Der «Pitbull» von Donald Trump

Anwalt Michael Cohen kümmert sich um alle Probleme des US-Präsidenten – inklusive Sex-Affären. Mit der Razzia in Cohens Büro zielt das FBI ins Innerste des Trump-Universums.

«Eine Schande»: Trump über das Vorgehen des FBI gegen Michael Cohen. Video: AFP/Tamedia

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Dass Donald Trump mit harschen Worten auf schlechte Nachrichten reagiert, überrascht niemanden mehr. Für den US-Präsidenten ist es nicht weniger als «ein Angriff auf unser Land», dass die Bundespolizei FBI das Büro und das Haus seines Anwalts Michael Cohen durchsucht und dabei Akten, Mobiltelefone und Computer beschlagnahmt hat. Weil die Razzien mit der Untersuchung von Sonderermittler Robert Mueller über eine mögliche Einmischung Russlands in die Wahl 2016 zu tun haben, klagte Trump erneut über eine «Hexenjagd».

In seiner zehnminütigen, live übertragenen Wutrede im Weissen Haus nutzte Trump sieben Mal das Wort «Schande». Dieser emotionale Ausbruch ist verständlich, denn der Titel «persönlicher Anwalt» gibt Cohens Stellung nur unzureichend wieder. Der 51-Jährige wird mitunter als «Trumps sechstes Kind» bezeichnet. Er steht dem Immobilienunternehmer seit mehr als einem Jahrzehnt treu zur Seite und weiss bestens über dessen Geschäfte Bescheid. Die Ermittler haben sich also Zugang zum Innersten des Trump-Universums verschafft.

Niemand, dessen Nachname nicht Trump lautet, kam in der Hierarchie der Trump Organization höher als Cohen, der zuletzt Executive Vice President war. Sein Büro befand sich direkt neben dem seines Chefs, den er als «unseren Patriarchen» und «grössten Dealmaker unseres Jahrhunderts» anpreist.

2011 beschrieb Cohen seinen Job so: «Wenn jemand etwas macht, das Herrn Trump nicht gefällt, dann tue ich alles Erdenkliche, um die Angelegenheit zugunsten von Herrn Trump zu lösen.» Dabei ging Cohen mitunter so rabiat vor, dass er den Spitznamen «Trumps Pitbull» bekam. Laut New York Times gehören «Geldzahlungen, Einschüchterung und Boulevardmedien» zu seinen bevorzugten Werkzeugen, mit denen er schon vor Trumps Präsidentschaftskandidatur mehrfach negative Berichte verhindert hat.

Cohen zahlte 130'000 Dollar an Stormy Daniels

Es ist eine dieser Erledigungen des «Problemlösers» Cohen, die das FBI nun interessiert. Kurz vor der Wahl 2016 überwies Cohen 130'000 Dollar aus seinem Privatvermögen an die Pornodarstellerin Stormy Daniels, die 2006 Sex mit Trump gehabt haben will. Der US-Präsident bestreitet die Affäre und will von der Zahlung nichts gewusst haben.

Laut Washington Post wird gegen Cohen wegen des Verdachts auf Bank- und Überweisungsbetrugs sowie illegaler Wahlkampffinanzierung ermittelt. Sollte die Zahlung an Stormy Daniels Schweigegeld gewesen sein, um Trumps Chancen auf den Einzug ins Weisse Haus nicht zu gefährden, dann hätte Cohen dies seiner Bank mitteilen und Wahlkämpfer Trump den Betrag als Spende angeben müssen. Die beschlagnahmten Dokumente reichen offenbar mehrere Jahre zurück.

Über seinen Anwalt liess Cohen mitteilen, dass er zwar die Razzien als «unnnötig und unangemessen» empfinde, aber trotzdem mit den Behörden kooperiere. Es scheint aber schwer vorstellbar, dass der in Long Island geborene Jurist auspacken könnte. 2016 beteuerte er: «Es ist nicht so, dass ich nur für Herrn Trump arbeite. Ich bin sein Freund und ich würde alles für ihn und seine Familie tun.»

