3000 US-Dollar hin – und an ihren Arbeitsplatz werden sie mit dem Shuttlebus gefahren. Was die Angestellten von Apple, Google und Co. mit San Francisco machen.

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Eigentlich hatten sie ja gegen Polizeigewalt demonstrieren wollen. Dann kamen die rund 150 Protestierenden in San Franciscos Mission District an der Baustelle eines neuen Appartementblocks vorbei. Kurzerhand änderten sie das Thema der Demonstration: «Fuck the yuppies», Nein zur Gentrifizierung der Stadt.

Der Protestmarsch Mitte August war nur einer von vielen. Die Lage auf dem Immobilienmarkt von San Francisco hat sich in den vergangenen Jahren massiv verschärft. Schuld ist zu einem grossen Teil die wachsende Technologiebranche. Mehr als 5000 Technologie-Start-ups haben sich in und um die Stadt angesiedelt, berichtet die «New York Times» in ihrem Blog «Bits».

Mit den Start-ups kam eine Heerschaar gut ausgebildeter Angestellter. Diese verdienen oft weit über 100'000 US-Dollar im Jahr. Die Mieten und Immobilienpreise schnellten in die Höhe. Heute bezahlt man für eine Kleinwohnung gut 3000 US-Dollar monatlich. Häuser und Eigentumswohnungen kosten im Schnitt bereits eine Million. Geringverdiener müssen immer öfter ihre Wohnung verlassen, selbst für den Mittelstand wird die Stadt zu teuer.

Symbole der Gentrifizierung

Die Problematik wird zusätzlich verschärft: San Francisco hat sich zur Schlafstadt für Zehntausende Mitarbeiter der grossen Tech-Konzerne im nahen Silicon Valley entwickelt, wie das Wirtschaftsmagazin «ECO» berichtet. «Immer mehr dieser erfolgreichen Unternehmen haben sehr junge Mitarbeiter», sagt Christian Simm gegenüber «SRF Kultur». Simm ist Chef von swissnex San Francisco. «Diese Mitarbeiter sind meist noch nicht verheiratet. Und sie haben kein Interesse, irgendwo in den ‹Suburbs› zu wohnen.»

Wie das geht? Apple, Google, Facebook und andere Tech-Riesen fahren ihre Mitarbeiter Tag für Tag in Privatbussen ins Silicon Valley und zurück. Die sogenannten Tech-Busse mit den getönten Scheiben entwickelten sich zu regelrechten Symbolen der Gentrifizierung. In den vergangenen zwölf Monaten gab es mehrere Demonstrationen, in denen Protestierende solche Cars blockierten. Für sie stehen die Busse für Zwangsräumungen, für eine Stadt, die ihren Charakter verliert, für das Böse.

2000 neue Millionäre

Mittlerweile scheint die Gentrifizierung sogar so weit fortgeschritten, dass sich schon die Tech-Mitarbeiter selbst daran zu stören beginnen. Programmierer werden im Rennen um Wohnungen von Start-up-Besitzern ausgestochen, oder von jenen, die bei den Börsengängen von Google oder Twitter gross absahnten. Schätzungen zufolge schufen die Markteinstiege dieser Firmen in der Region San Francisco über 2000 Millionäre.

Laut «Bits» zahlen in der Stadt 40 Prozent der Hauskäufer bar. Teilweise tauchten hundert Personen an einem Besichtigungstermin auf, zwanzig lieferten sich zum Schluss eine Bieterschlacht. 60 bis 80 Prozent der Immobilien werden zu Preisen verkauft, die weit über dem liegen, was Käufer ursprünglich verlangten.

75'000 Zuzügler in zehn Jahren

Früher oder später wird San Francisco handeln müssen. In den letzten zehn Jahren wuchs die Bevölkerung der Stadt um 75'000 Menschen. Neue Wohneinheiten entstanden im selben Zeitraum jedoch nur 17'000. In den kommenden zwanzig Jahren rechnet man mit weiteren 150'000 Zuzüglern.

San Francisco wird neue Schulen brauchen, neue Brand- und Polizeiwachen. Nur, die benötigten Lehrer, Feuerwehrleute und Polizeibeamten werden es sich nicht leisten können, in der Stadt zu wohnen.

kpn

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