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Grenzkonflikt zwischen China und IndienAtommächte liefern sich tödliche Scharmützel

Delhi und Peking beanspruchen die strategisch wichtige Region Ladakh im Himalaja für sich. Nun ist der Konflikt eskaliert.

Machtdemonstration im Grenzgebiet: Panzer der indischen Armee verschieben sich in der Nähe von Ladakh.
Machtdemonstration im Grenzgebiet: Panzer der indischen Armee verschieben sich in der Nähe von Ladakh.
Bild: Karel Picha (CTK Photo)

Erstmals seit 45 Jahren sollen an der indisch-chinesischen Grenze wieder Soldaten gestorben sein. Der tödliche Zwischenfall wäre eine weitere Eskalation im umstrittenen Grenzgebiet von Ladakh im westlichen Himalaja. Dort gibt es keine demarkierte Grenze zwischen den beiden asiatischen Atommächten.

Indische Armee in Alarmbereitschaft

Seit Mitte April beobachtet die indische Armee in dem umstrittenen Grenzgebiet chinesische Truppenbewegungen. Indische Medien berichteten unter Berufung auf Quellen im Militär, dass Pekings Truppen Geländegewinne von bis zu 60 Quadratkilometern erzielt hätten, China beharrt darauf, nur seine Souveränität im Himalaja zu schützen. Anfang Mai kam es bei Zusammenstössen zu schweren Handgreiflichkeiten, aber Schüsse waren damals angeblich nicht gefallen.

Seit Juni gibt es Gespräche zwischen Vertretern der Streitkräfte beider Seiten, bis zum Wochenende waren aus Peking wie aus Delhi eher positive Signale zum bisherigen Verlauf durchgedrungen; es sah so aus, als könnte ein Rückzug beider Seiten auf den Status quo vor den Prügeleien stattfinden, China sprach gar von einem «Konsens» über die weiteren Schritte

«Nach diesem Vorfall wird Chinas Verhältnis zu Indien nie mehr so sein wie vorher.»

Brahma Chellaney, Experte für strategische Studien am Centre for Policy Research, Delhi

Doch all dies steht nun nach dem gewaltsamen Zusammenstoss im Galwan Valley wieder infrage. Wie das indische Militär in einer Erklärung am frühen Dienstagnachmittag mitteilte, habe es Opfer auf beiden Seiten gegeben, weitere Details wurden zunächst nicht bekannt. Brahma Chellaney, Experte für strategische Studien am Centre for Policy Research in Delhi, sprach im indischen Fernsehen aber von einem Wendepunkt in den Beziehungen. «Nach diesem Vorfall wird Chinas Verhältnis zu Indien nie mehr so sein wie vorher.»

Grosses gegenseitiges Misstrauen

Das klang düster, denn schon jetzt herrscht grosses gegenseitiges Misstrauen. In bisherigen Abkommen sichern sich die beiden Seiten zu, Streitigkeiten entlang der Grenze mit friedlichen Mitteln zu lösen. Immer wieder haben sich die beiden Grossmächte vorgeworfen, die jeweils andere Seite durch angeblich unzulässige Patrouillen und Übertritte der umstrittenen Grenzlinie zu provozieren. Unklar ist bisher, wie die Soldaten starben, lokale Quellen sprachen davon, dass die Männer totgeprügelt wurden, doch die indische Armee bestätigte dies zunächst nicht; sie versicherte allerdings, dass auch Montagnacht, wie in all den Jahrzehnten zuvor, keine Schüsse gefallen seien.

In Peking wurde Indien am Dienstag als Aggressor bezichtigt. In einer Pressekonferenz des Aussenministeriums sagte ein Sprecher zwar, keine Informationen über Todesopfer vorliegen zu haben. Er sprach aber davon, dass Indiens Streitkräfte am 15. Juni den Konsens, also die zuvor gemeinsam getroffenen Zugeständnisse, zwischen beiden Seiten «ernsthaft verletzt» hätten. Indische Soldaten hätten die Grenze zweimal illegal überschritten und chinesische Einheiten in provokative Angriffe verwickelt, die zu einem ernsten physischen Konflikt zwischen den beiden Grenzkräften geführt hätten. «China hat heftigen Protest gegen das Verhalten der indischen Seite eingelegt und fordert diese erneut ernsthaft auf, sich an den gemeinsamen Konsens zu halten und nicht für weiteren Ärger zu sorgen», so der Sprecher. China und Indien hätten sich darauf geeinigt, bilaterale Probleme durch Gespräche zu lösen und dazu beizutragen, Frieden in die Grenzregionen zu bringen.

«Indien sollte nie arrogant gegenüber China sein. China will keinen Konflikt mit Indien, es hat aber auch keine Angst davor.»

Hu Xijin, Chefredaktor der chinesischen Staatszeitung «Global Times»

Der einflussreiche Chefredaktor der chinesischen Staatszeitung «Global Times», Hu Xijin, schob auf seinem Weibo-Kanal dann aber noch eine weniger friedlich klingende Warnung hinterher: Indien solle die bisherige Zurückhaltung Chinas nicht als Schwäche missverstehen, schrieb er in seinem Blogbeitrag. «Indien sollte nie arrogant gegenüber China sein. China will keinen Konflikt mit Indien, es hat aber auch keine Angst davor.»

Flugplatz auf über 5000 Metern

Das Galwan Valley zählt zu den strategisch bedeutsamen Gegenden im Grenzgebiet, denn es liegt in unmittelbarer Nähe einer Strasse, die Indien seit mehreren Jahren für militärische Zwecke ausbaut und fast fertiggestellt hat. Sie führt von Leh 255 Kilometer weit bis zum äussersten indischen Stützpunkt Daulat Beg Oldi, kurz DBO genannt, wo auf 5065 Metern auch einer der höchsten Flugfelder der Welt liegt. Indien hat die Landebahn, die lange ungenutzt war, 2008 wieder in Betrieb genommen. Doch wenn es stimmt, dass chinesische Soldaten nun vorgerückt sind, wie Indien behauptet, und wenn die Volksarmee Stellungen nicht weit vom Gebirgshighway nach DBO hält, so wäre dies im Kriegsfall strategisch äusserst ungünstig für Indien. Auch am Pangong Tso, einem Bergsee weiter östlich, rückten chinesische Truppen im Mai vor und verweigern nach indischen Berichten bisher den Rückzug.

Frühlingsmanöver wegen Corona abgesagt

Delhi hatte seine Frühjahrsmanöver in Ladakh wegen der Covid-19-Krise abgesagt, die Verbreitung des Coronavirus bindet im Land viele Kräfte. Doch der Grenzkonflikt, der nun schnell zu eskalieren scheint, ruft düstere Erinnerungen wach. Der Grenzverlauf ist nie abschliessend festgelegt worden, die abziehenden Briten hinterliessen den Regierungen in Peking und Delhi eine ungelöste Frage, mit viel Konfliktpotenzial. In Indien sitzt die Schmach noch immer tief über den indisch-chinesischen Krieg im Jahr 1962, bei dem das Land keinen Sieg davontragen konnte. In Peking weiss man das genau. Indien solle nicht seine Lehren aus der Geschichte vergessen, schrieb so Chefkommentator Hu am Dienstag. Er hoffe, so die unverhohlene Drohung, Indien müsse nicht noch weitere Lektionen von China erteilt bekommen.

8 Kommentare
    Alois Amrein

    Wie in Südostasien im südchinesischen Meer fährt China auch gegen Indien einen aggressiven Expansionskurs, im Innern gegen Tibet und die Uiguren. Und nicht vergessen, China ist dran, sich in Afrika breit zu machen.