«Das sind revolutionäre Tendenzen zur Spaltung der Ukraine»

Interview

Osteuropahistoriker Gerhard Simon sagt, nach der Eskalation der Gewalt in Kiew könne man eine Spaltung der Ukraine nicht mehr ausschliessen.

  • loading indicator
Zita Affentranger@tagesanzeiger

In Kiew wird geschossen, das westukrainische Lemberg erklärt sich für unabhängig, die Krim ruft nach Russland. Zerbricht die Ukraine?
Niemand kann diese Frage zurzeit wirklich beantworten. Klar ist, dass die Gräben zwischen Ost und West tiefer geworden sind. Schon seit Ende Januar kann man beobachten, dass sich nicht nur Galizien, sondern die ganze West- und zum Teil auch die Zentralukraine vom System Janukowitsch verabschiedet haben. Das sind revolutionäre Tendenzen zur Spaltung des Landes.

Aber im Osten und im Süden des Landes sieht es anders aus.
Ein Teil dieser russischorientierten politischen Elite verlangt eine Föderalisierung der Ukraine. Im Klartext: eine Art Spaltung. Der Osten und der Süden der Ukraine orientieren sich nach Russland und die anderen sollen machen, was sie wollen. Der grosse Unterschied besteht darin, dass diese Spaltungstendenzen im Westen eine breite Basis haben in der Bevölkerung. Die Föderationsidee im Osten hingegen wird nicht von der Bevölkerung, sondern nur von einem Teil der politischen Elite getragen. Janukowitsch selber ist dagegen, denn er würde damit einen Grossteil seiner Hebel der Macht verlieren.

Eine Umfrage hat ergeben, dass die Menschen im Osten und Süden sich keinem Staat zugehörig fühlen – weder Russland noch der Ukraine. Wo stehen sie?
Ein Grossteil dieser Menschen hat keine nationale Identität – weder russisch noch ukrainisch. Sie haben allenfalls eine lokale Identität, fühlen als Bürger des Donbas oder der Krim. Sie sind gegen den Protest auf dem Maidan, sie halten nichts von der Proeuropabewegung. Die Ostukrainer sind aber auch nicht für eine Gegenbewegung. Sie sind gar nicht mobilisiert, und vorerst wohl auch nicht mobilisierbar, sie nehmen nicht teil an der politischen Debatte. Sie sind einfach passiv. In Westeuropa wird das oft falsch gesehen. Dort heisst es: Die einen wollen nach Osten und die anderen nach Westen. Es ist nicht richtig, den Ostukrainern zu unterstellen, sie wollten sich Moskau anschliessen.

Woher kommt diese extreme Zweiteilung?
Das hat historische Ursachen. Die Regionen im Osten und im Süden der Ukraine haben nie zu einem Staat europäischen Zuschnitts gehört. Sie waren immer Teil des russischen Imperiums, später der Sowjetunion. Westliche Territorien der Ukraine hingegen gehörten lange Zeit zu Polen-Litauen, später zur Donaumonarchie, dann zur polnischen Republik. Diese Regionen hatten zumindest teilweise ein offenes Fenster zum Westen. Am stärksten ausgeprägt ist dies natürlich in Galizien. Die Ostukraine wurde grossteils erst im 18. Jahrhundert besiedelt, früher war da nur die wilde Steppe. Nach der Industrialisierung wurden dort auch russische Bauern und Arbeiter angesiedelt. Die Region hat damit einen ganz anderen historischen Hintergrund. Das macht sich bis heute bemerkbar.

Worin?
In der Sprache, aber vor allem in der Mentalität. Im Westen gehen die Menschen heute geradezu verzweifelt auf die Strasse und sind bereit, für ihre politische Zukunft sehr viel aufzugeben und zu riskieren. Im Osten herrscht die sowjetisch geprägte Mentalität vor: Man kann sich doch nicht gegen den Präsidenten stellen, wir haben Janukowitsch doch selbst gewählt. Diese Obrigkeitsgläubigkeit ist sehr stark verankert. Deshalb ist dieses Gebiet leicht zu regieren. Die Menschen dort lassen sich von der Janukowitsch-Partei, die eigentlich eine Millionärsclique zur Bewahrung der Macht und zum Geldverdienen ist, willenlos führen.

Hat man je ernsthaft versucht, den Osten und den Süden für eine vereinte Ukraine zu gewinnen?
Keine Partei und keine Regierung hat sich die letzten 20 Jahre darum bemüht, die jeweils andere Seite einzubeziehen, Gräben zu überwinden oder Brücken zu bauen. Die Folgen davon sehen wir jetzt. Dieser Vorwurf gilt sowohl für die heutige Regierung Janukowitsch als auch für die orange Regierung unter Präsident Juschtschenko. Sobald sie die Macht in Kiew hatten, haben sie nur noch versucht, den eigenen Einfluss zu vergrössern.

Warum ist das Abkommen mit der EU so wichtig, dass es einen Volksaufstand ausgelöst hat?
Das Abkommen ist ein Symbol. Dahinter steht viel mehr. In der Ukraine gibt es den Mythos Europa. Das bedeutet für die Menschen eine bessere Ukraine, eine offenere Ukraine, ein demokratisches Land, Rechtsstaat, Kampf gegen die Korruption, Ablehnung des Clansystems, das heute herrscht. Dabei ist es unwichtig, dass da manche Illusionen mitspielen. Wir haben diesen Mythos vor 20 Jahren schon mal gesehen: in Polen und den Baltischen Staaten. Und das ist ja sehr erfolgreich zum Abschluss gekommen. Gerade die polnische Erfahrung ist für die Ukrainer sehr wichtig. Viele kennen Polen, die Leute im Westen können polnisch sprechen, sehen polnisches Fernsehen. Das ist wie eine Fata Morgana, der man entgegenstrebt. Natürlich ist die Ukraine nicht Polen. Aber vielleicht ist sie ein Land, das sich auf den polnischen Weg begeben kann. Natürlich ist dieser Weg lang, aber wenn die Ukrainer nicht losgehen, wenn sie einfach so weitermachen, wenn sie Janukowitsch gewähren lassen, werden sie nie aus dem Schlamassel rauskommen.

Momentan scheinen die Aussichten düster. Welche Perspektiven hat die Ukraine für die Zukunft?
Die eine Möglichkeit ist, dass Janukowitsch sich durchsetzt. Das bedeutet weiteres Blutvergiessen, Ausnahmezustand, Repression im ganzen Land mit Tausenden von politischen Gefangenen. Die andere Möglichkeit ist, dass ein demokratischer Neuanfang gefunden wird: Neuwahlen, Rücktritt Janukowitschs und ein neues Parlament. Dazwischen gibt es nichts. Deshalb müssen die Europäer versuchen, diesen völlig halsstarrigen, und ich habe den Eindruck inzwischen auch geistig nicht mehr ganz präsenten Präsidenten irgendwie zu bewegen. Sollte es nicht gelingen, die Ukraine auf einen demokratischen Weg zu bringen, ist ein neuer Maidan nur eine Frage Zeit. Die Ukrainer werden sich nicht wie die Schafe weiter von einer Präsidialdiktatur in die Zukunft führen lassen.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt