«Dann wäre nichts mehr sicher»

Sarasin-Chefökonom Jan Amrit Poser erklärt, was der Welt droht, wenn die USA ihre Schuldenprobleme nicht lösen.

«Irgendwann wird China die Welt anführen»: Barack Obama verlässt die Bühne nach einer Medienkonferenz zur Haushaltskrise. 11. Juli 2011.

«Irgendwann wird China die Welt anführen»: Barack Obama verlässt die Bühne nach einer Medienkonferenz zur Haushaltskrise. 11. Juli 2011. Bild: Keystone

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In den USA streiten sich die Politiker um die Schuldenobergrenze. Wenn es bis zum 22. Juli keine Einigung gibt, kann die Regierung ab 2. August keine zusätzlichen Schulden aufnehmen. Steuern die USA auf die Zahlungsunfähigkeit zu?
Die US-Politiker veranstalten im Augenblick auf der politischen Bühne einen Kindergarten. Kurzfristig besteht das Risiko von sträflichen Verzögerungen. Ich will den Teufel nicht an die Wand malen: Aber wenn es nicht zu einer Übereinkunft zur Anhebung der Schuldenobergrenze kommt, dann sind die laufenden Ausgaben bedroht.

Könnten die Zinsen nicht mehr bezahlt werden?
Ich rechne nicht damit, dass diese Zahlungen gefährdet sind. Aber die Regierung müsste Mitarbeiter in den unbezahlten Urlaub schicken, was der frühere US-Präsident Clinton schon einmal getan hatte. Es könnte auch der Punkt erreicht werden, wo Renten nicht mehr bezahlt werden können.

Die Rating-Agentur Moody’s droht mit einer Herabstufung von Amerikas Bonitätsnote. Bloss eine Drohgeste an die Adresse der streitenden Politiker?
Die USA haben grundsätzlich ein gut funktionierendes Steuersystem und eine relativ starke Wirtschaft, die die Steuern ohne weiteres aufbringen kann, deshalb war die höchste Bonitätsnote durchaus gerechtfertigt. Kommt dazu, dass sehr viele Pensionskassen und Finanzinstitute Anleihen brauchen. Zentralbanken anderer Länder sind immer daran interessiert, den Dollar als Reservewährung zu halten. Zum Dollar gibt es noch keine Alternative als Weltleitwährung. Moody’s möchte mit seiner Warnung die Politiker zur Räson rufen, damit nicht Schlimmeres passiert.Also muss die Drohung von Moody’s ernst genommen werden.Abgesehen von der unnötigen Diskussion über die Schuldengrenze, sind die USA nicht auf einem nachhaltigen Pfad. Die Schuldendynamik der USA ist auf Kollisionskurs mit ihrer AAA-Bonitätsnote. Wenn die gegenwärtige Fiskalpolitik nicht angepasst wird, werden die Schulden und Zinszahlungen den Amerikanern irgendwann über den Kopf wachsen.

Angenommen, die Bonität der USA wird herabgesetzt – welche Folgen hätte das?
Die globalen Banken, deren Finanzierung von den als sicher eingestuften Staatsanleihen in ihren Bilanzen abhängt, könnten keine Kredite mehr vergeben. Alle Banken werden sich wie einst beim Kollaps von Lehman sofort fragen, wer alles US-Schatzpapiere im Portfolio hat. Das würde zu einer globalen Bankenkrise führen. Die Kreditklemme würde die Zinsen steigen lassen.

Das wäre schlimmer als die letzte Finanzkrise?
Auf jeden Fall. Es wäre wohl das schlimmste Finanzmarktszenario, das man sich, abgesehen von einem Meteoriteneinschlag, vorstellen kann. Wenn die USA als grösste Volkswirtschaft der Welt einen Zinsanstieg zu verkraften haben, dann ist im Rest der Welt nichts mehr sicher. Der Zinsanstieg würde Unternehmen und Konsumenten weltweit unter Druck setzen und eine weltweite Rezession auslösen.

Sind sich die streitenden US-Politiker dieser Folgen bewusst?
Ich gehe davon aus. Denn schliesslich sind das keine Amateure. Um was es geht, hat Notenbankchef Ben Bernanke an der Anhörung an diesem Mittwoch einem Politiker aus Oklahoma erklärt, der wissen wollte, wie seine Wähler betroffen wären. Bernanke hat ihm erklärt, dass die konkreten Folgen katastrophal wären, dass die Zinsen steigen würden und die Hausbesitzer noch mehr unter Druck kämen. Es betrifft jeden in den USA. Die Frage ist nur, wann die Politiker einsichtig werden und handeln. Vor den Präsidentschaftswahlen 2012 oder erst danach?

Kann die Welt so lange warten?
Ich hoffe, dass die Anhebung der Schuldenobergrenze bald kommt und wir erst Mitte des nächsten Jahres wieder darüber sprechen müssen. Durchaus realistisch könnte auch ein kleines Sparpaket sein, das zeigt, dass die USA auf dem richtigen Weg sind. So könnte der Dollar stabilisiert werden.

Ist denkbar, dass die internationale Finanzwelt die Nerven vorher verliert? Am Donnerstag hat JP-Morgan-Chef Jamie Dimon Obama vor einer Staatspleite gewarnt.
Im Moment ist das noch keine grosse Gefahr. Es könnte indessen eine werden, wenn die USA weiterhin auf einer explosiven Schuldenfahrt bleiben, was sie im Moment ja auch noch sind. Das ist eine Gefahr. Deshalb müssen die Politiker jetzt nicht nur die Schuldendecke anheben, sondern auch mit einem Sparpaket kommen und beweisen, dass sie den Staatshaushalt in den Griff bekommen.

Bernanke kündigte ein drittes Hilfspaket an. Dabei wirkten die zwei vorangegangenen doch kaum.
Die Hilfspakete wirken leider nicht so direkt, wie man das gerne hätte. Um es bildlich auszudrücken: Man kann die Pferde zur Tränke führen. Doch was ist, wenn sie nicht saufen wollen? Die Ankurbelung der Kredittätigkeit und des Konsums ist auf jeden Fall bis jetzt mager ausgefallen. Auf der anderen Seite kann man sagen, dass die Krise ohne die beiden Hilfspakete noch schlimmer ausgefallen wäre.

Werden die USA auch künftig die Weltwirtschaft anführen?
Die Vereinigten Staaten sind der grösste Konsument, ein grosser Importeur von Waren. Deshalb wird die Weltwirtschaft weiterhin von den USA angeführt. Für die Finanzmärkte ist das sehr wichtig. Aber China wächst mit 10 Prozent pro Jahr. Irgendwann wird China die Welt anführen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2011, 10:18 Uhr

Jan Amrit Poser ist Chefökonom und Leiter Research der Bank Sarasin in Zürich.

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