Das Loch, das zu einem Strudel wird

In ihrem Debütroman «Jonas bleibt» erzählt die Berner Autorin Arja Lobsiger von einer Familie, die am Tod ihres Kindes zu zerbrechen droht.

Ihr Debütroman «Jonas bleibt» ist bereits jetzt ein Erfolg.

Ihr Debütroman «Jonas bleibt» ist bereits jetzt ein Erfolg.

(Bild: Carmen Wueest)

Harmlos wirkt er, der Fluss, gemächlich fliesst er vor sich hin im Frühling. «Niemand schien zu bemerken, dass der Fluss ein Mörder war. Hinterlistig hatte er das Kind verschluckt. Das Maul kaschiert mit einer Eisdecke.» Die Frau, die dieses Gewässer anklagt, ist Alice. Sie und ihr Mann Jonas haben ihren Knaben verloren. Zusammen mit seiner Schwester Etna war Finn im Winter unterwegs zur Cousine; während eines kurzen Zwischenhalts beim zugefrorenen Fluss wagt er sich auf die Eisfläche, bricht ein und ertrinkt. In ein Loch, das sich in einen Strudel verwandelt, fallen danach auch die Hinterbliebenen: Die Mutter versinkt in Depressionen, der Vater erstarrt, die Tochter wird von Schuldgefühlen gepeinigt.

Die junge Berner Autorin Arja Lobsiger hat sich in ihrem Debütroman «Jonas bleibt» ein schweres Thema vorgenommen: der Verlust eines Kindes, die traumatisierenden Wirkung auf die Hinterbliebenen, Sprachlosigkeit, Isolation und Schuld. Die 32-jährige Absolventin des Schweizer Literaturinstituts bricht jedoch unter dem Gewicht dieser Vorgaben nicht ein. Im Gegenteil: Sie findet eine sparsame, poetische Sprache, überzeugt mit einer klugen Konstruktion, die geschickt mit Rückblenden arbeitet, und webt ein dichtes Netz von meist unaufdringlich präsenten Motiven.

Blick in den Abgrund

In ihrem schmalen Roman erzählt sie meist abwechselnd aus der Perspektive von Alice und von Jonas. Sie flieht vor der Vergangenheit in den Süden auf eine Vulkaninsel – der Roman könnte ebenso gut «Alice geht» heissen –; er bleibt allein mit einem streunenden Fuchs im Haus mit dem wuchernden Garten zurück, nachdem auch die Tochter ausgezogen ist. Die Familie ist zerbrochen. Und doch gibt es in dieser Talentprobe einer erstaunlich reifen Autorin leise Hoffnung – wenn am Ende Jonas in seinem «Dschungel» vier Möwen Richtung Süden fliegen sieht, die Alice erblickt, als sie vor dem Vulkankrater steht und in den Abgrund blickt.

Buchhandlung Haupt Bern Donnerstag, 7. September, 19 Uhr.

Der Bund

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