2006 hatten sich beide über Donald junior kennengelernt, als Vater Trump einen Anwalt suchte, um Anschuldigungen von Wohnungseigentümern in einem seiner New Yorker Hochhäuer zu unterdrücken. Cohen, der von polnischen Holocaust-Überlebenden abstammt, hatte zunächst als Versicherungsanwalt gearbeitet und dann sein Geld als Besitzer von Dutzenden Taxis in New York und Chicago verdient. Schon als Student war er Porsche gefahren. Wie sein Boss liebt er es, seinen Reichtum zu zeigen und Widersacher auf Twitter zu attackieren. Regelmässig verteidigte er Trump im Fernsehen, was ihm dieser hoch anrechnet.

Cohen war es auch, der 2011 die Website «Sollte Trump als Präsident kandidieren?» anmeldete. Er unterstützt die politischen Ambitionen seines Idols ebenso uneingeschränkt wie alle denkbaren Investitionen. Im November 2015 wurde Cohen von dem dubiosen Geschäftsmann Felix Sater kontaktiert, der in Moskau einen Trump Tower bauen wollte. Vor dem Repräsentantenhaus sagte Cohen aus, er habe drei Mal mit Trump über das Projekt gesprochen, doch mehr als eine «nicht bindende Absichtserklärung» habe es nie gegeben. Um Interessenskonflikte zu vermeiden, hatte der Vater zweier Kinder nach Trumps Vereidigung die Familien-Organisation verlassen und war nur noch als dessen «privater Anwalt» tätig.

Dass Michael Cohen laut Vanity Fair «Trump besser kennt als niemand sonst» und sich in dessen Unterlagen womöglich viele Details verbergen, ist nicht der einzige Grund für Trumps Wut. Auch in den USA steht das Verhältnis zwischen Anwalt und Klient unter starkem Schutz. Die FBI-Ermittler müssen also starke Indizien vorgelegt haben, bevor Top-Beamte im Justizministerium sowie Geoffrey Berman, der für Manhattan zuständige Staatsanwalt, den Beschlagnahmungen in Cohens Büro und Wohnung zugestimmt haben.

Den von Loyalität besessenen Trump ärgert besonders, dass Berman von seinem eigenen Justizminister Jeff Sessions ernannt wurde und die Razzia trotzdem nicht verhinderte. Am Montagabend schimpfte er erneut vor laufenden Kameras über Sessions, dem er die Schuld gibt, dass Sonderermittler Mueller überhaupt seine Arbeit aufgenommen hat.

Trump fehlen Anwälte – und Vertraute wie Hicks

In Washington rechnen Beobachter damit, dass der US-Präsident in den nächsten Stunden seinen Ärger in Tweets zeigen und öffentlich über eine Ablösung von Mueller spekulieren wird (diesen Schritt kann er allerdings nicht einfach so vornehmen). Zum Chaos trägt bei, dass Trumps für die Russland-Ermittlungen zuständiges Anwalt-Team nicht vollständig besetzt ist, seit der Jurist John Dowd im März zurückgetreten war. Zudem fehlt mit Ex-Kommunikationschefin Hope Hicks eine wichtige Vertraute, die den impulsiven Präsidenten beruhigen kann.

Wirkliche Ruhe im Komplex Russland-Connections und Mueller-Ermittlungen wird es so schnell nicht geben. In einer Woche erscheint das Enthüllungsbuch «Grösser als das Amt» des ehemaligen FBI-Chefs James Comey, den Trump vor einem knappen Jahr gefeuert hat und der seine Sicht der Dinge auch in dutzenden Auftritten in aller Welt schildern wird.

Mit noch mehr Gerüchten und Spekulationen ist also zu rechnen – etwa zu einer Frage, die Reporterin Emily Jane Fox im Sommer 2017 dem Trump-Vertrauten Michael Cohen stellte: Ob er denn damit rechne, dass der US-Präsident all jene begnadigen werde, die wegen der Russland-Ermittlung verurteilt werden könnten. Die Antwort des überaus loyalen Anwalts war zweideutig: «Ich weiss, dass ich ihn niemals werde bitten müssen, das zu tun.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2018, 20:24 Uhr

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