Auch in New York haben sie Angst vor dem Drogenboss

Am Montag begann der Prozess gegen Chapo Guzmán, den mutmasslichen Chef des Sinaloa-Kartells. Die Sicherheitsvorkehrungen sind riesig.

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In einem Punkt sind sich alle einig: Selten zuvor hat es in den USA einen solchen Prozess gegeben. «Das ist beispiellos», sagt der Richter Brian Cogan. Noch nie hätten sie unter derart widrigen – und illegalen – Umständen ein Verfahren vorbereiten müssen, behaupten die drei Hauptverteidiger. Beispiellos sind auch die Sicherheitsmassnahmen, wenn Joaquín Guzmán Loera alias El Chapo von seiner Zelle in Manhattan zum Gerichtsgebäude in Brooklyn gebracht wird: Eine auf mehrere gepanzerte Fahrzeuge verteilte, schwer bewaffnete Eskorte, in der Luft ein Helikopter, die Brooklyn-Bridge für den Verkehr gesperrt. Die Bevölkerung New Yorks wird während der nächsten Wochen ständig an das prozessuale Grossereignis erinnert, weil es das Verkehrschaos in ihrer Stadt noch schlimmer macht.

Am Montag setzte sich der mutmassliche Boss des Sinaloa-Kartells erstmals auf die Anklagebank, bekleidet mit einer marineblauen Jacke und einem weissen Hemd. Es ging darum, unter 800 vorselektierten Personen jene 12 Jurymitglieder und 6 Stellvertreter auszuwählen, die über den 61-jährigen Mexikaner richten werden. Den 45 ersten Befragungen habe Guzmán beigewohnt.

Ein Journalist als Maulwurf?

Auch die Sicherheitsmassnahmen im Gerichtsgebäude sind enorm. Es wird von bewaffneten Spezialeinheiten mit Hunden überwacht, vor dem Gerichtssaal haben die Behörden einen zweiten Metalldetektor installiert. Aus Angst, das Sinaloa-Kartell könnte ein als Journalisten getarntes Mitglied einschleusen, dürfen lediglich fünf sorgfältig ausgewählte Medienvertreter am Prozess teilnehmen. Die Jury wird während des ganzen Verfahrens isoliert und rund um die Uhr bewacht. Gestern haben laut der spanischen Zeitung «El País» dennoch zwei potenzielle Juroren ihre Furcht vor einem Racheakt bekundet. Darauf habe sie der Richter ebenso aussortiert wie jene Frau, die von der Netflix-Serie «Narcos» schwärmte. Die Begeisterung könne als Voreingenommenheit interpretiert werden.

Das gewaltige Sicherheitsdispositiv ist aus Sicht der amerikanischen Justizbehörden notwendig, weil es Chapo Guzmán zweimal gelungen ist, aus einem mexikanischen Hochsicherheitsgefängnis auszubrechen. 2001 floh er aus der Haftanstalt Puente Grande, angeblich versteckt in einem Wäschewagen. 2015 beauftragte er seine Leute, einen Tunnel zu bauen, der zielgenau unter der Toilette seiner Zelle im Hochsicherheitsgefängnis Altiplano endete. Experten würdigten später den 1,5 Kilometer langen Tunnel als Glanzleistung der Ingenieurskunst. Es geht auch die Angst um, das Sinaloa-Kartell könnte Attentate auf Prozessbeteiligte begehen, oder sie zumindest bedrohen.

«Ursprünglich wollte die Staatsanwaltschaft Guzmán auch wegen tausendfachen Mordes anklagen, was der Richter jedoch als zu aufwendig ablehnte.»

Zunächst hatte Mexiko ja den Stolz, seinen international bekanntesten Drogenboss selber vor Gericht zu stellen. Das Risiko einer erneuten Flucht wollte die mexikanische Regierung dann aber nicht eingehen, weshalb sie Chapo Guzmán am 19. Januar 2017 an die USA auslieferte. Zuvor mussten die Amerikaner versprechen, gegen den mutmasslichen Chef des Sinaloa-Kartells nicht die Todesstrafe zu verhängen.

