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Corona weltweitAuch in Italien gibt es jetzt lokale Corona-Ausbrüche

In Neapel muss die Armee einschreiten, in Grossbritannien werden sämtliche Abstandsregeln ignoriert. Besonders schlimm ist die Lage in Lateinamerika und mehreren US-Bundesstaaten.

Im süditalienischen Badeort Mondragone gilt eine lokale Quarantäne: Eine Frau übergibt einem Einwohner Nahrungsmittel.
Im süditalienischen Badeort Mondragone gilt eine lokale Quarantäne: Eine Frau übergibt einem Einwohner Nahrungsmittel.
Foto: Ciro de Luca (Reuters)

Grossbritannien

War da was? Zahlreiche Briten geniessen die heissen Temperaturen am Strand des Badeortes Bournemouth – trotz Corona.
War da was? Zahlreiche Briten geniessen die heissen Temperaturen am Strand des Badeortes Bournemouth – trotz Corona.
Foto: Finnbarr Webster (Getty) 

Am Dienstag hatte Boris Johnson das «Ende des nationalen Winterschlafs» versprochen und die Öffnung von Pubs, Hotels und Friseuren, Kinos und Touristenattraktionen angekündigt – sowie die Abkehr von der 2-Meter-Abstandregel. Er hatte auch erwähnt, dass das alles erst ab dem 4. Juli gelten soll, aber das hörten viele Briten schon nicht mehr. Mitte der Woche schnellten die Temperaturen auf 30 Grad – und die Nation fuhr zum Strand. Die Folge: überforderte Behörden, der Ausnahmezustand rund um den Badeort Bournemouth, kilometerlange Staus, bespuckte Parkwächter, verletzte Polizisten, durch wilde Camper verunreinigte Strände, zugeparkte Feuerwehrzufahrten. Von Abstandsregeln keine Spur; am Strand hockte das Volk dicht an dicht, und nicht nur da.

Damit sich das Chaos nicht wiederholt, droht der Gesundheitsminister mit lokalen Sperrungen. Die Empörung vieler Landsleute ist ihm gewiss. Überall im Land starteten derweil Strassenfeste, die Liverpool-Fans feierten den Sieg in der Premier League. Die gute Nachricht: Das Wetter kippt gerade, die heissen Tage und Nächte sind vorerst vorbei. Die schlechte Nachricht: Polizei und Regierung fürchten sich vor dem Wochenende vom 4./5. Juli. Das Ende des «nationalen Winterschlafs» könnte in ein nationales Besäufnis ausarten. Barbetreiber sind gehalten, alles für die Sicherheit ihrer Kunden zu tun und ihre Adressen zu registrieren. Das könnte schiefgehen.

Italien

In Mondragone, einem Küstenort bei Neapel, sorgt jetzt die Armee für Ordnung, und das ist offenbar dringend nötig. Vor einigen Tagen verhängte die Regionalbehörde eine «Zona rossa» über ein Stadtviertel, das vor allem von bulgarischen Feldarbeitern bewohnt wird. Mindestens 49 der ungefähr 800 Bulgaren hatten sich mit Corona infiziert – ein Herd. Und da die Menschen auf engstem Raum in heruntergekommenen Wohnsilos leben, war die Sorge gross, der Herd könnte ohne Zwangsquarantäne schnell ausser Kontrolle geraten.

Doch nach vier Tagen Isolation brachen die Bulgaren zu Dutzenden die Vorschriften und gingen mit ihrem Unmut auf die Strasse, Schutzmasken trugen sie keine. Ohne die paar Euro, die ihnen ihre Sklaventreiber auf den Tomatenfeldern schwarz bezahlen, fehle das Nötigste, sagten sie, Geld für Essen oder Windeln. Ihr Protest trieb italienische Bewohner auf die Strasse – gegen die Tagelöhner, die noch nie gut gelitten waren im Ort. Die extreme Rechte mobilisierte, es kam zu Ausschreitungen und rassistischen Chören. Das Innenministerium schickte fünfzig Soldaten und siebzig Polizisten, damit Ruhe einkehrt und um die Sicherheitszone durchzusetzen.

Auch in Bologna wurde ein Herd entdeckt, dort traf es das Logistikzentrum einer grossen Speditionsfirma mit bisher 64 Infizierten. Hunderte wurden in Quarantäne geschickt. Abgesehen von diesen punktuellen Fällen scheint Italien die Lage einigermassen im Griff zu haben. Zwar kommen noch jeden Tag einige Hundert Neuinfektionen hinzu, doch insgesamt scheint der Trend zu stimmen.

USA

Lockerte die Schutzmassnahmen sehr früh – zu früh?
Lockerte die Schutzmassnahmen sehr früh – zu früh?
Foto: Carlos Barria (Reuters) 

Anfang Mai hatte der Gouverneur von Texas, der Republikaner Greg Abbott, als einer der ersten die Schutzmassnahmen gelockert und versichert, das Virus sei weitgehend unter Kontrolle – nun gehen die Infektionszahlen rasant wieder rauf. Laut der «New York Times» gab es in Texas bislang mehr als 130’000 Fälle und über 2300 Tote, allein am Mittwoch wurden 6200 neue Infektionen gemeldet. Auch die Hospitalisierungsrate sei auf einem Allzeithoch, sagte Abbott; in einigen Spitälern könnten bald die Intensivbetten ausgehen. Damit gehört Texas zu den am meisten betroffenen Bundesstaaten der ohnehin schon vom Virus stark befallenen USA.

