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Auf der Suche nach Lebenszeichen

Wird das Viererfeld zu einer Schlafsiedlung? In das Bauprojekt involvierte Personen versuchten diese Behauptung am gestrigen «‹Bund‹ im Gespräch» zu entkräften.

Immer wieder wurde Brünnen erwähnt. Ein Ort in Berns Westen, weder Stadtquartier noch Vorstadt, dem gerne fehlende Urbanität attestiert wird. Wie ein Schreckgespenst der stadtplanerischer Fehlerhaftigkeit schwebte Brünnen über dem gestrigen «‹Bund› im Gespräch». Und immer wieder wurde versucht, es mit Versprechen zu verjagen, dass beim Bauprojekt im Vierer- und Mittelfeld alles anders wird.

Während rund 90 Minuten haben die Podiumsgäste keine Bemühungen gescheut, um der Überbauung hohe Chancen auf einen Ort der Lebendigkeit zuzuschreiben. Da war Berns Stadtplaner Mark Werren, der oft und gerne von Vielfältigkeit sprach. Diese werde verhindern, dass das künftige Quartier zur «anonymen Nachbarschaft» werde. Oder Joëlle Zimmerli, Expertin für Stadt- und Regionalentwicklung und Mitglied der Jury, die über die Vergabe des Projekts entschied. Sie ist sich sicher, dass der im Projekt vorgesehene Park Menschen aus ganz Bern anziehen wird. Und dann war da auch Priska Ammann, Vertreterin des Projekts, das den Zuschlag bekommen hat. Sie stellt dem Stadtteil in spe ein «quirliges Leben» durch Läden und Büros in Aussicht.

Isoliertes Quartier?

Die Begrifflichkeit der Belebung gab aber zu reden. Laut Zimmerli werde diese oft missinterpretiert. «Nicht nur eine Strasse, auf der tausend Menschen auf- und abgehen, bedeutet Belebung.» Um dies zu erreichen, brauche es auch Aufenthaltsqualität, zum Beispiel ruhige Wohnstrassen. «Es geht nicht darum, dass in jeder Seitenstrasse durchgehend Rambazamba herrscht.»

«Es wäre eigenartig, wenn es keine Kritik geben würde»

Mark Werren, Stadtplaner der Stadt Bern

Bei aller Fachkundigkeit wollte es den Podiumsgästen jedoch nicht gelingen, projektkritische Stimmen aus dem Publikum zu überzeugen. Als dieses die Möglichkeit hatte, Fragen zu stellen, meldete sich eine Frau mit grossen Zweifeln. Sie zeigte sich sehr skeptisch, ob die Überbauung mit bloss einer Hauptstrasse Urbanität erzeugen könne. Ihr fehle am Areal nicht nur Grösse, sondern auch Vernetzung. «Trotz allen Bemühungen wird es ein isoliertes Quartier sein», prophezeit sie. Ammann nahm sich der Frau an und gab ihr teilweise recht. «Vieles, was Sie sagen, stimmt.» Dann setzte sie zum Konter an. Denn fehlendes städtisches Lebensgefühl wollte sie nicht als Argument gelten lassen. «Dabei stellt man sich immer grosse Innenstädte wie in Barcelona oder Zürich vor.» So etwas sei auf der verfügbaren Fläche nicht möglich. «Wir bauen hier ein Quartier. Und eine Stadt besteht eben aus Quartieren.»

Kritik nicht überraschend

Das Bauvorhaben ist auf Unterstützung der Bevölkerung angewiesen. Denn es wird sich mit mehreren Urnengängen konfrontiert sehen. Das könnte ihm gefährlich werden, denn ihm stehen nach wie vor «Fundamentalkritiker» gegenüber, wie es Gesprächsleiter und «Bund»-Redaktor Bernhard Ott ausdrückte.

Stadtplaner Werren geht damit gelassen um. «Es wäre eigenartig, wenn es keine Kritik geben würde.» Das komme dem Projekt schlussendlich nur zugute. «Reibung ist ein wichtiger Teil des Entstehungsprozesses.» Dabei sei es manchmal auch wichtig, zurückzukrebsen. «Ich bin aber davon überzeugt, dass die Stadt genug gute Argumente vorbringen wird, um die Öffentlichkeit vom Projekt überzeugen zu können.»

Wo kommt Brücke hin?

Dann wurde der Fokus auf die ferne Zukunft gelegt. Mit Blick auf eine allfällige Verkehrsbrücke zwischen Länggasse und Lorraine wollte Ott wissen, wie ausbaufähig das geplante Quartier sei. «Sehr ausbaufähig», antwortete Ammann. «Die Wohngassen könnten einfach verlängert werden.» Momentan sei das aber kein Thema. So werde beispielsweise der Stadtteil-Park über mehrere Jahrzehnte nicht von seiner jetzigen geplanten Form abweichen. Für eine allfällige Brücke seien zudem gleich mehrere sinnvolle Andockstellen geprüft worden. «Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt ja noch nicht, wo sie gebaut werden wird.»

«Mentale Bauern»

Mit der Viererfeld-Mittelfeld-Überbauung wird Bern um ein Quartier reicher. Doch woher kommt das steigende Bedürfnis, wieder in der Stadt zu wohnen? Ist der Traum vom Haus im Grünen ausgeträumt, wollte Ott von den Gästen wissen. Diese waren sich einig, dass es mit der Steigerung städtischer Lebensqualität zu tun habe. Als Paradebeispiel wurde die Verkehrssituation angeführt. «Die Luft ist durch Abgasfilter viel besser geworden», so Ammann. «Es stinkt weniger als in den 70er-Jahren.» Zimmerli fügte an, dass es auch die typischen Städter gebe, zu der sie sich auch zähle. «Ich bin eher auf der Suche nach Beton als nach Grünem.» Schlussendlich sei die Schweiz aber kein typisches Stadt-Land. «Wir sind Agglomeration. Vielfach sind wir immer noch mentale Bauern.»

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