Wer ist in Russland eigentlich noch sicher?

Putin macht sich für Investitionen stark. Doch seine Beamten haben gerade den bekanntesten ausländischen Fondsmanager hinter Gitter gebracht.

Arbeitet seit 25 Jahren in Russland: Baring-Vostok-Gründer Michael Calvey in einem Glaskäfig in einem Moskauer Gerichtssaal. (15. Februar 2019)

Arbeitet seit 25 Jahren in Russland: Baring-Vostok-Gründer Michael Calvey in einem Glaskäfig in einem Moskauer Gerichtssaal. (15. Februar 2019)

(Bild: Alexander Zemlianichenko/AP Photo)

Zita Affentranger@tagesanzeiger

Der russische Präsident Wladimir Putin machte bei seiner Rede an die Nation gestern eine klare Ansage: «Die Investitionen sollen 2020 um sechs bis sieben Prozent steigen», verlangte er. «Wir müssen alles loswerden, was die Freiheit und Initiative von Unternehmern einschränkt. Ein ehrliches Unternehmen kann nicht unter dauerndem juristischem Druck arbeiten, dauernd in Gefahr sein, vor Gericht gebracht zu werden.»

Putin weiss, wovon er spricht: Letzte Woche wurde das Management des grössten ausländischen Investmentfonds verhaftet. Der Chef von Baring Vostok, der 51-jährige Amerikaner Michael Calvey, arbeitet seit 25 Jahren in Russland und gilt als integrer und engagierter Investor. Doch nun drohen ihm und fünf seiner Leute bis zu zehn Jahre Haft wegen Betrugs. Das weckt selbst in Kreml-nahen Kreisen Unbehagen: Die Vorwürfe seien «dubios» und die für zwei Monate angeordnete Untersuchungshaft «klar illegal», erklärte der vom Präsidenten ernannte Ombudsmann für die Rechte von Unternehmern. Streitigkeiten unter Geschäftspartnern gehörten vor ein Zivilgericht und nicht vor ein Strafgericht. Der Wirtschaftsexperte Alexander Kudrin, ehemaliger Finanzminister und ein Berater Putins, sprach von einer Katastrophe für die russische Wirtschaft.

Keine Frage von Schuld und Sühne

Dabei ist das Image Russlands bei Kapitalgebern schon schlecht genug: Wegen Korruption, Rechtsunsicherheit, der geopolitischen Querelen und der westlichen Sanktionen sind die Direktinvestitionen im Land letztes Jahr erneut um über eine Milliarde Dollar gesunken. Manche Beobachter verstehen Calveys Verhaftung als klares Signal des Kremls, nicht weiter an westlichen Investitionen interessiert zu sein: Wenn jemand, der Russland so gut kenne wie Calvey, in eine solche Situation geraten könne, sei für andere Investoren guter Rat teuer. Und jeder müsse sich nun fragen, ob er hier eigentlich noch sicher sei.

Die Behörden werfen dem Amerikaner vor, er habe die Aktionäre einer russischen Regionalbank betrogen. Geklagt hat einer seiner Geschäftspartner, dem gute Beziehungen zum Geheimdienst und zu den mächtigen Staatskonzernen nachgesagt werden. Viele Experten sind deshalb davon überzeugt, dass es hier nicht um Schuld und Sühne geht, sondern darum, jemandem mithilfe von bestechlichen Sicherheitsdiensten und Gerichten das Business abzujagen und das Geld in die eigene Tasche zu stecken.

Er spielt nach den Regeln

Parallelen sind schnell gezogen: 2003 wurde der Chef der grössten russischen Ölfirma Jukos, Michail Chodorkowski, wegen Steuerhinterziehung und Betrugs angeklagt. In einem unfairen Prozess wurde er zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt, sein Konzern wurde an russische Energiegiganten wie Rosneft verscherbelt. Oder 2005: Damals musste der US-Investor Bill Browder das Land verlassen, weil sein Investmentfonds sich mit dem Gaskonzern Gazprom angelegt hatte. Als einer seiner Mitarbeiter, der Anwalt Sergei Magnitsky, später in Haft starb, startete Browder in den USA eine Menschenrechtskampagne. Der amerikanische Kongress führte 2011 die Magnitsky Act ein, ein Gesetz, das vielen russischen Beamten die Einreise in die USA verbietet. Calveys Verhaftung belege, dass Russland «ein komplett korruptes Land sei, in das man nicht mehr investieren kann», erklärte Browder.

Wie damals Browder gebietet heute Calvey über den grössten Investmentfonds in Russland, der über die Jahre 3,7 Milliarden Dollar in die russische Wirtschaft eingespeist hat. Doch im Gegensatz zu Browder hielt sich Calvey stets bedeckt. Er spielte nach den Regeln, den geschriebenen und den ungeschriebenen, er hielt sich von den Oligarchen und den mächtigen Staatskonzernen fern und investierte auch nicht in die hoch korrupte Energiewirtschaft. Stattdessen arbeitete er mit kleineren und mittelgrossen Firmen vor allem in der Technologiebranche. Eine seiner Erfolgsgeschichten schrieb er mit dem langjährigen Engagement bei Yandex, heute die grösste russische Internetsuchmaschine. Der Chef von Yandex hat sich umgehend für Calvey verbürgt.

In Haft und in Kampfstimmung

Auch politisch hat sich Calvey, im Gegensatz zu Chodorkowski oder Browder, nie exponiert. Er hat Putin mehrmals persönlich getroffen und sich mit Kritik immer zurückgehalten. Diese Strategie ging fast 25 Jahre auf, doch nun ist Calvey doch noch gestolpert. Und ob er dem Kreml wichtig genug ist, um in die Machenschaften der eigenen Gefolgsleute einzugreifen, ist noch offen. «Vermutlich ist die Regierung nicht direkt verantwortlich, doch sie ist indirekt verantwortlich, weil sie nicht in der Lage ist, starke Institutionen aufzubauen, die Eigentumsrechte zu schützen und eine unabhängige Justiz aufzubauen», kommentiert der Analyst Ben Aris in der «Moscow Times». Der Kreml habe die westlichen Investoren aufgegeben und setze lieber auf asiatische oder arabische Geldgeber, die weniger Dünkel hätten und sich nicht um westliche Sanktionen scherten.

Doch Michael Calvey will nicht klein beigeben, er sei in «Kampfstimmung», liess sein Anwalt ausrichten. Und nach dem Statement Wladimir Putins vor versammelter Nation wird der Amerikaner zumindest wieder hoffen können.

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