Alles Lüge, oder was?

Amerikanische Denker erforschen, ob das Land besonders anfällig für Falschnachrichten und Hochstapler ist.

Der Aufstieg Donald Trumps wäre ohne die mediale Aufmerksamkeit kaum zu denken gewesen: Zeitungsaushang in Washington nach Trumps Wahl. (9. November 2016)

Der Aufstieg Donald Trumps wäre ohne die mediale Aufmerksamkeit kaum zu denken gewesen: Zeitungsaushang in Washington nach Trumps Wahl. (9. November 2016) Bild: Michael Reynolds, EPA/Keystone

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Wenn am 4. Januar der Musical-Film «The Greatest Showman» in die deutschen Kinos kommt, kann der Zuschauer einmal mehr den amerikanischen Traum erleben. Hugh Jackman schwindelt sich darin als Zirkuspionier P.T. Barnum durch das Amerika des 19. Jahrhunderts: Mit Hilfe eines kuriosen Personenkabinetts – inklusive bärtiger Frau, Kleinwüchsigem, siamesischen Zwillinge und einer Akrobaten-Truppe – gelingt ihm nicht nur der Aufstieg; er erfindet sogar nebenbei das moderne Showbusiness.

Dieser Tage fahren allerdings selbst den US-Amerikanern solche gesungenen Verklärungen schräg ein. Zum einen verschweigt der Film, dass Barnum allerhand rassistische Primitivismus-Mythen erschuf und seine «Schausteller» brutal ausnutzte. So tingelte er mit der fast vollständig gelähmten Sklavin Joice Heath durch die Lande, um sie dem Publikum als inzwischen 161-jährige Amme George Washingtons zu präsentieren (die in Wahrheit ungefähr 80-jährige Heath musste die Tortur zwei Jahre mitmachen, bevor sie starb).

Und mit Donald Trump hat das Land nun eine Figur hervorgebracht, die es mit der Masche «unterhaltsamer Schwindler» bis ins Weisse Haus geschafft hat. Dort führt das Fehlen fast aller hilfreichen Eigenschaften ausser Unterhaltsamkeit zu einer Präsidentschaft, die den Niedergang des Landes täglich greifbarer macht.

Der Aufstieg des Kampfbegriffs «Fake-News», mit dem inzwischen Politiker und Aktivisten ihren Anhängern signalisieren können, unliebsame Standpunkte komplett zu ignorieren, hat ein Übriges dazu beigetragen, dass amerikanische Intellektuelle ein Rätsel zu lösen versuchen: Ist das Land besonders anfällig für Schwindler, Falschnachrichten und Hochstapler?

Religion und Sensationsglauben

Der Lyriker und New-Yorker-Redakteur Kevin Young hat darauf vor einigen Wochen die ausführlichste Antwort vorgelegt: Sein in den USA erschienenes Buch «Bunk: The Rise of Hoaxes, Humbug, Plagiarists, Phonies, Post-Facts, and Fake-News» ist die definitive Chronik der amerikanischen Scharlatanerie.

Wer es liest kommt zu dem Schluss: Lügenmärchen, sich das Vertrauen ihres Publikums erschleichende Con Men («Con» steht für «Confidence», Vertrauen) und rassistische Mythen sind kein amerikanisches Phänomen – die beinahe 100-jährige Geschichte des «Schachtürken»-Schwindels, Italiens Silvio Berlusconi oder die Entwicklung des Antisemitismus seien für Europa genannt. Doch in den USA nimmt der Schwindel eine aussergewöhnliche Rolle ein, die sich aus Mythensehnsucht, religiöser Prediger-Tradition und Respekt für Geschäftssinn speist.


Video – «Trumps Inaugurationsrede war ein nationalistischer Schlachtruf»

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Young legt schlüssig dar, wie sich Amerika im 19. Jahrhundert als junge Nation ohne Geschichte nach Mythen sehnte und sie nicht selten im Sensationsglauben fand, zumal wenn dieser Klischees über Schwarze oder Eingeborene bestätigte (Young: «Der Hoax ist die Muttersprache des Rassismus»).

