Der «Scherz» von den Waffenmassakern

Hintergrund

Millionen US-Waffenfans kommen nicht mit der Diskussion über Amokläufe und Schulschiessereien klar. Darum tun sie so, als habe es das alles nicht gegeben – und haben damit im Internet zunehmend Erfolg.

Weinen sie zu wenig? Eltern mit Fotos ihrer am 14. Dezember in der amerikanischen Sandy-Hook-Primarschule erschossenen Kinder bei der Gründung einer Stiftung gegen Waffengewalt. (14. Januar 2013)

Weinen sie zu wenig? Eltern mit Fotos ihrer am 14. Dezember in der amerikanischen Sandy-Hook-Primarschule erschossenen Kinder bei der Gründung einer Stiftung gegen Waffengewalt. (14. Januar 2013)

(Bild: Reuters Michelle McLoughlin)

Thomas Ley@thomas_ley

Wenn 20 kleine Kinder erschossen werden, zusammen mit sechs Schulangestellten, die mehrheitlich dabei sterben, als sie ihre Schützlinge vor den Kugeln abzuschirmen versuchen – dann gibt es nicht mehr viel zu debattieren. Verbrechen wie diese treffen die Gesellschaft im Innersten. Massenmord an Kindern stellt uns alle infrage. Und wer dann auch noch für jene Geräte einstehen muss, mit denen das Massaker begangen wurde – drei Sturmgewehre nämlich –, der hat ein Erklärungsproblem.

Oder auch nicht. Man kann sich ja nicht nur der Erklärung verweigern, sondern den schlichten Tatsachen: Millionen Amerikaner, und es werden immer mehr, bestreiten schlicht, dass das Massaker an der Sandy-Hook-Primarschule in Newton, Connecticut, stattgefunden hat. Alles gefälscht. Selbst die betroffenen Eltern oder die mutigen Helfer – alles Lügner.

Parallelen zu 9/11-Verschwörungstheorien

Man stelle sich vor, Tausende Europäer hätten in den Tagen nach dem Massenmord auf der norwegischen Insel Utöya 2011 sogleich behauptet, Anders Behring Breivik habe gar nicht getan, was er so offensichtlich getan hat. Oder dass er nur die Hälfte davon getan habe. Oder dass er dabei nicht allein gewesen sei. Oder dass die meisten seiner Opfer entweder wohlbehalten zu Hause sässen oder von Geheimdiensten verschleppt worden seien.

Genau das findet derzeit statt in der Parallelwelt der US-Verschwörungstheoretiker. Und inzwischen greifen auch die Mainstream-Medien die Kontroverse auf. Es begann mit einigen Tausend «misstrauischen» Zuschauern der Fernsehbilder vom 14. Dezember letzten Jahres. Heute dürften es bereits Dutzende Millionen sein, die meisten aus dem Umfeld der US-Waffenszene. Sie schneiden Youtube-Videos zusammen aus Nachrichtenschnipseln, sie suchen nach Fehlern in damaligen Medienberichten und verschicken, was sie daraus gebastelt haben, um sich gegenseitig darin zu bestätigen, dass der Amoklauf des 20-jährigen Adam Lanza nur schlecht inszeniertes Theater gewesen sei.

Wie so oft in den grossen Verschwörungstheorie-Wellen der letzten Jahrzehnte ist es ein Video, das allen voranstürmt. Für die «9/11-Wahrheits»-Jünger war es der Internetfilm «Loose Change» («Kleingeld»), der behauptete, die Angriffe vom 11. September 2001 seien von der Regierung geplant und durchgeführt worden. Für die Amoklauf-Skeptiker ist es der Youtube-Film «The Sandy Hook Shooting – Fully Exposed». Die Wahrheit – vollständig aufgedeckt.

Viele «Fragen», keine Antworten

Der 30-Minuten-Film ist nicht das erste, aber mit über 10 Millionen Seitenaufrufen das bisher erfolgreichste Sammelsurium angeblicher Unstimmigkeiten und Enthüllungen zur Schiesserei an der Schule. Viele weitere Youtube-Clips laufen unter einer Variante des Titels «Sandy Hook Hoax», wobei «hoax» für «Betrug» steht, obwohl das Wort streng genommen «Scherz» bedeutet.

