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TV-Kritik «Tatort»Aufgebügelte Konflikte

Die aktuelle Wiener Folge «Krank» bot Spannung, Humor – und sehr viele Themen. Zu viele.

Nein, mit dieser Medizin heilt der Vater seine Tochter nicht.
Nein, mit dieser Medizin heilt der Vater seine Tochter nicht.
Foto: Anjeza Cikopano (SRF)

Man muss ein paar Mal laut lachen bei diesem Wiener Tatort, manchmal ist das vom Drehbuch beabsichtigt und andere Male eher nicht. Dabei ist die Rahmenhandlung von «Krank» nicht lustig; ein Mann wird auf offener Strasse vor dem Gericht erschossen, es stellt sich heraus, dass ebendieser Mann kurz vorher einen Freispruch vor Gericht erhielt. Der Vater einer Tochter war ein Gegner der Schulmedizin und hat sein krankes Kind mit alternativen Heilmethoden behandelt.

Da haben wir dann auch schon das polarisierende Thema, das im Zentrum von «Krank» steht und das über dieses Drehbuch gestülpt wurde, weil wohl ein polarisierendes Thema nötig war. Die überzeugten Alternativmediziner, denen die Ermittler Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) dann im Laufe der Ermittlungen begegnen, tragen vorzugsweise kragenlose Hemden und sanfte Farben. Sie treffen sich in von Architekten entworfenen Häusern mit verschiebbaren Wänden und geben Pressekonferenzen, die aussehen wie frisch von der Star-Trek-Brücke. Ach so, und dazwischen irrt noch eine kolumbianische Guerillera umher, die Mutter des toten Kindes; weil wenn man schon ein Drehbuch hat, warum dann nicht alles rein da?

Am schönsten Sind die Szenen, in denen Fellner und Eisner miteinander allein sind.

Trotzdem hat dieser Tatort einiges an Spannung und durchaus feinsinnigen Humor zu bieten. Denn wo Regisseur und Drehbuchautor Rupert Henning an einigen Stellen (es ist sein dritter Wiener Tatort) überkonstruiert, widmet er den Auftritten der Beamten wie den Dialogen mit dem Gerichtsmediziner sehr viel Liebe. Am schönsten und authentischsten sind die Szenen, in denen Fellner und Eisner miteinander allein sind, beim Essen während der Nachtschicht, in der Kirche, oder unterwegs im Auto zum «Korinthenkacker»-Kollegen vom Verfassungsschutz Gerold Schubert (herrlich gespielt von Dominik Warta) – der dann aber selbst sagt, er habe «umgsattelt auf Klugscheisser».

Klugscheisser-Schubert macht es dann auch zwischendurch sehr spannend, wenn er etwa die Ermittler nicht zum Tatort lässt und sie genauso bangen müssen wie die Zuschauer. Und dann geht dieser Film natürlich mit einer Bombe los, von der man sich den ganzen Film über fragt, wie und ob sie noch irgendwie entschärft werden kann – eine kluge und die Spannung rettende Idee.

Insgesamt wäre es aber wohl sehr viel einfacher gewesen, diesen Tatort zu mögen, wenn man an aufgebügelten Konflikten gespart und den Film auf einen einzigen Mord (und maximal noch auf Eisners Hexenschuss) konzentriert hätte. So sehnt man sich nach einem Neunzigminüter, in dem nur Fellner und Eisner auftreten und miteinander quatschen.

31 Kommentare
    Markus Roth

    Ich bringe bei der Tatort-Rezension selten wirklich negative Kritik an, aber bei diesem chaotischen Krimi mache ich eine Ausnahmen. Es gab während 90 Minuten soviele Wendungen und Sichtwechsel wie in einer ganzen Staffel 24, eine Protagonistenflut, mit der Shakespeare ein 4-stündiges Drama hätte inszenieren können und Dialoge, welche so plakativ aufgesetzt wirkten, dass einem manchmal das Fremdschämen im Halse stecken blieb und was hat das mit dem Professor in seinem Forscherinnenharem denn sein sollen?

    Eine Verschwendung wirklich guter Schauspieler, welche sich sichtlich Mühe gaben, sich mit den aufgesetzten Dialogen nicht zu verhaspeln oder diese noch mehr oder weniger ernst rüberzubringen.

    Weniger wäre da einigers mehr gewesen, schade. Auch der bei diesem Team ansonsten doch überzeugende trockene Wiener Humor ist da im Drehbuch stecken geblieben, da tut einem danach nicht nur der Rücken weh.