Guzmán plädiert auf unschuldig

Chapo Guzmán ist wegen 11 Verbrechen angeklagt. Am schwersten wiegt der Vorwurf, Mitglied einer kriminellen Organisation zu sein. Allein dafür droht ihm lebenslängliche Haft. Ausserdem wirft ihm die Staatsanwaltschaft Geldwäscherei, den illegalen Gebrauch von Schusswaffen sowie Herstellung, Transport und Verteilung von Cannabis, Kokain, Heroin und Amphetamin vor. Ursprünglich wollte die Staatsanwaltschaft Guzmán auch wegen tausendfachen Mordes anklagen, was der Richter jedoch als zu aufwendig ablehnte. Selbst eine auf 33 mutmassliche Morde verkürzte Liste war Brian Cogan zu lang. Er wolle ein Verfahren wegen Drogenschmuggels, bei dem auch gemordet wurde, und nicht einen Prozess wegen Mordes, bei dem der Angeklagte auch Drogen schmuggelte, begründete er seinen Entscheid. Chapo Guzmán bezeichnet sich als unschuldig und verweigert bisher die Zusammenarbeit mit der US-Justiz.

Video – Ehemaligem Drogenboss El Chapo droht lebenslange Haft

Die Sicherheitsvorkehrungen beim Prozess gegen Joaquín Guzmán Loera alias El Chapo sind gewaltig. Video: Reuters

Am 13. November wird der eigentliche Prozess beginnen, mit einleitenden Erklärungen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Man geht davon aus, dass das Verfahren drei oder vier Monate dauert. Das Verteidigerteam leiten die berühmten Anwälte Eduardo Balazero, William Purpura und Jeffrey Lichtman. In Presseinterviews haben sie zu erkennen gegeben, dass sie ihre Verteidigungsstrategie auf zwei Behauptungen abstützen werden.

Erstens sei Chapo Guzmán eigentlich ein harmloser Bauer. Er sei nicht der Chef des Sinaloa-Kartells, sondern allenfalls ein einfaches Mitglied, das unter dem Druck mächtiger und brutaler Bosse gehandelt habe. Ausserdem, so die zweite Behauptung von Guzmáns Anwälten, sei der ganze Prozess illegitim, weil die Rechte des Angeklagten und der Verteidigung verletzt worden seien.

Schlaflos und immer erkältet

Tatsächlich beruht auch laut einigen mexikanischen Experten Chapos angebliche Macht über das Sianaloa-Kartell auf einem Mythos. Als meistgesuchter Mann Mexikos habe er seine Rolle als Boss schon lange nicht mehr uneingeschränkt ausüben können, der wahre Kopf der Verbrecherorganisation sei Ismael «El Mayo» Zambada. Ebenfalls aus den Bergen von Sinaloa stammend, ist Zambada trotz seiner jahrzehntelangen Karriere als Capo niemals verhaftet worden. Die Anklage dürfte auf dieses Argument der Verteidigung antworten, Guzmán habe auch dann eine lebenslange Gefängnisstrafe verdient, wenn er innerhalb des Sinaloa-Kartells nicht der Boss der Bosse, sondern lediglich ein wichtiger Anführer unter anderen gewesen sei.

Das zweite Argument der Verteidigung stützt sich auf die äusserst harten Haftbedingungen, unter denen der Mexikaner festgehalten wird: 23 Stunden Einzelhaft in einer kleinen fensterlosen Zelle, in der ständig das Licht brennt. Der Angeklagte könne nicht schlafen, sei wegen der ständig laufenden Klimaanlage fast immer erkältet, leide unter Hals- und Ohrenschmerzen. Er sei deshalb geistig womöglich ausserstande, dem Prozess zu folgen. Ausserdem beklagen die Verteidiger, es stehe ihnen bei ihren Treffen mit dem Angeklagten so wenig Platz zur Verfügung, dass sie Unterlagen und Notizen auf den Knien balancieren müssten. Und sie hätten viel zu wenig Zeit gehabt, um sich gewissenhaft auf den Prozess vorzubereiten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.11.2018, 16:31 Uhr

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