Die Siedler- und Predigerkultur wiederum eröffnete ein breites Geschäftsfeld, das nicht nur Kirchen und Sekten, sondern eben auch Schwindler hervorbrachte. Das Klischee des Quacksalbers auf dem Wildwest-Planwagen ist das vielleicht bekannteste Mem dieser vermeintlichen Leichtgläubigkeit. Und – offenbar kein Zufall – im Westen des Bundesstaats New York haben nicht nur viele Kirchen wie der Mormonismus, sondern auch der amerikanische Spiritismus ihren Ursprung in einem vergleichsweise kleinen Radius und Zeitinterval.

Der Hoax wurde allerdings auch für die Boulevardzeitungen zum Geschäftsmodell: Die New York Sun konnte 1835 mit einer erfundenen Geschichte über die Entdeckung von Lebewesen auf dem Mond («Moon Hoax») ihre Auflage um 20'000 Exemplare steigern – ein Schlüsselmoment für die Entstehung der modernen Presse in den USA.

Zeitalter der Euphemismen

Letzteres zeigt das Konfliktfeld, das die aktuelle Debatte rund um «Fake-News», Lügen und Scharlatane aus der amerikanischen Geschichte mit sich herumschleppt. So diagnostiziert Young seit der Nixon-Ära ein «Zeitalter des Euphemismus», in dem Lüge und Schönfärberei ein fester Bestandteil der amerikanischen Kultur wurden: Von den Verharmlosungen der Napalm-Bomben auf Vietnam bis zu der falschen Realität der Kardashians, von den angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins zu neoliberalen Neusprech mit Begriffen wie «Downsizing» (gemeint: Entlassungen).

Medien spielen hier eine Doppelrolle: Neben der Aufklärer-Funktion werden sie immer wieder auch zum Transportmittel für Unwahrheiten. Erinnert sei an die unrühmliche Rolle der New York Times vor dem Irak-Krieg oder die vergangenen 25 Jahre konservativer Propaganda auf Fox News und im «Talk Radio».

Und auch der Aufstieg Donald Trumps wäre ohne die mediale Aufmerksamkeit kaum zu denken gewesen. «Ich werde alleine deshalb vier weitere Jahre bekommen, weil Zeitungen, Fernsehen und alle Formen von Medien den Bach runtergehen würden», erklärte der US-Präsident vor wenigen Tagen. «Ohne mich wären ihre Einschaltquoten im Keller.» Sein Fazit: «Sie müssen mich also gewinnen lassen.»

In einem Zeitalter der kommunikativen Vernetzung, in dem jeder seine eigene New York Sun sein kann, scheint der Weg zurück in eine gemeinsame Realität versperrt. Der amerikanische «Markt» ist wegen der 300 Millionen Menschen, der englischen Sprache und heftiger politischer Ideologisierung inzwischen auch über die Grenzen des Landes hinaus verlockend: Trolle und Falschnachrichten-Schmieden, das zeigte der US-Wahlkampf, können inzwischen auch in St. Petersburg und Mazedonien ansässig sein.

Psychologie macht keine Hoffnung

Die Psychologie von Lügen und Scharlatanerie macht dabei keine Hoffnung auf Besserung. Die amerikanischen Debatten der vergangenen zwölf Monate waren ernüchternd, denn sie zeigten, dass zwei Faktoren die Wahrheit für viele Menschen zur Glaubensfrage machen: Der verständliche Wunsch nach Bestätigung der eigenen Vorurteile und die evolutionäre Grundfunktion des Rationalismus, sich auf das Verhalten anderer Menschen einzustellen (und nicht etwas abstrakte Rätsel zu lösen oder ihre Behauptungen zu überprüfen).

Und spätestens hier zeigt sich, dass der Glaube an Falschnachrichten und Hochstapler zwar in den USA eine besonders schillernde Historie hat, aber im Kern der menschlichen Natur verankert ist. Wie wir auch in Europa lange wissen – und inzwischen wieder jeden Tag aufs Neue erfahren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.01.2018, 21:01 Uhr

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