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Der Poller auf närrischer MissionAsoziale Fasnachtströten

Poller-Kolumnistin Gisela Feuz versucht sich in Heimfasnacht und zettelt eine Fehde an.

Frau Feuz startet aus Eigeninteresse einen Kleinkrieg gegen die Fasnacht.
Frau Feuz startet aus Eigeninteresse einen Kleinkrieg gegen die Fasnacht.
Foto: Keystone

Frau Feuz: ALAAAAAAAFFFFFFF!!

Nachbar: (durchs Loch in der Küchendecke): Feuz, was zum Teufel ist denn bei dir unten los?

Frau Feuz: Ich feiere Fasnacht.
Nachbar: Du bist Fasnächtlerin???

Frau Feuz: Nein, nicht wirklich. Aber in Luzern haben sie Staatstrauer ausgerufen und in Basel stehen sie kurz vor dem kollektiven Selbstmord. Da kann man sich doch auch mal bisschen solidarisch zeigen, nicht?! ALAAAAAAFFFFFFFF!

Nachbar: Du weisst aber schon, dass man «Alaaf» in Köln rumschreit und nicht in der
Schweiz, oder?!

Frau Feuz: Ach, Alaaf, Ahoi, Urknall, Karneval, Fasnacht, Fasching, fünfte Jahreszeit, ist doch alles Hans was Heiri, MORGESTRAAAAAAICH, VORWÄRTS, MARSCH!! Ich mach jetzt eine Cortège von der Küche ins Wohnzimmer, dort löte ich drei Liter Kafi Zwetschgenlutz und werfe Konfetti durch die Gegend.

Dann weiberfasnachte ich mit Pauken und Trompeten ins Gästezimmer mit Zwischenstopp im Entree beim Holdrio Stand, dann sühudiumzuge ich Richtung Schlafzimmer, dort flötle ich bisschen am Piccolo rum und zum Endstreich schunkle ich wieder zurück in die Küche.

Dann hab’ ich eine Woche lang einen Todeskater und in neun Monaten gebär ich ein Kind aus – i schwöre – unbefleckter Empfängnis. Fasnacht in a nutshell, wie der Zürcher sagen würde.

Nachbar: Feuz, du hast doch definitiv einen an der Gugge.

Frau Feuz: Jetzt sei hier mal nicht päpstlicher als der Papst. In erster Linie hoff ich ja, die
ollen Musen anzulocken.

Nachbar: ???

Frau Feuz: Na die neun griechischen Damen zuständig für die schönen Künste. Sind ja weiss Gott, pardon, weiss Zeus auch keine Kinder von Traurigkeit und lassen normalerweise keine Orgie aus. Ich bräuchte die jetzt ganz dringend, denn in zwei Wochen geh ich mit meiner Band ins Studio und muss bis dahin noch sieben Songtexte schreiben. Weisch wieni meine?!

Nachbar: Du veranstaltest diesen ganzen Fasnachtsseich nur, weil du hoffst, Musen in deine Wohnung zu locken, die dir dann zu Kreativität verhelfen? Jesses Feuz. Da kannst du ja gleich QAnon beitreten mit dem Aberglauben-Potenzial.

Frau Feuz: KLAPPE DORT OBEN! UND DIESE BLÖDEN SAUWEIBER VON MUSEN …

Nachbar: … ist ja gut, jetzt beruhig dich mal. Was hast du denn bis anhin geschrieben?

Frau Feuz: I’m a rockstar / sitting in a bar / hinein comes the Schmutzli / da stutzi / because is dreckig wiene moore / so I give him paar ad Ohre / «you dirty Ferkel you» I say / «you better go jetzt wieder hei» / The Schmutzli begins to cry / I nearly say goodbye / but then the Schmutzli quietly says: «vom Feuer der Fasnacht lebt nunmehr die Glut / das tut dem Herzen so gar nicht gut / Ob Basel, Luzern oder Langenthal / alle sagen ‹Corona, you can mich mal›» Fertig. Wahnsinnig gut, oder?! Dieser Pluralismus! Diese Intertextualität! Postmoderne in Reinform. Pulitzerpreisverdächtig.

Nachbar: Das ist so unglaublich schlecht, dafür würde dich jede Muse und jeder Fasnächtler geteert und gefedert aus der Stadt jagen.

Frau Feuz: Ach Nachbar. Was mach ich denn nun? Ich kann doch nicht ohne Songtexte ins Studio.

Nachbar: Na was man halt so tut, wenn man in der Bredouille steckt. Ablenken. Behaupten, man fliege zum Mond. Oder einen Krieg anzetteln.

Frau Feuz: Nun gut. IHR ELENDEN EINSIEDLER FASNÄCHTLER, WAS SEID IHR EIGENTLICH FÜR ASOZIALE TRÖTEN?! ICH HOFF, EUCH WACHSEN DIE MASKEN AN DEN GESICHTERN AN! HIER, NEHMT DIES! (Feuz wirft theatralisch den Backhandschuh auf den Boden. Dann zum Nachbar) Und? Wie war ich?

Nachbar: Ganz gut. Ich hol mir jetzt den Liegestuhl und machs mir hier oben bequem. Das will ich sehen, wie dich die Einsiedler zu Tode schunkeln.

Gisela Feuz ist freie Kulturjournalistin, Sängerin der Band The Monofones und gehört nicht zur gleichen Cliquet wie der Chef oder der Skifahrer. Für Songtextvorschläge ist sie mehr als dankbar.