Der Immunologe Anthony Fauci bezeichnete die Entwicklung mit Blick auf Texas als «beunruhigend», Gleiches gelte für Florida und Arizona. Greg Abbott sah sich mittlerweile dazu gezwungen, die Notbremse zu ziehen: Am Donnerstag gab er bekannt, die Pläne zu weiteren Öffnungen vorerst zu stoppen, schon Tage davor hatte er die Bürger aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Bisherige Lockerungen werden aber nicht rückgängig gemacht, Geschäfte und Restaurants bleiben mit reduziertem Betrieb offen.

Schweden

«Eine völlige Fehleinschätzung»: Dass die WHO Schweden als Risikoland kritisiert, passt dem Staatsepidemiologen Anders Tegnell gar nicht.
«Eine völlige Fehleinschätzung»: Dass die WHO Schweden als Risikoland kritisiert, passt dem Staatsepidemiologen Anders Tegnell gar nicht.
Foto: Reuters 

Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell hat am Freitag die Weltgesundheitsorganisation WHO scharf kritisiert. Die Einstufung Schwedens als besonderes Risikoland nannte er «eine völlige Fehleinschätzung». Die WHO hatte am Donnerstag elf Länder benannt, in denen die Verbreitung des Virus deutlich zugenommen habe und deren Gesundheitssysteme im Herbst an ihre Grenzen stossen könnten. Schweden findet sich auf der Liste neben Ländern wie Moldau, Nordmazedonien, Aserbeidschan.

Laut Tegnell habe die WHO nicht verstanden, dass die gemeldeten Infektionen in Schweden zuletzt nur deshalb stark angestiegen seien, weil man die Tests gesteigert habe. Wichtiger seien aber andere Parameter, etwa die der Zahl der Todesfälle oder die Einweisungen auf Intensivstationen, und da verzeichnete das Land zuletzt Rückgänge. Schweden reagierte auf die Pandemie mit lockereren Massnahmen als andere Staaten und hatte gemessen an der Einwohnerzahl um vielfach höhere Infektions- und Todeszahlen als die Nachbarländer. Die Behörden verzeichnen jedoch als Erfolg, dass ihre Intensivstationen nie überbelegt waren.

Lateinamerika

Eine Argentinierin und ihr Ehemann, beide positiv getestet, in einem Spital in Buenos Aires.
Eine Argentinierin und ihr Ehemann, beide positiv getestet, in einem Spital in Buenos Aires.
Foto: Reuters 

In Lateinamerika verzeichneten mehrere Länder diese Woche den 100. Tag in Quarantäne. Dennoch aber steigen die Neuinfektionen in nahezu allen Staaten der Region weiterhin stark an. Obwohl Argentinien etwa bereits Mitte März strenge Lockdowns verhängt hatte, hat sich die Zahl der Infizierten in den letzten Wochen verdreifacht. Nun hat die Regierung angekündigt, selbst zaghafte Lockerungen wieder rückgängig zu machen. So soll zum Beispiel das Joggen, das zwischen 20 Uhr und 8 Uhr morgens erlaubt war, wieder verboten werden. Dazu wird der öffentliche Nahverkehr weiter eingeschränkt.

Auch Chile hat zuletzt Massnahmen massiv verschärft. Das Land hat auf die Bevölkerung gerechnet eine der höchsten Infektionsraten der Welt. Fast ebenso schwer getroffen ist Peru. Hier sind vor allem die staatlichen Spitäler überlastet. Präsident Martín Vizcarra drohte damit, private Hospitäler verstaatlichen zu wollen, sollten sie nicht kooperieren. Brasilien hat unterdessen die Marke von 55’000 Toten durch das Coronavirus überschritten. Dazu verzeichnet das Land mehr als eine Million Infektionen. Experten gehen davon aus, dass Lateinamerikas grösste Nation Ende Juli die USA in der Fallzahlenstatistik überholen könnte. Nirgendwo sonst gäbe es dann mehr Menschen, die sich mit dem neuartigen Virus infiziert haben.

Südafrika

«Viele haben nicht geglaubt, dass wir in wenigen Wochen ein Feldlazarett aufbauen können», sagte Südafrikas Gesundheitsminister Zweli Mkhize am Dienstag. Er stand vor einem riesigen Volkswagen-Logo in einer Halle in Port Elizabeth. Auf den ersten Blick sah es so aus, als würde er eine Automobilfabrik einweihen, letztlich eröffnete Mkhize eine alte Fabrikhalle des VW-Konzerns, die nun «Dr Elizabeth Mamisa Chabula-Nxiweni-Spital» heisst und derzeit 1500 Covid-19-Patienten Platz bieten soll.

Es eröffnet zu einer Zeit, da die Fälle in Südafrika dramatisch steigen; am Donnerstag waren es 6579 neue Infektionen, was das Land weltweit an die fünfte Stelle mit den meisten Neuinfektionen brachte. Und das, obwohl die Politik vieles richtig gemacht, früh einen strikten Lockdown verhängte und seitdem die medizinische Infrastruktur verbessert hat. Denn die Welle würde kommen, da waren sich alle sicher. Jetzt ist sie da und zumindest das neue Spital fertig.