Aus zehn Metern todsicher ins Loch

Donald Trump hat die bislang irrste Woche seiner Präsidentschaft hingelegt. Der Nation, von rechts bis links, hängt die Kinnlade herunter.

Auftrieb hat nur die Krawatte: US-Präsident steht im Gegenwind.

Auftrieb hat nur die Krawatte: US-Präsident steht im Gegenwind. Bild: AFP

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«Das ist eine unorthodoxe Regierung», befand der republikanische Abgeordnete Peter King inmitten der bisher heftigsten Krisenwoche Donald Trumps. «Unorthodox» trifft das Problem, untertreibt aber beträchtlich. Denn Trumps Weisses Haus gleicht zusehends einem Schrottplatz, dessen Arbeiter sich in den Haaren liegen, derweil der Aufseher nicht so recht bei Sinnen scheint.

Niemals zuvor in der amerikanischen Geschichte, nicht einmal in den wilden Zeiten des Präsidenten Andrew Jackson vor beinahe zwei Jahrhunderten, bot Washington ein solch chaotisches Bild, wie es Donald Trump in diesen Tagen malt. Am Samstag schlug der Präsident mal wieder besonders eindrucksvoll zu, als er per Tweet seine Parteigenossen wegen deren blamablem Absturz bei der Abschaffung von Obamacare anging. Der sogenannte «Filibuster», ein parlamentarisches Senatsmanöver, das zur Verabschiedung von Gesetzen 60 anstatt 51 Stimmen im hundertköpfigen Senat verlangt, müsse endlich weg, wie «Narren» hätten die Republikaner ausgesehen, rotzte Trump.

Tatsächlich hatte der «Filibuster» keine Rolle bei der sensationellen republikanischen Niederlage im Senat in der Nacht vom Donnerstag auf Freitag gespielt. Eher schon von Bedeutung war die Unfähigkeit Trumps, vernünftig in die innerparteilichen Verhandlungen einzugreifen. Statt bei der Mehrheitsbeschaffung zu helfen, dealte der vermeintliche Meister des Deals sich und den Seinen eine herbe Niederlage. Trump mag Türme bauen und Apartments verkaufen, niemand aber trägt mehr Verantwortung für die Implosion von Trumpcare als er.

Loderndes Fegefeuer der Eitelkeiten

Es half nicht, dass der Präsident vor dem entscheidenden Senatsvotum die widerstrebende Senatorin Lisa Murkowski aus Alaska auf seinem geliebten Kurznachrichtendienst anmachte und Innenminister Ryan Zinke anwies, ihr mit dem Verlust von Bundesgeldern für Alaskas Strassen zu drohen: Sie widersetzte sich Trump bei der nächtlichen Blamage ebenso wie Senator John McCain. 2016 hatte ihn Trump – ein ausgewiesener Vietnam-Drückeberger - als «Verlierer» verhöhnt, weil McCain nach dem Abschuss seines Kampfjets in nordvietnamesische Gefangenschaft geraten war. In den Tagen vor der Abstimmung über Trumpcare pries der Präsident McCain als «Held», da der Senator trotz eines Gehirntumors aus Arizona angereist war.

Dabei verdeckte die Obamacare-Pleite ein loderndes Fegefeuer der Eitelkeiten, das ringsherum um Trump brannte: Sein neuer Kommunikationsdirektor Anthony Scaramucci gerierte sich als Gangster im Mario-Puzo-Stil und rastete in einem Interview mit dem «New Yorker» total aus. Trumps Stabschef Reince Priebus sei ein «paranoider Schizo», Chefstratege Steve Bannon lutsche an seinem «Schwanz», und überhaupt wolle er, Scaramucci, alle Verräter killen, die Infos aus dem Weissen Haus an die Medien weiterreichten.

Noch debattierte die Nation mit hochrotem Kopf Scaramuccis Entladung - angeblich delektierte sich der Präsident an den profanen Ausdrücken - , als Paul Ryan, der oberste Republikaner in Washington, seinem Freund Reince Priebus bescheinigte, er mache als Stabschef des Präsidenten «fantastische Arbeit im Weissen Haus» und geniesse gewiss «das Vertrauen des Präsidenten».

