Die Stadt Bern erprobt das Teillohnmodell

Arbeitslose sollen arbeiten und dabei so viel verdienen, wie sie leisten. Vom Modell verspricht man sich weniger Kosten für die Sozialhilfe und die Festanstellungen.

Die Stadt wolle das Projekt «Teillohnmodell» untestützen, sagte Edith Olibet, Vorsteherin der Direktion für Bildung, Soziales und Sport, am Donnerstag an einer Pressekonferenz.

Die Stadt wolle das Projekt «Teillohnmodell» untestützen, sagte Edith Olibet, Vorsteherin der Direktion für Bildung, Soziales und Sport, am Donnerstag an einer Pressekonferenz.

(Bild: Valérie Chételat)

Das Pilotprojekt «Teillohnmodell» wird während zweier Jahre in der Stadt Bern erprobt. Das eröffnete am Donnerstag Edith Olibet, Vorsteherin der Direktion für Bildung, Soziales und Sport, an einer Pressekonferenz. «Eine Arbeitsstelle steigert das Selbstwertgefühl, bringt soziale Kontakte und macht finanziell unabhängig.» So begründet die Gemeinderätin den Entscheid der Stadt, dieses Pilotprojekt einmalig mit 385'000 Franken zu unterstützen. Am Projekt von Stadt und Sozialamt beteiligen sich auch der städtische Gewerbeverband KMU, die Gewerkschaft Unia sowie der Handels- und Industrieverein Sektion Bern (HIV).

«Ei des Kolumbus»

Das Teillohnmodell beruht auf einer 2008 publizierten Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. In der Stadt Bern sollen dank dem Projekt ab Februar 2013 40 Langzeitarbeitslose, die nur teilweise leistungsfähig sind, schrittweise in ihr ursprüngliches Arbeitsfeld integriert werden. Ziel der Vermittlung ist eine Festanstellung. Anvisierte Branchen wären etwa Autogewerbe, Bau, Detailhandel, Pflege oder Reinigung. Entlöhnt wird dabei nur die effektiv erbrachte Leistung des Arbeitslosen: Wenn Frau XY 5 Tage in der Reinigung arbeitet, aber nur halb so viel wie die Norm erledigt, erhält sie nur 50 Prozent vom branchenüblichen Lohn. So soll Lohndumping entgegengewirkt werden. Den Differenzbetrag zum Existenzminimum bezahlt die Sozialhilfe.

Zur Umsetzung wird ein Verein gegründet, über den die Betreuung und das Anstellungsverhältnis geregelt werden. Für das Sozialamt fallen damit Beiträge und Vermittlungsarbeit weg. Man geht von schwarzen Zahlen aus, falls jeder Teillohnempfänger mehr als 1050 Franken monatlich verdient. Felix Wolffers, Leiter des Berner Sozialamts, sieht nur Vorteile im Modell, das er sprichwörtlich «Ei des Kolumbus» nennt.

Bis im Februar müssen indes noch genug Betriebe für das Pilotprojekt gefunden werden. HIV-Präsident Bernhard Emch wirbt derzeit bei den Unternehmen um Plätze für das Teillohnmodell. Betriebe, die Teillohnempfänger aufnehmen, sollen im Gegenzug bei Auftragsvergaben der Stadt mehr beachtet werden. Andererseits müssten allenfalls interne Stellenprozente gestrichen werden.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor: Mit dem Kanton stehen noch Verhandlungen über einen allfälligen finanziellen Beitrag an das Projekt an.

Der Bund

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