Analyse

Das Unrecht ist noch lange nicht überwunden

Der Oscar für «12 Years a Slave» ist ein politisches Signal: Im sechsten Jahr der Obama-Präsidentschaft haben sich neue Gräben zwischen Weiss und Schwarz aufgetan.

«Psychopathische und unmenschliche Versklavung von Afrikanern»: Szene aus dem Oscar-prämierten Film «12 Years a Slave».

«Psychopathische und unmenschliche Versklavung von Afrikanern»: Szene aus dem Oscar-prämierten Film «12 Years a Slave».

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Zufall oder nicht: Gleich vier amerikanische Filme beschäftigten sich in jüngster Zeit mit der Geschichte amerikanischer Sklaverei und amerikanischer Rassenprobleme zu einem Zeitpunkt, da in Washington der erste Afroamerikaner regiert. Filme über den Bürgerkriegspräsidenten Abraham Lincoln, über einen schwarzen Butler im Weissen Haus sowie Quentin Tarantinos operettenhafte Gewaltorgie «Django Unchained» mochten sich in verschiedener Form der amerikanischen Ursünde widmen, keiner aber zog das amerikanische Publikum ähnlich in seinen Bann wie «12 Years a Slave».

Dass das brutale Epos des britischen Regisseurs Steve McQueen am Sonntagabend mit dem Oscar für den besten Film des Jahres 2013 ausgezeichnet wurde, verwundert also nicht. Amerika ist weit gekommen seit den Zeiten, als der freie Afroamerikaner Solomon Northup gekidnappt und in die Sklaverei nach Louisiana verkauft wurde. Die Regentschaft Barack Obamas aber hat die Diskussion über weisse Rassenresentiments und die andauernde, wenn auch zumeist subtile Diskriminierung von Afroamerikanern neuerlich belebt.

Hommage an versklavte Afroamerikaner

Er wolle seinen Oscar «all denen widmen, die die Sklaverei erlitten», sagte McQueen am Sonntagabend – und ehrte damit Generationen von versklavten Afroamerikanern, die im amerikanischen Süden vor dem Bürgerkrieg eine Hölle auf Erden erlebten. Sein Film mag eine pädagogische Wirkung haben und mit seiner schockierenden, jedoch verbürgten Grausamkeit ein probates Gegengift zum Magnolienduft des romantisch verklärten Südens sein, wie er in Margaret Mitchells Klassiker «Vom Winde Verweht» propagiert wurde. Zugleich aber erinnert «12 Years a Slave» an das Unerledigte, das sich trotz des beträchtlichen und zäh erkämpften Fortschritts in den Beziehungen zwischen Weiss und Schwarz hartnäckig hält.

Hollywood-Produzent Harvey Weinstein bemerkte im vergangenen Jahr, die Präsidentschaft Barack Obamas habe «Rassenlinien ausradiert». Im sechsten Jahr der Obama-Präsidentschaft kann geradeso gefragt werden, ob Barack Obama nicht neue «Rassenlinien» verursacht hat. Nicht nur verhärtet sich im amerikanischen Süden eine neue und von den Republikanern durch ein hanebüchenes Flickwerk von Wahlbezirken vorsätzlich verschärfte Trennung der Rassen entlang politischer Parteien: Die Republikanische Partei repräsentiert die weisse Mehrheit, die Demokratische Partei die schwarze Minderheit.

Bewältigung des Unrechts nicht beendet

Und erstmals seit dem Ende der Rassentrennung in den 1960er Jahren wird schwarzen Amerikanern der Zugang zur Wahlurne durch fragwürdige neue Wahlgesetze in Staaten wie Texas und North Carolina erschwert. Ihr Ziel ist es, die Wahlbeteiligung afroamerikanischer und hispanischer Bürger zu drücken und so trotz des demografischen Wandels die Vorherrschaft der Republikanischen Partei in den Staaten der alten Konföderation zu wahren. Ein republikanischer Aktivist aus North Carolina namens Don Yelton erklärte im letzten Herbst in der Fernsehsendung «The Daily Show» freimütig das Motiv dieser Restriktionen: Wenn sie «einer Bande fauler Schwarzer schaden, die alles vom Staat wollen, dann ist das in Ordnung».

Wie gesagt: Das Land ist weit gekommen bei der Bewältigung des historischen Unrechts, das Afroamerikanern während der Sklaverei und danach widerfuhr. Überwunden aber ist dieses Unrecht noch lange nicht, auch wenn amerikanische Konservative das Gegenteil proklamieren. Eine Mehrheit republikanischer Wähler glaubt laut Umfragen sogar, nicht Afroamerikaner würden diskriminiert, sondern weisse Amerikaner: Sie müssten die Zeche bezahlen für das Füllhorn staatlicher Wohltaten, das sich dank eines schwarzen Präsidenten über das schwarze Amerika ergiesse.

Erschreckende Geschichtsklitterung

Damit einher geht eine erschreckende Verniedlichung und Klitterung der Geschichte des konföderierten Südens: So erliess etwa Virginias republikanischer Gouverneur Bob McDonnell 2010 anlässlich des «Monats der Konföderierten Geschichte» eine Proklamation, welche «die Opfer der konföderierten Führer, Soldaten und Bürger während er Periode des Bürgerkriegs» pries. Von der Sklaverei war keine Rede. Dass kürzlich weisse Burschenschaftler an der Universität von Mississippi einer Statue des ersten von der Universität zugelassenen schwarzen Studenten James Meredith auf dem Campus eine Schlinge um den Hals legten, belegt einen erschreckenden Mangel an historischer Perspektive, ist jedoch keineswegs ein Einzelfall.

«12 Years a Slave» kann hier nachhelfen und daran erinnern, wie psychopathisch und unmenschlich die Versklavung von Afrikanern war. Neu ist daran freilich nichts: «Das ist völlig schrecklich, ihr solltet euch schämen!», entsetzte sich schon 1852 Miss Ophelia in Harriet Beecher Stowes Klassiker «Onkel Toms Hütte» über die Sklaverei. Dass nun ein Brite den Amerikanern neuerlich die ungeschminkte Wahrheit einschenkte und dafür mit einem Oscar belohnt wurde, ist eine gute Nachricht. Zumal der Zeitpunkt nicht besser hätte sein können.

Erstellt: 03.03.2014, 19:55 Uhr

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