Das Drama als Scherz darzustellen, macht die Bewegung nicht populärer. Schliesslich geht es um den Mord an 20 Kindern. Entsprechend findet die Szene – noch – wenig Echo im politischen Mainstream. Es gibt keine Polizeiuntersuchung des Falles, die über die Fragen hinausgeht, wie Adam Lanza an seine Waffen kam, warum er in die Schule eindringen konnte und wieso ihn seine Mutter mit dem Waffenarsenal zu Hause alleine liess. Nicht einmal Republikaner stellen in Abrede, dass sich die Ereignisse ziemlich genau so abspielten, wie von der Polizei bisher bestätigt. Hunderte Interviews mit betroffenen Familien wurden geführt. Die Kinder wurden alle bis Weihnachten beerdigt, die meisten im Beisein höchster Politiker der Region und des Landes. Debattiert wird sehr wohl – aber nur darüber, welche politischen Konsequenzen aus der Katastrophe gezogen werden sollen.

Doch das alles kann nicht verhindern, dass die Verschwörungstheorien wuchern. Die Muster sind dabei immer dieselben: Es werden bloss «Fragen» gestellt, keine Antworten gegeben. Warum wurde in den ersten Stunden nach dem Massaker weiteren Tätern nachgespürt, später dann nicht mehr? Warum wurden so viele verschiedene Waffentypen als angebliche Tatwaffen herumgeboten? Warum sieht man auf Interviewbildern so wenig «echte» Tränen von Eltern der erschossenen Kinder? Warum hiessen manche Kinderopfer in den Berichten mal so, dann wieder so? Warum scheinen manche Angehörige auf Fotos oder Filmaufnahmen zu lachen?

Zu viele Fernsehbilder, zu wenig Aufklärung

Es sind meist Fragen, die leicht entkräftet werden können und auch entkräftet wurden. Nach weiteren Tätern wurde nicht mehr gesucht, weil es keine gab – trotzdem existieren aus den schrecklichen Stunden des 14. Dezembers natürlich Nachrichtenbilder von mysteriösen unidentifizierten Personen im Wald. Verschiedene Waffentypen wurden herumgeboten, weil man es einfach nicht besser wusste, weil in Lanzas Auto weitere Waffen gefunden wurden. Was «echte» Tränen sind oder nicht, ist Ansichtssache. Die Kindernamen brachten Medien und Polizei immer wieder durcheinander, kein Wunder. Und lachende Angehörige? Wer weiss schon, was in Betroffenen abgeht, wenn ihre Welt zusammenbricht – und wer weiss schon, was in Beobachtern abgeht, die Elterngesichter nach Tränen absuchen.

Das zu viel an Fernsehbildern trägt, wie schon bei 9/11, nicht zur Aufklärung bei, sondern bietet einen Steinbruch für Propagandisten. Falschmeldungen werden bewusst weiterverbreitet. Etwa jene, dass die Amokläufer von Sandy Hook und jener vom Kino in Aurora, Colorado, ein halbes Jahr zuvor, etwas gemeinsam gehabt hätten: Ihre jeweiligen Väter sollten angeblich vor dem US-Senat aussagen in Sachen Liborzins-Skandal. Die absurde Idee dahinter: Die Finanzwelt habe zwei wichtige Hearings verhindert. Die Meldung ist reine Erfindung – aber aus dem Internet nicht mehr wegzukriegen.

Meist aber ist die Hintergrundthese sehr einfach: Die US-Regierung, vor allem jene von Barack Obama, inszeniert die Schiessereien, um danach Druck für Waffenkonfiskation zu machen. Entsprechend hält sich zwar die Oppositionspartei, die Republikaner, zurück, aber eine der wichtigsten Lobbys der Rechten ist voll dabei: die NRA, die National Rifle Association. Der Waffenverein ermuntert seine Mitglieder und Fans, weiter «Fragen» zu stellen. Der NRA ist ohnehin klar, dass sie selber die Massaker-Verschwörungstheorien nährt mit jenen jahrelangen Kampagnen, die behaupten, dass die Demokraten und der Präsident nächstens alle Waffen beschlagnahmen.

«Batman» sagte Massaker voraus

Entsprechend werden die Amerikaner mit der Amoklauf-Paranoia leben müssen. Genauso wie mit jenem Drittel der Bevölkerung, das überzeugt ist, Barack Obama sei Kenianer und Muslim. Für die Fieberträume der Mediengesellschaft lassen sich immer neue «Beweise» finden.

Wussten Sie etwa, dass das Massaker an der Primarschule vorhergesagt wurde? Im Kino, im Film «The Dark Knight Rises», dem letzten Teil der letzten Batman-Trilogie. In einer Szene tippt der Polizeichef auf eine Karte, auf der deutlich zu lesen ist: «Sandy Hook». Und welcher Film lief, als James Eagan Holmes am 20. Juli 2012 auf die Zuschauer im Kino von Aurora schoss, 12 tötete und 58 schwer verletzte? Genau: «The Dark Knight Rises».

Wer kann da noch daran zweifeln, dass alles inszeniert ist? Die ganze Welt ist eine Bühne. Irgendwo auf Youtube.

DerBund.ch/Newsnet

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