Bannons Sturmangriff auf die Republikanische Partei

Versumpfung statt Askese, Privilegien statt Bescheidenheit: Bannon hetzt die republikanische Wählerbasis gegen die eigenen Parteibonzen. Unterstützt werden die Revoluzzer von einem Hedgefonds-Krösus.

Moores Erfolg leite «eine Revolution» ein: Bannon unterstützt den christlichen Fundamentalisten Roy Moore an einer Wahlveranstaltung in Montgomery, Alabama.

Moores Erfolg leite «eine Revolution» ein: Bannon unterstützt den christlichen Fundamentalisten Roy Moore an einer Wahlveranstaltung in Montgomery, Alabama. Bild: Scott Olson/AFP

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Auf den ersten Blick war es eine vermeintlich miserable Woche für den Präsidenten: Im Kongress scheiterte Trumpcare einmal mehr, am Dienstag verlor der von Trump unterstützte Senatskandidat Luther Strange in Alabama die interne republikanische Vorwahl gegen den bizarren christlichen Fundamentalisten Roy Moore, und am Freitag trat Gesundheitsminister Tom Price von seinem Posten zurück.

Er werde «den Sumpf austrocknen» in Washington, hatte Trump 2016 seinen Wählern versprochen. Die luxuriösen Reisen des Gesundheitsministers in Privatjets auf Steuerzahlerkosten signalisierten hingegen, dass Team Trump selbst im Sumpf steckte. Ob das 25’000-Dollar-Telefon von Umweltschutz-Chef Scott Pruitt oder Finanzminister Steven Mnuchins Vorliebe für teuere Militärjets für teils private Ausflüge: Versumpfung statt Askese, Privilegien statt Bescheidenheit demonstrierten Trumps Mannen.

Video: Kritik an Trumps laschem Einsatz für Puerto Rico

Gegen Ende der Woche kam es dann besonders dick: Stetig schwoll die Kritik an Trumps laschem Einsatz für die von Hurrikan Maria demolierte US-Karibikinsel Puerto Rico an, weshalb sich der Präsident am Samstag genötigt sah, auf seiner Twittermaschine unterschwellig rassistisch zurückzuschlagen: Die Puertorikaner wollten, dass andere die Arbeit verrichteten, statt selber zuzupacken. Faule Latinos, suggerierten die Tweets, kontrastierten mit Trumps unermüdlichem Einsatz für die verwüstete Insel:

Die Optik mochte unschön sein, wirklich miserabel aber wäre Trumps Woche nur gewesen, wenn ihm eine funktionierende Opposition politisch zugesetzt hätte. Die Demokratische Partei ist jedoch ein stark geschrumpftes Gebilde ohne Kompass und ohne wirkliche Führung, ein politisches Jammertal, worin die inzwischen peinliche Hillary Clinton noch immer ihre Niederlage bejammert und die Schuld dafür vor allem bei anderen sucht.

Sturm auf die Bonzen

Aufregung droht Trump derzeit weniger von der impotenten Opposition, sondern vielmehr von seiner eigenen, der Republikanischen Partei. Dort geht es drunter und drüber, weil Revoluzzer mal wieder zum Sturm auf die Bonzen der Partei und deren Bastion in Washington blasen. Vorneweg bei der neuerlichen Radikalisierung der Basis marschieren Trumps Ex-Stratege Steve Bannon und dessen rechtspopulistische Agitprop-Truppe bei «Breitbart News», die Nachhut bilden Hedgefonds-Krösus Robert Mercer und seine Millionen, die den Aufstand finanzieren.

Der Sieg des schrulligen Roy Moore in Alabama zeigte an, wie weit die Erhebung gegen die republikanischen Granden gediehen ist. Moores Erfolg leite «eine Revolution» ein, tönte Bannon, während der eigens nach Alabama eingeflogene Brexit-Matador Nigel Farage vom Erfolg Moores eine «Wiederbelebung» jener Bewegung erwartete, der Trump und Brexit entsprungen waren. Trump wiederum tat so, als habe er mit der Wahl in Alabama nichts zu tun gehabt: Seine Tweets, mit denen er Moores Gegner Luther Strange, den Favoriten des Establishments, unterstützt hatte, löschte er umgehend.

