Amerikas Drogenepidemie

Noch nie gab es in den USA so viele Drogentote – und die Zahl der Süchtigen steigt unaufhörlich. Präsident Trump hat den Gesundheitsnotstand ausgerufen.

Stellvertretend für den Zustand im Nordosten der USA: Eine Heroinabhängige nimmt in Norwalk (Ohio) an einer Demonstration teil, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Bild: Getty Images

Stellvertretend für den Zustand im Nordosten der USA: Eine Heroinabhängige nimmt in Norwalk (Ohio) an einer Demonstration teil, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Bild: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Von der «grössten Gefahr für die Vereinigten Staaten» überhaupt spricht die Drogenbehörde DEA in ihrem neusten Bericht. Seit 2011 starben in den USA jährlich mehr Menschen an einer Überdosis als durch Verkehrsunfälle, Suizide oder Morde. Und das Problem verschärft sich zusehends. Dem Bericht zufolge gab es von Januar bis August dieses Jahres so viele Drogentote wie nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen. 2015 waren es schon über 52’000 – gut dreimal mehr als 1999.

Der Anstieg des Drogenkonsums ist gravierend. Für 2016 wird die Zahl der Toten auf 64’000 geschätzt. Es ist die stärkste jährliche Zunahme, die je verzeichnet wurde. Über 170 Amerikanerinnen und Amerikaner sterben demnach jeden Tag an einer Überdosis, ein Grossteil von ihnen wegen sogenannter Opioide: Heroin und künstliche Substanzen wie Fentanyl. US-Präsident Donald Trump hat am Donnerstagabend den nationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen.

Bereits im August äusserte sich Trump zur Opioid-Krise. (Video: AFP)

Fast die Hälfte der mehr als 5000 Strafverfolgungsbehörden, die Daten für den DEA-Bericht lieferten, bezeichnen Heroin als gefährlichste Droge in ihrer Region. Methamphetamin (Crystal Meth) wird mit knapp 30 Prozent am zweithäufigsten genannt. An dritter und vierter Stelle folgen verschreibungspflichtige Medikamente und Fentanyl. Kokain, das bis 2010 als grösste Bedrohung galt, ist inzwischen von anderen Drogen abgelöst worden.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Gefahr des Kokainmissbrauchs gebannt wäre – im Gegenteil. Die Zahl der Opfer des weissen Pulvers verdoppelte sich laut dem National Center for Health Statistics zwischen 2012 und 2016 auf über 10’000. Auch fast alle anderen Substanzen fordern immer mehr Tote, besonders künstliche Rauschgifte wie Fentanyl, das eigentlich als Schmerzmittel bei Narkosen sowie zur Therapie akuter und chronischer Schmerzen eingesetzt wird. Ein Drittel der 64’000 Todesfälle im vergangenen Jahr, bei denen Drogen im Spiel waren, ist darauf zurückzuführen. Und dieser Anteil dürfte in den nächsten Jahren weiter steigen. Synthetische Opioide werden immer beliebter und können im Vergleich mit anderen Substanzen schon bei kleiner Dosis zum Tod führen.

Weite Teile der USA werden von solchen Drogen überschwemmt. Die DEA spricht von einer «Epidemie», die vor allem den Nordosten des Landes erreicht hat. Die sieben Bundesstaaten, welche die höchste Todesrate wegen Drogenmissbrauch aufweisen, befinden sich allesamt in dieser Region. Am schlimmsten ist es in West Virginia, wo 41,5 von 100’000 Einwohnern an einer Überdosis sterben.

Die Drogenepidemie ist das Symptom einer dramatischen sozialen Krise. Sie wütet dort besonders heftig, wo in den vergangenen Jahren viele Industrie-Arbeitsplätze verloren gingen, wie in Neuengland und im sogenannten Rostgürtel – in Gegenden, in denen Trump bei der Präsidentschaftswahl viele Stimmen erhielt, weil er die Rückkehr dieser alten Jobs versprach.

Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner, vor allem aus der ländlichen weissen Mittelschicht, sind süchtig, zwölfjährige Kinder ebenso wie 70-jährige Rentner. Hunderttausende überleben jedes Jahr nur knapp eine Überdosis. Kritiker sehen Amerikas Ärzte als Hauptschuldige, weil diese die Bürger jahrzehntelang willkürlich mit diesen Pillen gefüttert und so erst das Heer an Abhängigen geschaffen hätten.

Nach Ansicht der DEA hat vor allem die fortwährende Präsenz der mexikanischen Kartelle zur Epidemie geführt. Aus Mexiko in die USA geschmuggelte Substanzen würden eine grosse und weiter steigende Gefahr darstellen und seien «die hauptsächliche Quelle für lokale Drogenhändler», steht im Bericht. Es sei nie wichtiger gewesen, alle Mittel gegen diese Epidemie einzusetzen. Wie das Problem genau angegangen werden soll, lässt die DEA allerdings offen.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.10.2017, 21:19 Uhr

Artikel zum Thema

Drogen sind die neue Pest der USA

Analyse Der stark gestiegene Konsum offenbart die tiefe soziale Krise des Landes. Es ist kein Zufall, dass er dort besonders hoch ist, wo viele Leute Trump gewählt haben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...