Rotes Kreuz macht Flüchtlinge fit für Pflegeberufe

Das Schweizerische Rote Kreuz bietet mit Sesam ein neues Ausbildungsangebot an – speziell für Flüchtlinge. Dieses soll für eine rasche Eingliederung in den Arbeitsmarkt sorgen.

Rahel Tesfazghi und Gebrezgi Araya sind Teil der ersten Sesam-Klasse im Kanton Bern.

Rahel Tesfazghi und Gebrezgi Araya sind Teil der ersten Sesam-Klasse im Kanton Bern.

(Bild: Adrian Moser)

Martin Erdmann@M_Erdmann

Im Zimmer 267 des Bildungszentrums des Rotkreuz-Kantonalverbandes Bern herrscht Hochbetrieb. An der hufeisenförmigen Tischkonstellation sitzen 12 Menschen aus 6 verschiedenen Ländern. Sie verbindet nicht nur, dass ihnen gerade der Imperativ verschiedener Verben beigebracht wurde.

Sie alle haben sich in einem Auswahlverfahren des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) gegen 24 Mitbewerber durchgesetzt und bilden nun die erste Sesam-Klasse. Sesam ist ein SRK-Bildungsangebot mit dem Ziel, Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene in Pflegeberufe zu integrieren.

Gebrezgi Araya ist einer von ihnen. Der 34-jährige Eritreer kam 2014 über Italien in die Schweiz. In seiner Heimat war er Sanitäter beim Militär. Ein Vorteil für den angestrebten Pflegeberuf? «Nicht wirklich. Hier werde ich mit älteren Menschen zu tun haben.» Zudem sei vor allem die Sprache eine grosse Hürde. «Deutsch zu lernen, ist sehr schwierig.»

Ebenfalls aus Eritrea stammt Rahel Tesfazghi. Sie lebt eineinhalb Jahre länger als Araya in der Schweiz und wünscht sich, endlich arbeiten zu können. «Bisher habe ich nur Sprachschulen besucht.» Mit dem Sesam-Programm glaubt sie, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. «Schon als Kind wollte ich Krankenschwester werden. Durch diesen Lehrgang komme ich meinem Traumberuf etwas näher.»

Hürde hoch angesetzt

Mithilfe von Sesam soll die Klasse bis Ende Jahr das Zertifikat Pflegehelfer SRK in der Tasche haben, einen national anerkannten Leistungsnachweis. Doch wie stehen die Chancen, dass damit die Eingliederung in den Arbeitsmarkt gelingt? «Diese sind sehr hoch», sagt Barbara Zahrli, die das schweizweite Projekt im Kanton Bern leitet.

Die Ausbildung zum Pflegehelfer wird vom SRK schon seit 50 Jahren angeboten. Wie eine vom SRK in Auftrag gegebene Studie zeigt, finden 86 Prozent der Lehrgangabsolventen eine Anstellung. Zahrli glaubt nicht, dass sich das bei der Flüchtlingsklasse ändern wird. «Ein Viertel der bisherigen Absolventen waren Migranten. Die Erfolgsquote war bei ihnen genau gleich.»

Die Anmeldung zum Sesam-Lehrgang erfolgt über die Sozialdienste. Laut Zahrli ist die Nachfrage zurzeit viel höher als das Angebot. «Viele Interessenten müssen wir wegen noch ungenügender Sprachkentnisse ablehnen.» Die Hürden, um zum Lehrgang zugelassen zu werden, seien absichtlich hoch angesetzt worden. «Wir wollen, dass das Projekt Erfolg hat und möglichst viele Teilnehmer die Abschlussprüfung bestehen.»

Im vergangenen Herbst ist die Rekrutierung der Teilnehmer angelaufen. Die Teilnehmer wurden zu Eignungsgesprächen eingeladen. «Wir wollten wissen, wie motiviert sie sind und wie es um ihre Deutschkentnisse steht.» Denn zur Aufnahme in den Lehrgang ist Deutsch auf A2-Niveau nötig. Sie müssen sich also auf einfache Art im Alltag verständigen können. Das Programm setzt ein 100-Prozent-Pensum voraus.

Der modulare Aufbau des Lehrgangs mischt Theorie mit Praxis. «Im Juni werden die Teilnehmenden ein viermonatiges Praktikum absolviert haben», sagt Zahrli. Das sei gerade für die Sprachkentnisse wichtig. «Die Anwendung in der Praxis ist sehr wichtig. Isolierte Sprachkurse nützen nicht viel.»

Pilotprojekt vorläufig bis 2018

Nach bestandener Abschlussprüfung sollen die Sesam-Teilnehmer in Institutionen der Langzeitpflege eingesetzt werden, also zum Beispiel in Altersheimen oder bei der Spitex. Dabei sollen sie selbstständig Tätigkeiten im Bereich der Grundpflege ausüben. «Sie unterstützen die betreuten Personen beispielsweise bei der Körperpflege oder beim An- und Auskleiden», sagt Zahrli.

Das Pilotprojekt wird vom Staatssekretariat für Migration und vom SRK mit je einer Million Franken unterstützt. Vorerst soll es bis 2018 weitergeführt werden.

Der Bund

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