Aufsichtsbehörde bremst Raiffeisen bei Billighypotheken aus

Die Bank wollte Hypotheken leichter verfügbar machen. Nun wurde sie von der Finma gestoppt. Das finden sogar die Hauseigentümer gut.

Eigenhaus für den Mittelstand: Die Raiffeisen wollte auch Menschen mit tieferen Einkommen Immobilienkredite gewähren. Bild: Urs Jaudas

Eigenhaus für den Mittelstand: Die Raiffeisen wollte auch Menschen mit tieferen Einkommen Immobilienkredite gewähren. Bild: Urs Jaudas

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Die Vorbereitungen für das neue Hypothekenangebot waren weit fortgeschritten. Im letzten Herbst hatte die Raiffeisen bekannt gegeben, dass sie die Tragbarkeitsrichtlinien für die Vergabe von Hypotheken lockern und den kalkulatorischen Zinssatz von 5 Prozent für gewisse Kunden senken will. Immobilienkredite wären damit für Menschen mit tieferen Einkommen einfacher erhältlich geworden. Die Raiffeisen strich dabei insbesondere Familien hervor.

Man sei bereit gewesen, bestätigte nun Raiffeisen-Chef Patrik Gisel in einem Interview mit der Zeitung «Schweiz am Sonntag». Man habe das neue Produkt «eigentlich lancieren und in der Öffentlichkeit bekannt machen» wollen, so Gisel. Doch aus der grossen Marketingoffensive für die neuen Hypotheken wird vorerst nichts. Der Grund: Die Finanzmarktaufsicht Finma hat bei der Raiffeisen interveniert.

Die Aufsichtsbehörde unter ihrem Chef Mark Branson bewerte die Risiken «anders als wir», sagt Gisel dem Blatt. «Sie hatte Bedenken, dass wir eine Spirale in Gang setzen.» Hätte Raiffeisen für die neuen Tragbarkeitsregeln geworben, so die Sorge der Finma, hätte das nicht nur die Konkurrenten beeinflussen, sondern auch den Hypothekarmarkt anheizen und die Preise erhöhen können. Das hätte in einer Blase enden können. Der ursprüngliche Plan wird laut dem Chef der Bankengruppe, die hierzulande 3,7 Millionen Kunden zählt und Hypotheken für 162 Milliarden Franken herausgegeben hat, darum nicht umgesetzt.

«Nicht auf diese Art und Weise»

Die Intervention der Finma sei «absolut richtig», sagt SP-Nationalrätin Jacqueline Badran. «Sobald die Vergabekriterien für Hypotheken gelockert werden, steigen sofort die Immobilienpreise.» Gerade den Familien hätte das Raiffeisen-Angebot laut Badran deshalb nichts gebracht, weil sie dann erst recht vom Markt ausgeschlossen worden wären. «Ausserdem gehören die Schweizer Haushalte schon jetzt zu den am höchsten verschuldeten weltweit. Die makroökonomischen Risiken würden mit solchen Angeboten noch weiter steigen.»

Der Hausverein Schweiz fände es laut Präsidentin Hildegard Fässler «einerseits begrüssenswert, wenn mehr Familien in den eigenen vier Wänden leben könnten». Andererseits dürfe aber die Aussicht auf Wohneigentum nicht dazu führen, ein erhöhtes Risiko einzugehen. «Gerade wenn junge Familien wegen einer zunächst vermeintlich günstigen Hypothek plötzlich am finanziellen Limit laufen müssten, wäre das gesellschaftlich unverantwortlich», sagt Fässler. Und: «Selbst wenn die Raiffeisenbank eine gute Absicht hegt – ob allfällige Nachahmerinstitute genügend Verantwortung zeigen, ist fraglich.»

Auch Hans Egloff vom Hauseigentümerverband findet es richtig, dass die Raiffeisen von der Finma gestoppt wurde. «Ich bin an vorderster Front dabei, wenn es darum geht, den Menschen Wohneigentum zu ermöglichen – aber nicht auf diese Art und Weise», sagt der Präsident. Natürlich scheine ein kalkulatorischer Zinssatz von 5 Prozent im aktuellen Umfeld hoch. «Aber die Tragbarkeitsrechnung muss mittel- und langfristig gedacht werden. Ich befürworte deshalb die aktuelle Methode.» Gerade Familien, die sich mit einer tieferen Hürde Wohneigentum leisten könnten, kämen in Not, sobald die Zinsen stiegen.

Suche nach einem Ausweg

Die Finma hat also ein Machtwort gesprochen in einer Debatte, die in den letzten Monaten die ganze Branche bewegte. Konkurrenten wie die UBS, die Credit Suisse oder die Zürcher Kantonalbank warnten eindringlich davor, die Regeln bei der Hypothekarvergabe zu lockern. Auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) schaltete sich ein. Sollte der kalkulatorische Zins für die Berechnung der Tragbarkeit gesenkt werden, könnte das zu einer «Zunahme der Dynamik am Hypothekar- und Immobilienmarkt führen», sagte Vizepräsident Fritz Zurbrügg im Dezember. Und warnte dann indirekt: Die Nationalbank könnte die Eigenkapitalanforderungen für Banken verschärfen, sollten diese zu hohe Risiken eingehen.

Ganz begraben will Raiffeisen-Chef Gisel die Idee von leichter zugänglichen Hypotheken allerdings nicht. Die Bank suche nach neuen Wegen, «bei denen nicht immer von dieser Tragbarkeit» gesprochen werde. «Wir könnten zum Beispiel über regulatorisch vorgesehene Ausnahmen Hypotheken speziell für junge Familien anbieten.»

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