Video: Bannon will weiter für Trump «Krieg führen»

Der Chefstratege Steve Bannon musste Mitte August das Weisse Haus verlassen, macht seither aber bei «Breitbart News» weiter. (Video: Tamedia)

Dass der siegreiche Jesus-Freak aus Alabama einen biblischen Gottesstaat anpeilt und dabei ideologischen Wirrwarr der Extraklasse absondert, stört Bannon nicht. Schliesslich ist Moore ein Symbol für den verstörten Zustand der republikanischen Basis. Von überkommenen republikanischen Glaubensbekenntnissen will sie nichts mehr wissen. Statt Ronald Reagans Ladenhütern aufzusitzen, ist sie nationalistisch, gegen Einwanderung und überhaupt gegen alles, was wie etwa Latinos und Afroamerikaner nicht blütenweiss daherkommt.

Ausserdem ist sie für Paranoia und fiebrige Verschwörungstheorien anfällig. Etwa die, dass Barack Obama in Kenia geboren wurde und dort Ziegen hütete. Oder dass es die US-Steuerfahndung auf Christen abgesehen hat. Oder dass der Staat drauf und dran sei, dem letzten Amerikaner die letzte Schusswaffe aus den erstarrten Fingern zu reissen.

Immerhin aber haben die Paranoiker den Schwindel einer Meritokratie durchschaut, die auf Proleten herabschaut, ihre Kinder auf Eliteuniversitäten schickt und sich auf dem Rücken des amerikanischen Rests zu perpetuieren begonnen hat. Und zusehends verwandeln sie sich in ein Trump höriges Regiment, dessen Zorn nach jeder beschämenden Pleite der Kongressrepublikaner und nach jedem Händeringen des republikanischen Establishments anschwillt.

Bilder: Der Präsident im Amt

«Sie wollen jemanden, der den Tisch umwirft», sagt Newt Gingrich, einst republikanischer Sprecher des Repräsentantenhauses und ein Vertrauter Trumps, über die republikanischen Wutbürger. Bannon will sie jetzt auf das Establishment hetzen. Bei den parteiinternen Vorwahlen im kommenden Jahr sollen Bonzen wie Senatsführer Mitch McConnell und Sprecher Paul Ryan ein blaues Wunder erleben, nachdem die Partei sich neu erfunden hat als revolutionärer Arm Bannons und natürlich Trumps.

Bedrohtes Reagan-Erbe

Geht die Rechnung auf, ist die Partei Ronald Reagans am Ende, zerstört von einem Haufen Radikaler, der womöglich unwählbar ist. Immerhin liegt Roy Moore im frommen und erzkonservativen Alabama einer neuen Umfrage zu Folge lediglich sechs Punkte vor seinem demokratischen Gegenkandidaten. Verliert er die Senatswahl in Alabama im November 2018, ginge nicht nur ein bis dahin sicherer republikanische Senatssitz flöten. Eine Niederlage Moores zeigte zudem an, dass Bannons Griff nach der Macht sogar im reaktionären amerikanischen Süden an Grenzen stiesse.

Der Präsident hat unterdessen gut lachen: Zwar ist ihm bislang herzlich wenig im Washingtoner Sumpf gelungen, seine «Revolution» dröhnt jedoch unvermindert laut, derweil die Demokraten dank veraltetem Material wie Nancy Pelosi, der Fraktionsvorsitzenden im Repräsentantenhaus, sowie möglichen Präsidentschaftskandidaten wie Oprah Winfrey und Joe Biden einen gleichermassen verschlafenen wie verzweifelten Eindruck erwecken.

Zumal Trump die Wahrheit gesagt hatte, als er im Wahlkampf 2016 behauptete, er könne einen Menschen mitten in New York erschiessen, ohne dass es ihn Wählerstimmen kostete. Denn trotz aller Pleiten, intellektueller Fehlzündungen und peinlicher Showeinlagen des Chefs ist ihm die Basis bisher treu ergeben. Sie verzeiht Trump nahezu alles, solange er gelegentlich Klartext twittert. Zum Beispiel, dass die Puertorikaner faul seien. Oder dass die respektlosen schwarzen Football-Profis, die der US-Fahne die Huldigung verweigern, «Hurensöhne» seien.

Trump beschimpft US-Sportler als «Hurensöhne» (Video: Tamedia/AFP) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2017, 15:28 Uhr

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