Ein früherer Ledernacken

«Reince» aber war längst in Ungnade gefallen: Trump sägte seinen unglücklichen Stabschef am Freitagnachmittag in Rekordzeit ab – kein Stabschef im Weissen Haus diente kürzer! - und holte sich als Priebus’ Nachfolger noch einen General ins Haus, wenngleich sein Sicherheitsberater H.R. McMaster, auch der ein General, zur Randfigur geworden ist. Der bisherige Heimatschutzminister und frühere Ledernacken-General John Kelly soll es jetzt im Weissen Haus richten und dem Tumult mit einer straffen Kommandostruktur beikommen. Ob Kelly Erfolg beschert sein wird, darf bezweifelt werden: Der Ursprung des Chaos befindet sich in Donald Trumps Kopf.

Schon zirkulierten am Samstag in Washington Gerüchte, Trump wolle seinen ungeliebten Justizminister Jeff Sessions – der Präsident machte ihn zu Beginn der Woche nieder und legte ihm den Rücktritt nahe – ins Heimatschutzministerium verpflanzen, um danach einen Justizminister zu berufen, der den lästigen Sonderermittler Robert Mueller feuern und die Russland-Untersuchung abwürgen könnte. Es war lediglich ein Gerücht, aber es zeigte an, dass an Trumps byzantinischem Hof beinahe alles vorstellbar geworden ist.

Güllengrube Washington

Wie etwa eine Anordnung per Twitter, dass Transsexuelle fortan nicht mehr in den amerikanischen Streitkräften dienen dürfen. Trump setzte das Edikt in die Welt, ohne vorher Verteidigungsminister oder Generalstab konsultiert zu haben. Da Twitter kein anerkanntes Befehlsmedium ist, stellte sich die Generalität quer: Trump solle bitteschön den normalen Dienstweg einhalten. Ausgrenzen will Trump tausende dienende Transsexuelle offensichtlich, um dem Neanderthal-Bataillon seiner Basis ein paar Streicheleinheiten zu verpassen: Man weiss nie, wozu das Bataillon gut sein könnte, falls Trumps Präsidentschaft explodiert.

Zumindest am Wochenbeginn schien es nicht mehr allzuweit bis dorthin zu sein: In einer Rede vor 40’000 Pfadfindern führte sich Trump am Montag auf, als wolle er einen Kinderkreuzzug ausrufen. Zum Entsetzen der Pfadi-Führer, die ihre Schützlinge zum «National Jamboree» in West Virginia versammelt hatten, beschimpfte Trump die Medien und nannte Washington eine «Güllengrube». «Wer zur Hölle will vor Pfadfindern über Politik sprechen?» fragte Trump – und sprach über Politik. Am Donnerstag entschuldigte sich ein Pfadi-Bürokrat sodann gegenüber den Kleinen und deren Eltern für «die politische Rhetorik, die in das Jamboree eingeflossen ist». Diversen Bonzen in Washington war unterdessen unwohl geworden: Trump sei «verrückt», flüsterte der demokratische Senator Jack Reed nach dem Ende einer Senatsanhörung am Dienstag seiner republikanischen Kollegin Susan Collins zu. «Ich mache mir Sorgen», erwiderte die Senatorin, ohne zu merken, dass die Mikrofone noch nicht abgeschaltet waren.

Klimmzüge der Ego-Masseure

«Sorgen» machen sich viele Beobachter des Trump’schen Schrottplatzes derzeit. Mit gutem Grund: Da ist Trump mit seiner grenzenlosen Selbstüberschätzung und seiner bodenlosen Unwissenheit. Da ist die Nepotismus-Fraktion um Kushner und Ivanka, die doch das Schlimmste verhüten sollte, aber nirgends zu sehen war, als der Papa die Transsexuellen aus der Armee entfernen wollte. Und da sind die Sykophanten und Wichtigtuer wie Scaramucci, die sich höher hinauf hangeln wollen, indem sie Trumps Ego massieren.

Unter ihnen gibt es solche, die sogar Trumps Kunst des Einputtens auf dem Golfplatz als Kultereignis begreifen: Nachdem Scaramucci den Präsidenten gepriesen hatte, weil er Golfbälle aus einem Meter todsicher ins Loch befördere, war später in der offiziellen Mitschrift des Weissen Hauses nicht mehr von einem Meter die Rede: Trump loche die Bälle auf zehn Meter ein! Immerhin etwas. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.07.2017, 14:19 Uhr

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